Zu seinem „Giubileo“ ist Giacomo Agostini weit weg von der Heimat. Der Italiener, Rekordweltmeister auf zwei Rädern und zu seiner Zeit eine Klasse für sich, kommt als Stargast ins kleine Hohenstein-Ernstthal. 90 Jahre Sachsenring heißt dort am Wochenende das Motto – aber auch auf Ago wird angestoßen. Am Freitag feiert der 15-malige Champion seinen 75. Geburtstag.
„Ich würde alles geben, um 40 Jahre jünger zu sein“, sagte Agostini der Tageszeitung Corriere della Sera. Die Siege, das Erklingen der Hymne, die glücklichen Gesichter der Fans, all das fehle ihm: „Viele Piloten stürzen nach dem Ende ihrer Karriere in die Depression. Als ich aufgehört habe, habe ich drei Tage in Folge geweint, danach habe ich mich damit abgefunden. Das Leben geht weiter.“
Als er seine Runden drehte, war es üblich, in mehreren Klassen zu starten.
Bis heute ist Agostini unerreicht. Das liegt auch an den veränderten Umständen. Als er seine Runden drehte, war es üblich, in mehreren Klassen zu starten. So triumphierte Agostini auf der MV Agusta, Rot und Silber mit der schwarzen 1 auf gelbem Untergrund, von 1968 bis 1972 jeweils bei den 500ern und 350ern. In dieser Zeit wurde Agostini zweimal geschlagen, wenn er ins Ziel kam.
„Es war nicht einfach. Ich gab mich kaltblütig, in Wahrheit hatten wir stets den Tod vor Augen. Es genügte, einmal auszurutschen“, sagt Agostini: „Heute ist es ganz anders, die Piloten neigen sich bis zum Asphalt, wenn man stürzt, sind die Folgen weniger dramatisch.“ Einer, der Agostini durchaus hätte gefährlich werden können, ist sein Landsmann Valentino Rossi. Neunmal wurde der Superstar der MotoGP-Szene Weltmeister, seit 2009 stand er aber nicht mehr ganz oben. „Wenn Vale mich einholt, dann hat er sich das redlich verdient“, hat Ago mal gesagt. Doch Rossi ist 38, sein Abschied rückt näher, das Rennen gegen die Legende kann er nicht gewinnen.
Agostini hörte bereits mit 35 auf, nach der Saison 1977 war Schluss. Er trat von der Bühne, seine Spuren sind für die Ewigkeit. WM-Premiere 1964, erstmals Weltmeister 1966, danach holte er bis 1975 in jedem Jahr mindestens einen Titel. Am Ende waren es acht in der Königsklasse (500 ccm) und sieben auf der 350er. Zum Ende seiner Laufbahn triumphierte er zweimal auf einer Yamaha.
Seiner Leidenschaft hielt Agostini immer die Treue. Nach einem erfolglosen Ausflug in den Automobilrennsport gründete der Ausnahmekönner, geboren in Brescia, ein Motorrad-Team. Der US-Amerikaner Eddy Lawson holte für den Rennstall „Yamaha Marlboro Agostini“ drei 500er-Titel.
Heute ist Agostini ein gern gesehener Gast an den Rennstrecken. Seine Haare sind nicht mehr pechschwarz, sondern glänzen silbern, wenn er durch die Boxengasse läuft und zuschaut, wie seine Bestmarken gejagt werden. „Jeder von uns hängt an seinen Rekorden und hofft, dass sie nicht gebrochen werden“, sagt er. Manche hat er verloren. Mit 122 Grand-Prix-Siegen ist er weiter die Nummer eins, hier ist Rossi (114) aber nah dran. Bei den Podestplätzen führt „The Doctor“ längst 224:159, bei den GP-Starts hat er Agostini auch schon vor einiger Zeit hinter sich gelassen (354:194).
Am Wochenende kehrt Altmeister Agostini an einen besonderen Ort zurück – zehnmal hat er am Sachsenring gewonnen. Am Samstag und am Sonntag steigt er beim „Classic Kings“ wieder auf die Maschine, auch andere „Oldies“ wie Kevin Schwantz oder Phil Read geben sich die Ehre. Agostini wird sie alle überstrahlen.
(sid)
