Die französische Polizei hat im Missbrauchsskandal um den verstorbenen US-Multimillionär Jeffrey Epstein erneut einen Zeugenaufruf gestartet – diesmal international. In der am Freitag auf Französisch und Englisch veröffentlichten Mitteilung werden Zeugen und Opfer sexueller Belästigung oder sexuellen Missbrauchs um eine Aussage gebeten. In Großbritannien stellt sich erstmals Prinz Andrew Fragen zu dem Skandal.
Epstein hatte sich am 10. August in einem New Yorker Gefängnis das Leben genommen. Ihm war von der Staatsanwaltschaft der US-Metropole vorgeworfen worden, Dutzende minderjährige Mädchen sexuell missbraucht zu haben. Zudem soll der 66-jährige Geschäftsmann zwischen 2002 und 2005 einen Missbrauchsring aufgebaut haben, in dem seine Opfer zur Prostitution gezwungen wurden, so die Anklageschrift.

Epstein zählte zahlreiche Prominente aus Politik und Gesellschaft zu seinen Freunden. Einige davon gerieten nach Bekanntwerden der Vorwürfe in die Kritik. Besonders im Fokus steht der britische Prinz Andrew (59). Der zweitälteste Sohn von Königin Elizabeth II. gab der BBC nun ein Interview über sein Verhältnis zu dem Geschäftsmann. Es sei das erste Mal, dass der Prinz Fragen zu dem Missbrauchsskandal beantwortet, teilte die BBC am Freitag mit. Am Samstagabend (22 Uhr (MEZ) bei BBC 2) soll das Interview ausgestrahlt werden.
Prinz Andrew bereut den Aufenthalt bei Epstein. In einem am Freitag veröffentlichten Auszug aus einem BBC-Interview sagte er, sein Verweilen bei Epstein sei „für ein Mitglied der Königlichen Familie nicht geziemend“ und „enttäuschend“.
Andrew sieht sich schweren Vorwürfen ausgesetzt. Eines der Epstein-Opfer behauptete, sie sei mehrmals zum Sex mit dem Royal gezwungen worden. Der Palast wies das als „unwahr“ zurück. Trotzdem riss die Kritik an Andrew nicht ab. Immer wieder kamen Aufnahmen zutage, die ihn mit Epstein oder in dessen Anwesen in New York zeigten – selbst nachdem der Multimillionär bereits eine erste Gefängnisstrafe wegen der Vorwürfe abgesessen hatte.
„Seine Königliche Hoheit verurteilt die Ausbeutung eines jeden Menschen“
Bereits im Sommer fühlte sich Andrew deshalb zu einer Erklärung genötigt. Darin stritt der Prinz ab, von den Machenschaften Epsteins gewusst zu haben. „Ich habe Mr. Epstein 1999 kennengelernt. Während der Zeit, als ich mit ihm bekannt war, sah ich ihn unregelmäßig und wahrscheinlich nicht mehr als ein- oder zweimal im Jahr. Ich war in einer Reihe seiner Anwesen zu Gast.“ Von den mutmaßlichen Missbrauchsfällen habe er nichts mitbekommen. Es sei aber ein Fehler gewesen, Epstein nach dessen Freilassung wiederzusehen, gab er zu.
In einer früheren Mitteilung des Palasts hieß es: „Seine Königliche Hoheit verurteilt die Ausbeutung eines jeden Menschen und die Unterstellung, er würde solches Verhalten dulden, daran teilnehmen oder dazu animieren, ist abscheulich.“ Seine Mutter scheint hinter ihm zu stehen. Die Queen zeigte sich im Sommer demonstrativ öffentlich mit Andrew, als die Aufmerksamkeit für seine Freundschaft mit Epstein einen vorläufigen Höhepunkt erreichte.
Opfer und Komplizen Epsteins sollen Berichten zufolge auch aus Frankreich stammen. Die Pariser Staatsanwaltschaft leitete Ende August Vorermittlungen ein und startete bereits Mitte September einen Zeugenaufruf. Im Zusammenhang mit dem Fall wurden auch die Wohnung des US-Amerikaners und eine Modelagentur in Paris im schicken 8. Arrondissement durchsucht. „Wir untersuchen, wie Sie wissen, Jeffrey Epstein und sein Umfeld“, sagte Philippe Guichard von der Zentralstelle der Polizei für die Bekämpfung von Gewalt gegen Menschen dem Sender Franceinfo.
Guichard betonte, es sei die beste Lösung, einen Zeugenaufruf auf Französisch und Englisch zu veröffentlichen. Man suche nach französischen oder ausländischen Opfern, die von Franzosen oder Ausländern vergewaltigt oder angegriffen wurden sowie möglichen französischen Tätern, so Guichard. Nachdem sich erste Zeugen gemeldet hatten, habe man den Eindruck bekommen, dass Betroffene nicht wüssten, an wen sie sich wenden sollen. (dpa)

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