„Wir sind noch lange nicht am Ziel“

<p>Der Druck auf die belgischen Krankenhäuser und Intensivstationen bleibt hoch (Bild: CHC in Lüttich).</p>
Der Druck auf die belgischen Krankenhäuser und Intensivstationen bleibt hoch (Bild: CHC in Lüttich). | Foto: ap

Die Gesamtzahl der Todesfälle in Belgien ist auf 2.035 gestiegen. Darin enthalten sind neben 162 neuen Todesfällen auch 241 Bewohner von flämischen Altenheimen, die zwischen dem 1. und 4. April verstorben sind und jetzt erst in die Zahlen aufgenommen wurden. „Es handelt sich um Betagte von mindestens 85 Jahren und mit Grunderkrankungen“, sagt der Virologe Steven Van Gucht, der betont, dass die Zahlen sowohl bestätigte Covid-19-Patienten als auch Verdachtsfälle umfassen. Die Sterbefälle in den Altenheimen im Rest des Landes waren bereit in den Statistiken enthalten.

Am Montag wurden 314 Infizierte ins Krankenhaus eingewiesen. Das ist weniger als am Tag zuvor, als 420 Aufnahmen gezählt wurden. Vergangene Woche waren täglich zwischen 500 und 600 Einweisungen registriert worden. Insgesamt liegen 6.012 Patienten in den Krankenhäusern, davon 1.260 auf der Intensivstation – drei mehr als am Vortag. 999 Patienten werden künstlich beatmet (plus 15). 71 Personen durften das Krankenhaus genesen verlassen. Es wurden landesweit 1.380 Neuinfektionen gemeldet (gesamt: 22.194). Seit dem Ausbruch der Epidemie wurden 80.512 Diagnosetests durchgeführt.

In Ostbelgien waren am Montag 16 Patienten hospitalisiert, von denen neun intensivmedizinisch betreut wurden. 26 Personen haben seit dem 15. März das Krankenhaus verlassen können, 16 verstarben.

„Die Corona-Zahlen für Belgien bleiben sehr hoch“, sagt Yves Stevens, Sprecher des Krisenzentrums. „Jeden Tag kommen zahlreiche Opfer hinzu. Nach mehr als drei Wochen sehen wir in den Zahlen aber erstmals einen sehr vorsichtigen positiven Trend. Der Rückgang der Zahl der Krankenhauseinweisungen ist ermutigend. Wir sind noch lange nicht am Ziel, aber wir sind auf dem richtigen Weg.“ Nähern wir uns dem Höhepunkt der Ansteckungswelle? „Wir müssen zwischen zwei Zahlen unterscheiden“, sagt Van Gucht. „Als Erstes die der neu aufgenommenen Patienten; hier stellen wir über einige Tage eine Stabilisierung, sogar einen Rückgang fest. Das sieht nach einem Höhepunkt aus. Zweitens die Anzahl Patienten, die in den Krankenhäusern bleiben, und diese steigt weiter an trotz rückläufiger Neuaufnahmen. Das liegt daran, dass die Patienten oft mehrere Wochen im Krankenhaus bleiben. Wir erwarten einen Rückgang in den kommenden Wochen, aber wir wissen noch nicht, wann.“ Ziel ist es, in naher Zukunft die Anzahl der Diagnosetests bei den Bewohnern und dem Personal der Alten- und Pflegeheime zu erhöhen. Am Dienstag wurden landesweit 20.000 Tests an die Heime verteilt. „Labortechnisch ist eine Ausbreitung der Tests jetzt schon möglich, aber wir müssen noch eine Anpassung der Kriterien abwarten, sodass auch Menschen mit milderen Symptomen untersucht werden können“, erläutert Van Gucht. „Die bisher verwendeten Kriterien konzentrieren sich vor allem auf Pflegekräfte und schwerkranke Menschen, deren Zahl abnimmt“, bestätigt der Mikrobiologe Emmanuel André. „Das Ziel ist es, allen einen diagnostischen Test anbieten zu können, sowohl den Fachleuten, die dort arbeiten, als auch den Bewohnern“, so der interföderale Sprecher für den Kampf gegen Covid-19.

