Das schreckliche Wort fiel nach der Rückkehr aus der Geburtsstation des nahen Krankenhauses: Ebola. Bei der Kongolesin Kaswera Kahumba sitzt der Schmerz noch immer tief. Ihre Schwiegertochter hatte in der Klinik der Stadt Beni ein Kind zur Welt gebracht. Nach ihrer Rückkehr war sie plötzlich krank geworden: Sie hatte sich während des Klinikaufenthalts mit dem Virus infiziert. „Wir brachten sie in ein nahe liegendes Krankenhaus, aber nach ein paar Tagen starb sie“, erinnert sich die 63-jährige Kahumba. „Wir vermissen sie sehr.“ Noch immer tötet das seit einem Jahr in der Region wütende Ebola-Virus Menschen im Kongo.
Noch hat der Ausbruch nicht das Ausmaß der Epidemie in Westafrika vor fünf Jahren erreicht.
Am 1. August 2018 hatte das Gesundheitsministerium den Ebola-Ausbruch der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeldet. Im Juli waren bereits einige Fälle eines mit Blutungen einhergehenden Fiebers aufgetreten, ohne dass Mediziner sofort Ebola diagnostiziert hatten. Noch immer ist die gefährliche Seuche nicht unter Kontrolle. Bislang sind rund 2.700 Menschen erkrankt und fast 1.800 Patienten gestorben. Inzwischen wurden zwei Fälle in der Millionenstadt Goma festgestellt - der jüngste wurde am Dienstag bekanntgegeben. Die Gefahr einer Ausbreitung in die Nachbarländer ist groß. Goma liegt direkt an der Grenze zu Ruanda und im naheliegenden Uganda wurden bereits drei Fälle bekannt. Sollte Ebola in das Krisenland Südsudan gelangen, wären die Folgen womöglich verheerend.
Noch hat der Ausbruch nicht das Ausmaß der Epidemie in Westafrika vor fünf Jahren erreicht, bei der mehr als 11.000 Menschen starben. Und doch ist er womöglich gefährlicher als jeder zuvor. Denn Ebola hätte kaum eine komplexere Region treffen können. „Es ist noch kein Ende in Sicht“, sagt Markus Diemon von der Welthungerhilfe in Goma. Im Ost-Kongo gibt es seit Jahrzehnten Konflikte. Etliche Milizen kämpfen um die Kontrolle der Bodenschätze und terrorisieren die Bewohner - und nun auch die Ebola-Helfer. Seit Januar gab es der WHO zufolge mindestens 198 Angriffe auf Ebola-Helfer, mindestens sieben kamen ums Leben. Zudem haben die Menschen auch noch mit einem Masern-Ausbruch und Malaria zu kämpfen. „Ebola ist die eine Krise zu viel, die das Ganze zum Kippen bringen könnte“, sagt Marcus Bachmann, der von April bis Juni den Einsatz von Ärzte ohne Grenzen vor Ort leitete.
Eigentlich gab es zunächst vorsichtigen Optimismus, dass die Epidemie in den Griff zu bekommen ist: Der Kongo hat zuvor bereits neun bekannte Ebola-Ausbrüche bewältigt. Zudem gibt es anders als bei der Epidemie in Westafrika inzwischen Medikamente, mit denen nach WHO-Angaben etwa 70 Prozent der Infizierten geheilt werden können. Ohne Medikamente sterben rund 70 Prozent der Kranken. Noch bahnbrechender ist die Entwicklung eines experimentellen Impfstoffs, der nun viele Menschen vor einer Ansteckung bewahrt. Entscheidend ist, dass Kranke und ihre Angehörigen früh ausfindig gemacht und behandelt werden. Genau das aber ist die große Herausforderung. „Wir glauben, dass wir wahrscheinlich gut 75 Prozent der Fälle entdecken“, sagt der WHO-Nothilfekoordinator Michael Ryan. „Uns gehen aber vielleicht bis zu einem Viertel der Fälle durch die Lappen.“
Die Wege zur nächsten Ebola-Klinik sind oft weit und die Bedrohung durch Milizen groß. Zudem ist die Unwissenheit groß. In einer Region, in der Malaria und Durchfallerkrankungen weit verbreitet sind, sterben einige Menschen zuhause oder in normalen Kliniken, ohne dass ihre Familien sich bewusst sind, dass sie mit Ebola infiziert waren. Eine weitere Ursache sind Angst und Misstrauen vieler Menschen. Nach Jahren der Gewalt und Instabilität hat die Bevölkerung wenig Vertrauen in die Behörden und in ausländische Helfer. Hinzu kommt, dass Gerüchte über Ebola die Runden machen, manche von ihnen absichtlich geschürt. Das Vertrauen der Bevölkerung ist aber extrem wichtig. „Damit steht und fällt der Erfolg, eine Ebola-Epidemie unter Kontrolle zu bringen“, sagt Bachmann.
Inzwischen ist klar: Um die Epidemie endlich einzudämmen, muss mehr getan werden. Nach der Feststellung des ersten Ebola-Falls in Goma rief die WHO Mitte Juli eine „gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite“ (PHEIC) aus. Dies ist die höchste mögliche Alarmstufe bei einer ansteckenden Krankheit. Sie hat zwar keine klar definierten Konsequenzen, weil jede Notlage eigene Herausforderungen mit sich bringt, doch die WHO sieht darin einen Weckruf, damit die Weltgemeinschaft mehr tut, mit Spezialisten und mit Geld. Viele Helfer fordern vor allem ein Umdenken. Es sei unterschätzt worden, wie wichtig die aktive Beteiligung der Bevölkerung ist, ist Bachmann überzeugt. Er spricht sich für mehr kleine Zentren aus, damit es für die Menschen der Region leichter wird, sich auf Ebola testen zu lassen. Diemon von der Welthungerhilfe fordert mehr Aufklärungsarbeit. Er und sein Team gehen in Schulen, um Kinder und Jugendlichen über Ebola zu informieren. (dpa)

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