Husch Josten liest am 16. Januar in St.Vith

Husch Josten arbeitete nach dem Studium als Journalistin in Köln, Paris und London. 2011 erschien ihr Debüt-Roman „In Sachen Joseph“, mittlerweile hat sie sechs Bücher veröffentlicht.

Sie kommen eigentlich aus einem ganz anderen Bereich, haben Geschichte und Staatsrecht studiert sowie als Journalistin gearbeitet. Wie sind Sie zur Literatur gekommen?

Ich wollte schon als Fünfjährige nichts anderes als Bücher schreiben. Mein beruflicher Weg war der einer behutsamen Annäherung von allen Seiten an dieses Ziel, vor dem ich viel Respekt hatte. Irgendwann, nach Jahren als Journalistin, die ich übrigens wirklich leidenschaftlich gern war und manchmal noch bin, wusste ich dann: Jetzt kann ich das. Jetzt ist der Roman dran!

Liebe, Terror, die Suche nach dem Glück oder Frömmigkeit: Sie wagen sich an die „ganz großen“ Themen. Wie finden Sie Ihre Inhalte?

In dem, was unser Leben ausmacht. Das sind die großen Fragen, auf die wir immer wieder und sogar in der Beschäftigung mit Nichtigkeiten stoßen. Unser Suchen und Ringen und Hadern und Rätseln. Mich fasziniert, mich den Fragen von allen Seiten und aus verschiedenen Perspektiven zu nähern.

„Hier sind Drachen“ spielt nach den Anschlägen in Paris und galt als Roman der Stunde. Wann haben Sie das Buch geschrieben?

Ich hatte es vor den Anschlägen vom 13. November so gut wie fertig. Es ging um eine Auseinandersetzung mit dem Terroranschlag auf die Charlie-Hebdo-Redaktion, es ging um die Frage der Angst und Verzweiflung. Dann kam dieser grausame Freitag in Paris, das gewissermaßen meine zweite Heimatstadt ist. Ich bin sofort hingefahren, habe mit vielen Parisern gesprochen und das Buch dort komplett umgeschrieben. Nun ging es nicht mehr allein um Angst und Verzweiflung, sondern auch um die Frage nach Zufall, Schicksal, Bestimmung; die Frage nach unseren Möglichkeiten.

Sie haben selbst lange Zeit als Journalistin in Paris gearbeitet. Ihre Hauptfigur reist als Journalistin in die französische Hauptstadt. Wie viel Caren steckt in Ihnen?

Die Erfahrung, wie man sich als Journalistin in bestimmten Situationen fühlt, welche Fragen man sich stellt… Die Ambivalenz, zugleich an- und abgestoßen zu sein von einer Geschichte. Das steckt sicher von mir in Caren.

Haben die Anschläge Ihr Leben verändert? Ihren Alltag oder auch ihr Denken und Tun?

Ja, das haben sie. Nicht meinen Alltag, aber sie haben mein Denken beispielsweise über Verantwortung, über Achtsamkeit, über Gemeinschaft nochmals intensiviert.

Sie lassen in Ihrem Roman die Angst auf die Philosophie treffen. Caren diskutiert mit einem Mann, der ein Buch von Wittgenstein liest. Kann Philosophie in Extremsituationen Antworten geben?

Ich finde, dass die Philosophie mit ihren großen und kleinen Fragen immer Antwort gibt, indem sie uns anschubst, noch mal nachzudenken. Das ist sehr wertvoll, denn die ganz einfachen Antworten? Gibt’s nicht!

Als Journalistin mussten Sie mit solchen Ereignissen wie den Terroranschlägen ganz anders umgehen. War das oft schwierig, sachlich zu bleiben und zu berichten?

Ich bin als Journalistin nie mit Terroranschlägen konfrontiert gewesen. Aber es gab andere Geschehnisse wie Geiselnahmen, Schießereien, Familientragödien, bei denen ich durchaus tief durchatmen musste, bevor ich so sachlich wie möglich darüber schreiben konnte.

Ihr neues Buch „Land sehen“ führt in einen umstrittenen katholischen Orden in einem Kloster. Also wieder eine der großen Fragen: Glauben. Kann Glauben helfen?