Steven Van Gucht schätzt im Übrigen die Wahrscheinlichkeit recht hoch ein, dass das Sars-CoV-2 zu einem Virus wird, das jede Saison wiederkehren kann. „Das ist an sich nicht schlecht. Wir erwarten, dass sich das Virus immer mehr wie ein Erkältungsvirus, wie die Grippe, verhält. Auch wenn die Bevölkerung nur zum Teil immun ist, werden die Folgen weniger schlimm sein und werden sich weniger Menschen gegenseitig anstecken. Das Problem ist, dass wir uns jetzt in einer Phase der niedrigen Immunität befinden, in der viele Menschen für dieses Virus anfällig sind und noch viele schwere Infektionen stattfinden können. Da müssen wir durch. Bis wir ein Gleichgewicht zwischen dem Infektionsdruck und einer ausreichenden Immunität der Bevölkerung (Herdenimmunität, A.d.R.) haben, dauert es noch ein paar Jahre.“

Neben der Testkapazität bezeichnet der Virologe auch die Rückverfolgung (Tracking, eventuell über eine App) von Personen, mit denen eine infizierte Person in Kontakt gekommen ist, als wichtig beim Ausstieg aus den Corona-Beschränkungen. Eine Arbeitsgruppe prüfe derzeit, wie wir dies am besten in Angriff genommen werden kann.

Das Krisenzentrum beharrt auf seinem Standpunkt Position zum Tragen von Mundschutz in der Öffentlichkeit. „Wir glauben, dass das Tragen von Mundmasken im gegenwärtigen Kontext wenig Mehrwert bietet. Wir haben uns für den Ansatz des Abstandhaltens entschieden. Das Tragen von Masken trägt wenig dazu bei. Ein gesunder Mensch braucht keine Maske. Wenn es in Zukunft wieder einen intensiveren Kontakt gibt, kann dies in Betracht gezogen werden.“

Das wissenschaftliche Gesundheitsinstitut Sciensano und das Institut für Tropenmedizin werden untersuchen, inwieweit Beschäftigte in Krankenhäusern mit Covid-19 in Kontakt gekommen sind. Die Studie soll unter anderem Einblick in die Wirkung von Schutzmaßnahmen in diesem Sektor geben.

Die Institute werden 850 Mitarbeiter des Gesundheitspersonals über einen Zeitraum von fünf Monaten überwachen. Die Teilnehmer werden untersucht, ob sie Träger des Virus sind und ob sie Antikörper gegen das Virus im Blut haben.

Unser Land organisiert seit dem 18. März Flüge, um die Belgier im Ausland zurückzuholen. Seitdem hat Belgien mit Sonderflügen mehr als 5.000 Belgier in ihre Heimat zurückgeholt. Laut Außenminister Philippe Goffin (MR) handelt es sich um die größte Rückführungsaktion, die je vom belgischen Außenministerium organisiert wurde. Zudem konnten Tausend Belgier über den europäischen Koordinierungsmechanismus zurückgeführt werden.

Verlängerung des akademischen Jahres an Unis und Hochschulen

Die Regierung der Französischen Gemeinschaft hat am Dienstag beschlossen, dass die Universitäten und Hochschulen das akademische Jahr bis 10. Juli verlängern können, um die Endjahresprüfungen zu organisieren. Die Abschlussprüfungen im 6. Primar-, 2. Sekundar- und 6. Sekundarschuljahr (Abitur) werden annulliert, sollten die Schulen im frankofonen Landesteil über den 19. April (Ende der Osterferien) hinaus geschlossen bleiben. Die Aufnahmeprüfungen für das Medizinstudium werden auf den 28. August und 14. Oktober verschoben.

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