Der Attentäter habe mit seiner Tat den belgischen Staat treffen wollen. Weitere Angaben zu dem Mann machten die Behörden zunächst nicht. Nach Medienberichten handelt es sich um den 31-jährigen Benjamin Herman auch Rochefort, der wegen kleinerer Vergehen wie Diebstahl und Drogenhandel seit 2013 beinahe ununterbrochen im Gefängnis saß. Nach Angaben des Justizministers sollte er im Jahr 2020 freigelassen werden.
Am Montag habe er jedenfalls Freigang bekommen, hätte aber nach einigen Stunden wieder zurückkehren müssen. Dies sei nicht geschehen, hieß es. Er sei gewalttätig, und habe in der Vergangenheit Anzeichen für eine Radikalisierung gezeigt. Einige Medien berichteten, der Angreifer habe „Allahu Akbar“ (Gott ist groß) gerufen. Dies bestätigten die Behörden jedoch nicht.
Benjamin Herman könnte zudem in den Tod eines ehemaligen Häftlings verwickelt sein, der am Dienstagmorgen leblos in seinem Haus in der Nähe von Rochefort gefunden wurde.
Die dramatischen Ereignisse in Lüttich begannen um 10.30 Uhr, wie Polizei und Staatsanwaltschaft bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mitteilten. Demnach griff ein mit einem Messer bewaffneter Mann zwei Polizistinnen auf dem Boulevard d’Avroy von hinten an und stach auf sie ein. Schließlich habe er den 45 und 53 Jahre alten Frauen ihre Dienstwaffen entwunden und sie erschossen.
Anschließend soll der Täter einen 22-jährigen Mann in einem Auto erschossen haben, bevor er in eine nahe gelegene Schule rannte und zwei Mitarbeiterinnen als Geiseln nahm. Dort griff den Angaben nach eine Spezialeinheit ein und erschoss den Verdächtigen. Dieser habe zuvor noch das Feuer eröffnet.
Vier weitere Polizisten wurden verletzt, drei von ihnen waren am Dienstagabend noch im Krankenhaus, wie der Chef der Lütticher Polizei, Christian Beaupère, sagte. Der Mann habe keinen Amoklauf begehen wollen, „sondern Polizisten treffen wollen, also die Institution, den belgischen Staat“.
König Philippe, Ministerpräsident Charles Michel und Innenminister Jan Jambon machten sich unmittelbar nach der Tat auf den Weg nach Lüttich. Sie besuchten unter anderem die verletzten Beamten im Krankenhaus. Die königliche Familie drückte den Angehörigen der Opfer ihr Mitgefühl aus. „Unsere Gedanken sind bei den Opfern dieser schrecklichen Tat“, schrieb sie auf Twitter.
Premierminister Michel sprach von „feiger und blinder Gewalt“: „All unsere Unterstützung für die Opfer und ihre Angehörigen.“ Bürgermeister Demeyer äußerte sich ähnlich und sprach von einem „besonders schmerzhaften Tag für Lüttich und die Bevölkerung“. Im Rathaus wurde ein Kondolenzbuch ausgelegt, für Mittwoch ist eine Schweigeminute geplant.
Der Eupener Till Lentzen, Student an der Hochschule der Stadt Lüttich (HEL), hat die Schießerei aus nächster Nähe miterlebt. „Es geht mir gut“, bestätigt der 23-Jährige auf GrenzEcho-Nachfrage. „Das ging alles ziemlich schnell. Wir saßen gerade in einer Prüfung. Vom Klassenzimmer aus hat man einen guten Blick auf den Pont d’Avroy. Wir haben Sirenen gehört und uns zunächst nichts dabei gedacht.“ Die Lehrerin habe schließlich auf ihrem Smartphone recherchiert und den Schülern mitgeteilt, dass es eine Geiselnahme gegeben habe. „Wir waren neugierig und haben uns ans Fenster gestellt“, erzählt Lentzen weiter. „Dann haben wir Schüsse wie von einer Maschinenpistole gehört. Die Lehrerin hat uns aufgefordert, uns wieder hinzusetzen.“ Das Gebäude sei daraufhin verriegelt worden. Inzwischen durften die Schüler die Einrichtung wieder verlassen.
Auf einem bei Twitter verbreiteten Video hört man Sirenen und Schüsse.
Coups de feu à Liège, évacuation du boulevard d’Avroy. Beaucoup de voitures de police sur place + secours #Avroy #Liege #gunshot pic.twitter.com/CLXo16nST3
— Victor ⌬ (@VICTORJ_FR) 29. Mai 2018
Plusieurs coups de feu à Liège à l’instant pic.twitter.com/4r8ME2KHcW
— Stéphanie Fellen (@stef_e) 29. Mai 2018





