Südfrüchte im Winter, Dioxin im Fleisch


Hierüber unterhielt sich das Grenz-Echo mit dem Ökotrophologen Dr. Markus Keller, der in Gießen das Institut für alternative und nachhaltige Ernährung (IFANE) leitet.

Herr Keller, Erdbeeren, Spargel und Ananas im Januar: Es scheint keine Saisonfrüchte mehr zu geben, wenn man sich das derzeitige Warenangebot in den Supermärkten anschaut, oder?

Wenn man den Lebensmittelmarkt ganz allgemein betrachtet, dann ist das sicherlich richtig. Im konventionellen Handel bekommt man das ganze Jahr über eigentlich fast alles. Im Biohandel sieht es hingegen schon ein wenig anders aus. Zwar geht auch dort der Trend dahin, während des ganzen Jahres ein breites Sortiment anbieten zu können, aber man achtet schon sehr auf eine saisonale Ausrichtung.

Was sagt diese Entwicklung über unser Konsumverhalten aus? Schließlich bestimmt die Nachfrage das Angebot.

Natürlich haben sich auch die Essgewohnheiten der Bevölkerung verändert. Gerade Menschen aus der gehobenen Bildungsschicht kochen auch gerne exotischere Gerichte. Das ist ja an sich auch nichts Schlechtes. Wichtig ist, dass man sich vor Augen führt, welche Umweltauswirkungen der Kauf gewisser Lebensmittel nach sich zieht. Am deutlichsten wird dies bei den Flugimporten. Wenn man ein Kilo Lebensmittel mit dem Flugzeug importiert, verursacht dies etwa 200 Mal so viele klimaschädliche Emissionen wie bei einem Schiffstransport über die gleiche Entfernung. Vor allem Lebensmittel wie Papayas oder frischer Frisch aus Afrika, die relativ hochpreisig angeboten werden, gelangen auf diese Weise zu uns. Für Bananen würde sich das hingegen nicht rechnen. Allerdings wird nur ein relativ kleiner Teil der Lebensmittel auf dem Luftweg importiert und macht auch einen eher überschaubaren Anteil an den ausgestoßenen Klimagasen aus. Der Großteil der Klimabelastungen im Ernährungsbereich, nämlich fast die Hälfte, wird jedoch durch die Produktion tierischer Lebensmittel verursacht.

Sind die Produkte, die aus der ganzen Welt zu uns gebracht werden, schlichtweg zu billig? Schließlich schreckt ein Preis von drei Euro kaum einen Konsumenten vom Kauf einer Ananas im Winter ab. Ganz nach dem Motto: Solange der Preis stimmt, ist es auch egal, woher die Ware stammt.

Dieses Phänomen ist in der Tat zu beobachten. Vor allem in Deutschland stellt der Preis nach wie vor das wichtigste Kriterium beim Lebensmittelkauf dar – obwohl dort schon niedrigere Verbraucherpreise bestehen. Ein deutscher Haushalt gibt im Durchschnitt zwölf Prozent des Einkommens für Lebensmittel aus. Das ist einer der niedrigsten Werte in Westeuropa. In Italien oder Spanien beispielsweise sieht die Situation anders aus. Dort kosten Lebensmittel mehr und haben auch eine andere Wertigkeit.

Wodurch lassen sich diese Schwankungen von Lebensmittelpreisen in Westeuropa erklären?

Das hat vor allem mit der Handelsstruktur zu tun. Der Transport spielt sowohl bei der Klimabelastung als auch beim Endpreis kaum eine Rolle. Selbst die Erzeugung ist in diesem Zusammenhang eher von marginaler Bedeutung, da bei den Erzeugern auch nur ein Bruchteil des Gewinns landet – insbesondere wenn das Produkt aus Entwicklungsländern kommt. Kräftig an den Lebensmitteln verdient vor allem der Handel. Insbesondere die Discounter haben in Deutschland sehr hohe Marktanteile. Sie konkurrieren ständig untereinander, locken mit Kampfpreisen – und die Verbraucher sind das eben auch gewohnt. Wer an dieser Entwicklung Schuld trägt, ist schwierig zu beantworten, da schließlich sowohl die Händler als auch die Verbraucher von dieser Schnäppchenmentalität profitieren. Den meisten Menschen ist aber einfach gar nicht bewusst, was sie mit ihrer Nachfrage nach immer billigeren Produkten in Gang setzen.

Immer mehr Konsumenten legen dennoch Wert auf Qualitätsstandards wie Bio-Label. Warum wird diese Messlatte nicht in Bezug auf die Klimafreundlichkeit von Produkten angesetzt? Liegt das ausschließlich an der fehlenden Sichtbarmachung solcher Komponenten auf dem Etikett der Ware?

