Wunder, oh Wunder!

„Wunder“ laut Duden: Außergewöhnliches, den Naturgesetzen oder aller Erfahrung widersprechendes und deshalb der unmittelbaren Einwirkung einer göttlichen Macht oder übernatürlichen Kräften zugeschriebenes Geschehen, Ereignis, das Staunen erregt.

Wenn die Verantwortlichen der Katholischen Kirche ihren Gläubigen suggerieren, dass durch Gebete oder andere zeremonielle Aktivitäten Wunder geschehen können, dann unterstellen sie auch, dass der von ihnen verehrte Gott die Welt mit ihren Naturgesetzen so mangelhaft erschaffen hat, dass er immer wieder korrigierend eingreifen muss, wenn man nur inständig genug darum bittet. Haben denn die Verzweifelten in den KZs und Gulags, in den Flüchtlingslagern nicht inständig genug gebetet? Symbolik und Rituale können den Menschen Halt geben, wenn sie in diesen furchtbaren Tagen leiden.

Viele werden sich durch die Stunde auf dem Petersplatz gestärkt fühlen, vereint in einem gemeinsamen Glauben unter der Führung ihres geistlichen Oberhauptes. Meiner Auffassung nach ist die Welt derart vom Göttlichen „durchtränkt“, dass der Mensch dank seiner Fähigkeiten (Verstand, Intelligenz, Liebesfähigkeit) in der Lage ist, die sich ihm stellenden Herausforderungen ohne Hilfe „von oben“ zu meistern. In dieser Gottesvorstellung ist kein Platz für Wunder, die den Naturgesetzen widersprechen. Dort ist allerdings viel Raum für tatkräftige, liebende Selbstverantwortung.

Der große Philosoph Immanuel Kant schrieb: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Zu Gott führen viele Wege. Der „aufgeklärte“ Weg scheint mir als Christ der steinigere zu sein. Gott sei Dank gibt es viele Priester und Theologen, auch im kleinen Ostbelgien, die diesen Weg mit uns zu gehen bereit sind.

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