Die Kapitänin des Rettungsschiffs „Sea-Watch 3“, Carola Rackete, hat nach Angaben ihres Anwalts ihre Entscheidung verteidigt, unerlaubt in den Hafen von Lampedusa zu fahren. Die Situation sei hoffnungslos gewesen und das Ziel der 31-Jährigen sei gewesen, die verzweifelten Migranten an Bord des Schiffes an Land zu bringen, bestätigte der Rechtsanwalt Alessandro Gamberini der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag. Rackete hatte das Schiff mit 40 Migranten in der Nacht zum Samstag unerlaubt in den Hafen von Lampedusa gesteuert und war festgenommen worden. Ihr drohen eine Geldstrafe, mehrere Anklagen und im schlimmsten Fall Haft.
In Deutschland sorgte die Festnahme für Kritik. Der italienische Innenminister Matteo Salvini erhob dagegen schwerste Vorwürfe gegen Rackete. In Vergessenheit geriet dabei fast, dass die Migranten nach mehr als zwei Wochen auf dem Mittelmeer an Land gehen konnten.
Nach 17 Tagen auf See lagen die Nerven bei der Crew und den Geretteten blank: Die Odyssee der „Sea-Watch 3“ hatte am 12. Juni begonnen, als die Seenotretter der deutschen Hilfsorganisation vor Libyen 53 Bootsflüchtlinge an Bord nahmen. Wenige Stunden zuvor hatte das Kabinett in Rom sich auf eine drastische Verschärfung der Regeln für die Helfer verständigt. Ein umstrittenes Sicherheitsdekret stellt das unerlaubte Einfahren privater Schiffe in Italiens Gewässer unter eine satte Geldstrafe.
Sea-Watch ließ sich nicht davon abhalten und fuhr mit den Geretteten in Richtung Italien. Nach tagelangem Warten an der Seegrenze sah sich die Kapitänin Mitte vergangener Woche gezwungen, die „Sea-Watch 3“ auf Lampedusa zuzusteuern. Dann traf die 31-Jährige eine weitere folgenschwere Entscheidung, obwohl sich eine Lösung für die Migranten abzeichnete: Deutschland und andere EU-Staaten hatten sich bereiterklärt, die Schutzsuchenden aufzunehmen. Rackete fuhr das Schiff in den Hafen - und stieß dabei auch noch mit einem Boot der Finanzpolizei zusammen. Bei der Finanzpolizei soll sich Rackete italienischen Medienberichten zufolge bereits entschuldigt haben.
Für Innenminister Salvini ist die Aktion der Beweis, dass die Seenotretter „Kriminelle“ seien. „Sie haben die Maske abgelegt: Das sind Verbrecher“, sagte Salvini - und ging so weit, Sea-Watch vorzuwerfen, den Tod der italienischen Ordnungskräfte riskiert zu haben. „Es ist schön, dass sie sagen, wir retten Leben, (dabei) haben sie fast Menschen getötet, die ihre Arbeit gemacht haben.“
Der deutsche Bundesaußenminister Heiko Maas schaltete sich am Samstag via Twitter ein: „Seenotrettung darf nicht kriminalisiert werden. Es ist an der italienischen Justiz, die Vorwürfe schnell zu klären.“ Menschenleben zu retten, sei eine humanitäre Verpflichtung.
Aus Deutschland erreichte die Kapitänin eine Welle der Solidarität. Die Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf riefen zu Spenden für die Seenotretter auf - bis Sonntagnachmittag kamen bereits mehr als 450 000 Euro zusammen. „Mit den Ereignissen der letzten Tage hat diese unmenschliche, kaltblütige und skrupellose Politik einen neuen Tiefpunkt erreicht“, sagte Böhmermann.
Wie es langfristig für Sea-Watch weitergeht, ist unklar. Vorerst verliert die Organisation ihr Rettungsschiff - nicht das erste Mal. Am Samstag wurde es aus dem Hafen von Lampedusa gefahren und sollte Salvini zufolge in einen anderen Hafen gebracht werden. Der Kapitänin, die nun Star und Feindbild zugleich ist, drohen mehrere Anklagen, unter anderem wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung und Verletzung des Seerechts. Sie steht unter Hausarrest. Spätestens Dienstag wird ihre Vernehmung und eine mögliche Bestätigung des Haftbefehls erwartet.
„Die Linie der Strenge der italienischen Regierung dieser Tage hat geholfen, Europa aufzuwecken“, gibt sich Salvini sicher. Einen Mechanismus zur Verteilung der Bootsflüchtlinge hat die EU dadurch längst nicht gefunden. Während der Streit um die Seenotrettung eine neue Eskalationsstufe erreicht, sind zwei Rettungsschiffe auf dem Weg ins Mittelmeer vor Libyen. An die deutsche Organisation Sea-Eye und die spanische Proactiva Open Arms gerichtet sagte Salvini: „Macht was ihr wollt, aber haltet uns nicht mehr zum Narren.“ (dpa)

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