Ein CO²-Label für Lebensmittel wird derzeit in der Wissenschaft – und teilweise auch in der Wirtschaft – diskutiert, allerdings sehr kontrovers. Das liegt vor allem daran, dass die Berechnungsmodalitäten sehr komplex sind. Fertiggerichte beispielsweise bestehen aus einer ganzen Reihe von Zutaten. Man muss die gesamte Produktionskette berücksichtigen: Von der Herstellung und Transport des Düngers und der Pestizide über den Energieverbrauch bei Anbau, Ernte, Transport, Verpackung und Weiterverarbeitung der einzelnen Komponenten bis zur Kühlung des Endprodukts im Handel. Entsprechend sind diese Berechnungen sehr umfangreich und kompliziert. Selbst bei vermeintlich einfach zu klassifizierenden Lebensmitteln wie Äpfel oder Getreide gibt es eine ganze Reihe von Produktionsschritten, die einbezogen werden müssen. Natürlich können auf der Grundlage bestehender Standards CO²-Label berechnet werden. Die Frage ist nur, welche Informationen der Verbraucher hieraus ziehen kann. Wir wissen, dass die Produktion von einem Kilo Rindfleisch ungefähr 14 Kilo CO² verursacht, bei einem Kilo Brot sind es hingegen nur 750 Gramm an Klimagasen. Aber auch Speiseöl ist in der Produktion aufwändiger und energieintensiver als Salat. Nichtsdestotrotz sollte man natürlich trotzdem Speiseöl verwenden.

Welchen Ansatz schlagen Sie an dieser Stelle vor?

Sinnvoll ist zum Beispiel unterschiedliche Produktionsweisen zu vergleichen, insbesondere konventionelle Produkte mit ökologisch hergestellten Lebensmitteln. Oder Flugimporte mit regional angebauten Produkten. Aber das Ganze bleibt eine sehr komplexe Angelegenheit. Ich glaube, dass ein weiteres Label die Verbraucher eher zusätzlich verwirren würde, da es ja schon heute unzählige Labels gibt, von denen die Hälfte sowieso keiner kennt. Daher sollte man vielmehr die Grundproblematik anschaulicher vermitteln – und nicht unbedingt jedes Lebensmittel bis ins kleinste Detail kennzeichnen.

Das Problem liegt somit zu einem Großteil in der aufwendigen Berechnung der Produktionsprozesse, die mitunter äußerst komplex sind. Besteht daher die Gefahr, die Verbraucher mit zu vielen vermerkten Informationen auf einem Lebensmittel zu überfordern?

Die Kennzeichnung muss so einfach wie möglich sein. Schließlich werden wir ja alle regelrecht mit Eindrücken und Informationen überflutet. Einfacher ist die Sache schon bei der Kennzeichnung von Flugimporten. Entweder ist etwas auf dem Luftweg zu uns gekommen oder nicht.

Machen in diesem Zusammenhang Produkte aus fairem Handel überhaupt Sinn? Natürlich bleibt bei diesen Waren mehr Gewinn bei den Herstellern in Entwicklungsländern hängen, aber auch diese werden oftmals von weither eingeflogen.

Grundsätzlich empfehle ich Produkte aus fairem Handel zu kaufen – genauso wie ich auch Bio-Produkte und eine vegetarische Ernährung befürworte, weil das eben sehr praktikable Möglichkeiten sind, Umweltschäden zu reduzieren. Aber natürlich bleibt ein gewisser Interessenkonflikt bei dieser Thematik bestehen. Ähnlich ist es mit der Frage, ob über lange Strecken transportierte Produkte aus dem Bioladen überhaupt noch "bio" sein können. Diese Überlegung ist berechtigt, aber das Prädikat "bio" bezieht sich ja vor allem auf die Erzeugung. Wenn etwas biologisch erzeugt wurde, dann hat das gerade auch in den so genannten Entwicklungsländern positive Auswirkungen, beispielsweise auf die Gesundheit der Landarbeiter, die dann eben keinen giftigen Pestizidwolken mehr ausgesetzt sind. Genauso wie Waren aus fairem Handel sicherstellen, dass die Erzeuger einen Lohn erhalten, von dem sie auch leben können. Das sind positive Wirkungen, die der Großteil der im konventionellen Handel angebotenen Produkte eben nicht bietet.


Sie möchten den kompletten Artikel lesen?
Zugang zu allen digitalen Inhalten bereits ab 10,90 € pro Monat
Jetzt bestellen
Bereits abonniert?