„Der Gletscher“: Oper 2.0, real und surreal

Eupen

Wie schon bei seiner ersten Oper mit dem Titel „Das Kreuz der Verlobten“ spielt die Mikrotonalität auch diesmal eine wesentliche Rolle. Neben der Musik hat Christian Klinkenberg anderen künstlerischen Aspekten sehr viel Bedeutung beigemessen: Die Videonotation des grafischen Notenbildes beispielsweise hat er weiterentwickelt. Durch eine App geht die Synchronisierung der Partitur auf den Bildschirmen der Musiker so weit, dass die Live-Musik mit Videoprojektionen und akustischen Einspielungen kombiniert werden kann. Die Grenzen zwischen Musik, Malerei, Tanz, Videokunst und Performance verschwimmen. Die Oper bekommt als „Gesamtkunstwerk“ eine neue Bedeutung.

Die Musik: ein Dialog der mikrotonalen Systeme

Zunächst zur Musik: Bei dem weitgehend intuitiven Spiel der Instrumentalisten vermischen sich Musikstile wie zeitgenössische Musik, Jazz und Rock. Sie spielen teilweise auf speziell konstruierten mikrotonalen Musikinstrumenten, wie beispielsweise Bohlen-Pierce-Klarinetten (Sopran und Kontra), einer 41-Ton Gitarre oder einer 19-Ton-Trompete. Das Ergebnis sind ungehörte und ungewohnte Melodien und Akkorde.

Christian Klinkenberg erklärt zum Thema Mikrotonalität: „In den letzten Jahren hat sich dieser Bereich von einer kleinen Bewegung zu einem der wichtigsten Gebiete in der aktuellen Musikforschung gemausert und ist aus den großen Festivals für Neue Musik nicht mehr wegzudenken. Jedoch gibt es hier mittlerweile sehr viele Schulen, Überzeugungen, ja beinahe Glaubensrichtungen, die nur eine Denkweise zulassen. Ich plädiere in meiner Oper für den Dialog der mikrotonalen Systeme.“

Der Komponist hat aufgrund seiner intensiven Arbeit auf diesem speziellen Gebiet der Musik erfahren, dass mikrotonale Systeme mitunter einen ganz spezifischen Charakter haben und unterschiedliche Emotionen beim Zuhörer auslösen. Er verknüpft in seiner neuen Oper die jeweiligen Systeme mit gewissen Emotionen, Personen oder Situationen. Durch diese Verwebung der Systeme und Skalen entstehen Kombinationsskalen, die neue Intervalle möglich machen und einander ergänzen.

Die Technik: Grenzen zwischen real und surreal verschwimmen

Und der Zuhörer – wird er bei dieser Musik nicht „abgehängt“? Christian Klinkenberg: „Ich weiß, dass diese Musik ‚schwere Kost‘ ist, die dem Publikum nicht leicht zugänglich ist. Aber grooviges Schlagzeug, Bass und Gitarre machen schwere Harmonien leichter verdaulich.“

Lothar Felten aus Hauset programmierte speziell für dieses Projekt die Software „autoconductor“, die nicht nur den Ausführenden die von Marc Kirschvink gezeichneten Partituren auf den Bildschirm streamt, sondern die auch synchronisierte Auftritte von virtuellen Schauspielern und Sängern sowie den Einsatz von Videokunst, die durch Ludwig Kuckartz gestaltet wurde, möglich macht.

Auch visuell werden in der neuen Oper die Grenzen zwischen real und surreal verwoben. Die Gedankenwelt des Protagonisten wechselt zwischen live und Projektion. Die virtuellen Charaktere erscheinen aus dem Jenseits und lassen die Ebenen verschwimmen. Stilistisch wird die Geschichte – wie Christian Klinkenberg sagt – „hart gebrochen und gemischt“. Manchmal erzählt in bester Hörspielmanier ein Radio-O-Ton die Begebenheiten, ein anderes Mal treiben Tanz, Video und performatives Spiel die Gletschergeschichte weiter. „Oper 2.0“ nennt der Künstler das Gesamtkunstwerk der besonderen Art. „Das Wort Oper hat manchmal einen etwas angestaubten Beigeschmack“, sagt er. Mit seinem Werk geht er eben bewusst neue Wege.

Die weitreichenden Ambitionen von Christian Klinkenberg werden auch dadurch unterstrichen, dass er eine englische Textversion erstellt hat, welche in Brüssel und sogar an drei unterschiedlichen Spielorten in New York als „musikalisches Schaufenster“ aufgeführt wird.

Die Handlung: das ewige Eis, erst Glück, dann Grausamkeit

Die Handlung der Oper basiert auf einer gleichnamigen Novelle des aus Raeren gebürtigen Schriftstellers Josef Ponten sowie aus Ideen und Elementen weiterer regionaler Autoren wie Wilhelm A. Imperatori, Hubert Schiffer, Peter Schmitz, Robert Hamacher oder Joseph Lousberg. Mit dem gesammelten Material ging Christian Klinkenberg zu Regisseurin Nicole Erbe, die aus den Textauszügen und vielen eigenen Ideen mit Feingefühl eine ganz neue Geschichte schuf.

Die Handlung: Voller Mut treten die Zwillinge Max und Gabriel den Aufstieg auf einen Gletscher an. Die Natur ist überwältigend, der Gletscher vor ihnen eine Verheißung. Klein und unbedeutend stehen sie auf den Gipfeln, jubeln und lachen. Die Höhe und die Bergluft locken sie, fordern sie heraus und erfüllen ihre Herzen mit Freude und Übermut. Ihre Jugend erscheint ihnen ewig, das Leben unendlich. Selbst als der Boden unter ihnen bebt, bleibt es für einen der beiden nur ein Spiel. Doch übermächtig ist keiner von ihnen: Ein falscher Schritt, eine Spalte, ein Fall, und Gabriel, von beiden der romantische und ungestüme Bruder, ist tot. Max bleibt zurück. Der Gletscher, der eben noch ein Ort der Schönheit und des Glücks war, wird grausames, ewiges Eis. Verzweifelt tritt Max den Rückweg an und die Zeit vergeht. Als Gletscherforscher bereist er die Welt und muss nach 30 Jahren feststellen, dass der Schmerz über den Verlust mächtiger ist als jedes Gebirge. Gabriel ist in jedem Baum, in jedem Felsen, in jedem See.

Max, der seinem Bruder immer ähnlich sah, verlässt die Grenze zwischen Gedanken und Realität. Der Irrsinn scheint ein willkommener Trost. Wie ein Getriebener steht er nach 30 Jahren wieder an der Stelle des Unglücks und beschließt, den Körper seines Bruders zu bergen. Doch Max ahnt nicht, dass er einen Widersacher in seiner Nähe hat, der größer und mächtiger ist als ein Mensch: ein Berggeist...

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