Stephanie Hansen hat schlecht geschlafen. Die Geschäftsfrau hat am Dienstagmorgen eine Entscheidung getroffen, die ihr nicht leichtgefallen ist. Ihr Geschäft für Herrenbekleidung (Verso) wird ab sofort geschlossen bleiben. Letzte Änderungsarbeiten sollen noch ausgeführt werden, aber Kunden wird sie nicht mehr empfangen. „Ich habe hin und her überlegt, und bin zu dem Entschluss gekommen, dass es das einzig Vernünftige ist“, sagt sie am Dienstagmittag. „Ich möchte die Gesundheit meiner Familie, Mitarbeiter und Kunden nicht aufs Spiel setzen. Wenn ich dazu beitragen kann, dass sich das Virus nicht weiter verbreitet, dann tue ich das.“
Damit ist Stephanie Hansen dem Nationalen Sicherheitsrats zuvorgekommen, der inzwischen die Schließung aller Geschäfte ab Mittwochmittag angeordnet hat.
Wirtschaftlich sei das Ganze eine Katastrophe. „Natürlich hat man existenzielle Ängste. Wenn wenigstens abzusehen wäre, wie lange dieser Zustand andauern soll, dann könnte man sich darauf einstellen. Aber ich bin nicht so blauäugig, zu glauben, dass in drei Wochen alles wieder seinen gewohnten Lauf nehmen wird“, sagt Stephanie Hansen. „Und wenn doch, dann waren es die schwärzesten drei Wochen seit langer Zeit.“
Dabei hatten sich die Eupener Geschäftsleute Ende letzter Woche noch ausgesprochen kämpferisch gezeigt. Weil sie fortan an den Samstagen schließen müssen, hatten sie kurzerhand gemeinsam entschieden, alternativ an den Montagen, der für viele ein Ruhetag ist, zu öffnen. Doch all der gute Wille ist vergebens, wenn Kundschaft und Umsatz ausbleiben.
Auch Alice Piana vom Kindergeschäft Bonbon möchte sich und ihre Kunden „nicht weiter einem unnötigen gesundheitlichen Risiko aussetzen“. Deswegen hat auch sie am Dienstagmorgen beschlossen, ihr Geschäft zu schließen. Die 33-Jährige hatte bereits in den vergangenen Tagen eine Reihe von Vorkehrungen getroffen: Jeden Kunden bat sie, nichts anzufassen, ohne sich zuvor die Hände desinfiziert zu haben. Mehrmals täglich desinfizierte sie Türklinken und das EC-Kartenlesegerät. Maximal zwei Kunden durften sich gleichzeitig im Geschäft aufhalten. „Das ist ja auch kein Zustand. Dann schließe ich lieber“, sagt sie am Dienstagmittag, als noch nicht abzusehen war, dass dieser Schritt ohnehin unmittelbar bevorsteht. Erreichbar möchte sie dennoch weiterhin bleiben: „Man kann weiter über unseren Onlineshop bestellen oder mich kontaktieren, wenn man etwas benötigt. Ich liefere die Sachen dann nach Hause, natürlich unter Berücksichtigung aller nötigen Sicherheitsmaßnahmen.“
Andere Geschäftsleute hatten zunächst abwarten wollen, ob die Maßnahmen tatsächlich verschärft werden. Evelyne Thielen vom Bekleidungsgeschäft Sandy’s möchte ihr Geschäft erst schließen, wenn sie keine andere Wahl mehr hat, also ab Mittwochmittag. „Ich bin angewiesen auf jeden Cent, der jetzt noch in die Kasse kommt“, gibt sie ehrlich zu. Sie hat gerade erst die neue Frühlings- und Sommerware in die Regale geräumt, doch nur selten hat sich in den letzten Tagen noch ein Kunde ins Geschäft verirrt. „Manche halten die Maßnahmen für übertrieben, andere sind total verunsichert“, erzählt die 40-Jährige. Mit ihren Lieferanten habe sie flexiblere Zahlungsfristen vereinbaren können, das verschaffe ihr ein wenig Luft.
Die Ungewissheit nagt besonders an den Geschäftsleuten. „Es ist nicht abzusehen, wie lange dieser Ausnahmezustand andauern soll“, erklärt Lucas Reul stellvertretend für die Eupener Einzelhändler. „Viele haben Existenzängste. Zwei Wochen überstehen die meisten. Vier werden schon sehr schwierig“, formuliert er es in aller Klarheit. Die laufenden Kosten könnten einigen Geschäftsleuten das Genick brechen. „Und man braucht auch noch ein bisschen zum Leben.“
Trotz oder vielleicht gerade wegen der angespannten Situation sei „der Zusammenhalt unter den Geschäftsleuten so groß wie noch nie“, sagt Lucas Reul. Stephanie Hansen kann das nur bestätigen: „Wir unterstützen uns gegenseitig, wo es nur geht.“ Dass viele nun einen langen Atem beweisen müssen, liegt auf der Hand. Lucas Reul hofft, dass die Kunden den Geschäftsleuten die Treue halten: „Ich appelliere an die Leute, ihr Budget nicht online auszugeben, sondern aufzusparen und damit die Geschäftsleute zu unterstützen, wenn alles überstanden ist. Nur so können wir die Lage bewältigen.“
Sobald wieder Normalität eingekehrt ist, wollen die Geschäftsleute wieder gemeinsam mit vollem Elan durchstarten. Bis dahin lassen sie sich nicht unterkriegen, betont Reul: „Wir sind auch weiterhin positiv eingestellt. Wir ziehen an einem Strang und werden kämpfen.“ Immerhin haben sie schon einmal bewiesen, dass sie ganz schön zäh sind. Damals, als die Innenstadt eine ewige Baustelle war.

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