Wenn Sie den religiösen Glauben meinen: Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Dem einen ist er Lebensstütze, dem anderen sagt er nichts. Etwas aber glaubt schließlich jeder: Engel, Kosmos, das Nichts, Yoga… Ich bin rheinische Katholikin und wir sind da sehr pragmatisch: Was immer hilft, ist gut. Ich kann von mir sagen: Mein christlicher Glaube hilft mir sehr. Und manchmal lässt er mich vollkommen ratlos zurück.

Was bedeutet Ihnen die Nominierung für den Euregio Schüler-Literaturpreis?

Unter den Werken zu sein, die für diesen Preis ausgewählt wurden, freut mich unglaublich. Es klingt kitschig, ist aber wahr: Über Grenzen hinweg mitten in Europa mit jungen Menschen diskutieren zu dürfen, Meinungen auszutauschen, voneinander zu lernen, das ist eine echte Herzensangelegenheit und bedeutsamer als jeder Elfenbeinturm.

Welche Rückmeldungen haben Sie aus den Begegnungen mit den Schülern? Welche Fragen oder Bemerkungen haben Sie für sich „mitgenommen“?

Wie intensiv die Auseinandersetzung mit dem „Sinn“ ist… Warum gibt es diesen Terror? Wer kämpft eigentlich gegen wen und wofür? Und der Zufall, der in „Hier sind Drachen“ so eine wichtige Rolle spielt: Hat er vielleicht doch einen Sinn? Mal abgesehen davon, dass die meisten Schüler gern gesehen hätten, dass sich Caren und James Bond vom Sicherheitsdienst ineinander verlieben, waren alle sehr interessiert an der Hauptfigur Wittgenstein – ausgerechnet an diesem komplexen, undurchsichtigen Philosophen. Das hat mich überrascht und gefreut.

Welches Buch lesen Sie auf der „langen Reise“ von Köln nach Ostbelgien vor der Lesung am 16. Januar bzw. welches Buch wird auf Ihrem Nachttisch liegen?

Karl Friedrich Borée: „DOR und der September“, was nicht nur, aber auch eine ganz wunderbare Liebesgeschichte ist.

Was erwarten Sie sonst vom deutschsprachigen Belgien? Kennen Sie die Region?

Ich bin sehr gespannt. Als Kind war ich oft im Hohen Venn, das ich immer toll fand, zum Wandern allerdings, das ich nicht so toll fand. Daran schlossen sich oft Ausflüge nach Eupen, Malmedy… Ob es noch so ist wie in meiner Erinnerung? Und die Pommes Frites? Ob die noch so köstlich sind, wie in meiner Erinnerung? Ganz bestimmt!

Informationen

Die Lesung von Husch Josten in der Öffentlichen Pfarrbibliothek St.Vith findet am Mittwoch, 16. Januar, 20 Uhr, bei freiem Eintritt statt. Die Autorin wird aus ihrem Roman „Hier sind Drachen“ (2017) lesen. Danach ist ein Austausch mit dem Publikum vorgesehen.

Im Mittelpunkt steht die Reporterin Caren, die sich am Morgen nach den verheerenden Terroranschlägen von Paris auf den Weg in die französische Hauptstadt macht. Doch ihr Flug verzögert sich, da am Heathrow Airport nach einem anonymen Anruf Alarmbereitschaft herrscht.

Die bedrohliche Situation und wachsende Nervosität der Sicherheitsbeamten bringen Carens älteren Sitznachbarn allerdings nicht aus der Ruhe, stoisch liest er weiter in Wittgensteins „Tractatus“. Der gleichermaßen unbefangene wie charismatische Philosoph und Zufallsforscher verwickelt Caren, mit deren Gelassenheit es seit Monaten nicht zum Besten steht, in ein faszinierendes Gespräch. Und offeriert ihr dabei – zufällig oder absichtsvoll? – die unmögliche Geschichte, nach der die Journalistin ihr Leben lang gesucht hat. Das Buch ist auch in Französisch und Niederländisch erschienen: „Wittgenstein à l‘aéroport“ bzw. „Wittgenstein op de luchthaven“.

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