In Wirklichkeit ist „Tiki-Taka“ die spanische Bezeichnung für ein beliebtes Kinderspielzeug aus den 70er Jahren: die „Klick-Klack-Kugeln“. Zwei Kugeln, die man an einem Band immer wieder gegeneinander klicken lässt. Inspiriert von diesem Geräusch und dem Rhythmus, kreierte der spanische Kommentator Montez bei der WM 2006 den Ausdruck, weil er vom eigenen spanischen Passspiel total begeistert war. Damit ist er wohl der Erfinder des Begriffs.
Fußballexperten in Spanien sehen den Ursprung jedoch im Futsal, dem offiziellen Hallenfußball. So hatten Iniesta, Xavi und andere Spieler, ihre ersten Pflichtspielerfahrungen als Kinder beim Futsal. Dreiecksspiel, hohes Tempo, kurze Reaktionszeiten, sich ständig dem Ballbesitzer als Passstation anzubieten, all dies wurde vom Futsal in die Trainingslehre und aufs Feld übertragen. Vom FC Barcelona und vielen spanischen Vereinen ist bekannt, dass in der Jugend mit speziellen Fußballtrainingsübungen auf diese Spielart hingearbeitet wird. Auch die belgische Fußballtrainerschule übernahm viele dieser Ausbildungsziele in ihrer Ausbildungsphilosophie. Vor allem die Fußballspielform „4-gegen-4“ ist hier eine ideale Spiel- und Trainingsform. Der FC Barcelona ist auch die Mannschaft, die die Spielart Tiki-Taka perfektionierte und prägte. Die spanische Nationalmannschaft profitierte extrem vom Tiki-Taka und der damit eingehenden Barca-Ausbildungsphilosophie. Sie übernahm den Spielstil mit zahlreichen Spielern des FC Barcelona und dies mit außergewöhnlichem Erfolg. Durch „Tiki-Taka“ prägte Spanien den Weltfußball und sicherte sich die Titelgewinne bei der EM 2008, der WM 2010 und der EM 2012.
Auf die Frage, „Was ist ‚Tiki-Taka‘?“ antwortete der spanische Weltmeister und Fußballstar Xavi: „Fußball spielt man mit dem Ball. Es geht darum, den Ball von einer Seite zur anderen Seite zu spielen. So lange, bis sich Lücken in der gegnerischen Struktur auftun, bis man auf einem Flügel plötzlich ein Übergewicht hat. Und dann hofft man auf die kurzen Momente der Magie.“
Beim „Tiki-Taka“ versucht man durch stetes „Spielen-Gehen-Freilaufen-Anbieten“ sowie durch Dreiecks-und Rautenbildung und ein schnelles Kurzpassspiel mit geringen Ballkontakten, den Ball in den eigenen Reihen laufen zu lassen. Ein weiteres Element sind die häufig stattfindenden Positionswechsel. Ziel ist es, die gegnerische Mannschaft aus dem Verteidigungsverbund zu locken und zum Verschieben zu zwingen. Im Idealfall können dann die durch die Kurzpasskombinationen entstandenen Freiräume durch gefährliche Pässe in die Schnittstellen ausgenutzt werden. Wichtig ist auch eine optimale Besetzung des Spielfeldes. Bei Ballbesitz wird mit einer maximalen Breite gespielt und sehr hoch geschoben, sodass sich das Spiel vor allem in der Hälfte des Gegners abspielt.
Dadurch, dass sich auch die Abwehrspieler permanent in den Spielaufbau und den Ballbesitz einschalten, ist der Gegner gezwungen, viel höher zu verteidigen.
Neben dem Ballbesitz und dem Positionsspiel ist ein aggressives Gegenpressing von hoher Bedeutung, was durch die stete Überzahl in Ballnähe optimale Grundvoraussetzungen mit sich bringt. Durch die sofortige Ballrückeroberung und dem darauf folgenden Kombinationsspiel in den eigenen Reihen, wird das Tempo aus dem Spiel genommen. Somit kann sich die Mannschaft wieder sortieren, um dann sorgfältig ihren Spielaufbau zu starten. Wie vermerkt, ist Grundvoraussetzung für diese Spielidee, Spieler mit hervorragender Passtechnik, technisch perfekter Ballbeherrschung, einer schnellen Ballverarbeitung, einer hohen fußballspezifischen Athletik, einer extrem guten Spielintelligenz sowie hohen kognitiven Fähigkeiten. Außerdem wird eine große Teamfähigkeit verlangt. Die Mannschaft ist der Star. Das Spiel ist größer als jeder Einzelne.
Vorzeigeprofis sind die Weltfußballer Messi, Xavi oder Iniesta, die das „Tiki-Taka“ verinnerlicht haben und in der Fußballwelt äußerst bescheiden auftreten.
Wenn wir heute von einem „spanischen Fußballstil“ reden, so wissen doch viele Fußballexperten, dass der Ursprung dieser Spielart in den Niederlanden liegt. Es ist die Weiterentwicklung des niederländischen „totaalvoetbal“. Eine Fußballphilosophie, geprägt durch die Fußballikone und den ehemaligen Weltklassespieler sowie Trainer des FC Barcelona Johan Cruyff. Ihm verdanken der FC Barcelona und somit auch der spanische Fußball das „Tiki-Taka“. In einer seiner vielen Zitate fasst er diese Spielphilosophie wie folgt zusammen: „Der Ball wird nicht müde!“
Die WM in Russland lehrt uns: Wer den Ball hat, verliert!
Aber alle erfolgreichen Spielsysteme finden ihren Meister. Und die WM in Russland lehrt uns: Wer den Ball hat, verliert! Es scheint, als würde das einstige Erfolgsrezept der Spanier, Deutschen und Argentinier des reinen Ballbesitzfußballs der Vergangenheit angehören. Unzählige Pässe – vorwiegend quer, zurück oder um den Strafraum herum –, dem Gegner keinen Ball und keine Ruhe geben, brachten keinen Erfolg. Dazu konzentrieren sich die vermutlichen kleineren Mannschaften auf ihre Defensivarbeit und überlassen freiwillig dem Gegner den Ball; dabei wird es für das dominierende Team immer schwieriger Lösungen zu finden.
Erfolgreich bei der WM sind die Mannschaften, die dem Gegner den Ball überlassen und bei Ballgewinn blitzschnell, gradlinig und vertikal nach vorne stoßen. Belgien und Frankreich sind dabei mit ihrem Hochgeschwindigkeitsfußball beste Beispiele. Schnell und vertikal in die Tiefe lautet die Devise. Deutschlands Ex-Weltmeister Paul Breitner brachte es auf den Punkt: „ Ich verzichte gerne auf den 15.000 Pass von Kroos, wenn er nicht einmal den Raum ausnutzt, den er sich schafft!“ Optimal wäre das Beherrschen beider Taktiken! Auch hier scheinen wir Belgier manchen Teams voraus; dies bewies unsere Nationalmannschaft bereits mehrmals und zuletzt beim Achtelfinale gegen Japan. 56 Prozent Ballbesitz und ein gradliniges, blitzschnelles Umschalten beim 3:2.
