Anwohner wehren sich gegen geplantes Windrad - Einspruchsfrist endet am Mittwoch

<p>Von seinem Garten aus würde Joachim Krichel direkt auf das geplante Windrad zur rechten Seite des Wasserturms blicken.</p>
Von seinem Garten aus würde Joachim Krichel direkt auf das geplante Windrad zur rechten Seite des Wasserturms blicken. | Foto: Ralf Schaus

„Luminus und NMC profitieren, die Anwohner sind die Leidtragenden“, schimpft Joachim Krichel. Der 61-jährige Familienvater und Anwohner der Straße Altenbau hat sich in den vergangenen Tagen eingehend mit dem Vorhaben des Energielieferanten Luminus, der in diesem Fall als Bauherr auftritt, auseinandergesetzt. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass das geplante Windrad nichts als unzumutbare Belästigungen und Nachteile für die Anwohner mit sich bringen würde.

Eines vorweg: Er habe nichts gegen Windenergie, sagt Krichel. Im Gegenteil. Nur der Standort der geplanten Windkraftanlage zwischen den Produktionshallen und dem Turm des Wasserversorgungsunternehmens SWDE an der Gert-Noël-Straße, umgeben von mehreren Wohngebieten, sei nicht akzeptabel.

Joachim Krichel bangt um die Gesundheit seiner Familie.

Was Joachim Krichel die größten Sorgen bereitet, sind die zu befürchtenden negativen Auswirkungen auf die Gesundheit der Anwohner und der Menschen, die in der angrenzenden Gewerbezone arbeiten. Das geplante Windrad bringt den Eynattener schon jetzt um den Schlaf. Wenn es einmal steht, könnte das zum Dauerzustand werden. Der Lärm, der durch das Rotieren der Flügel im Wind erzeugt wird, sowie ein kontinuierliches, monotones Zischen, machen „verrückt“, wie ein ewig tropfender Wasserhahn. „Hinzu kommt der Infraschall – niederfrequente Schwingungen, die vom Ohr nicht wahrgenommen werden –, der nachweislich zu Herzproblemen und Schlafstörungen führen kann“, so Krichel, der seine Bedenken auf diverse Studien stützt, auf die er bei seiner Recherche gestoßen ist. „Auch der Schattenwurf schlägt nachweislich aufs Gemüt, führt zu innerer Unruhe und beeinträchtigt außerdem die Leistungen privater Solaranlagen in der Umgebung.“

Auch auf die durchaus bestehende Gefahr von abgeknickten Rotorblättern und herabstürzenden Teilen kommt Joachim Krichel zu sprechen. „In der Infoveranstaltung wurde lediglich darauf hingewiesen, dass innerhalb des sogenannten Bruchkreises von 360 Metern um das Windrad keine Gasleitung liegt, die durch abfliegende Teile beschädigt werden könnte. Tatsache ist jedoch, dass sich in diesem Bereich Chemikalienlager mit bis zu 30 Tonnen brennbarer Nitrocellulose und bis zu 200.000 Liter anderer feuergefährlicher Chemikalien befinden. Außerdem führt der öffentliche Weg Altenbau, ehemals Kinkebahn, direkt am Windrad vorbei“, so Krichel. „Dieser Aspekt findet in dem Bericht des Studienbüros CSD (in Auftrag gegeben von Luminus, A.d.R.) überhaupt keine Berücksichtigung, beziehungsweise ich habe dazu nichts gefunden.“

Der Antrag sieht unterschiedliche Höhen für das geplante Windrad vor – 130, 150 und 180 Meter. Zum Vergleich: Der Wasserturm ist rund 46 Meter hoch, das Atomium 102. Was die einzuhaltenden Abstände betrifft, so setzt die Richtlinie der Wallonischen Region voraus, dass sich in einem Radius von 400 Metern um ein Windrad kein Haus befinden darf. Laut CSD würde diese Bedingung in Eynatten erfüllt. Allerdings muss der Abstand zu Wohngebieten mindestens die vierfache Höhe des Rades betragen, was in der kleinsten Ausführung 520 Meter bedeuten würde. CSD kam zu dem Schluss, dass demnach zwar ein Wohngebiet entlang der N68 (die Grundstücke sind im Besitz von NMC und das Unternehmen argumentiert, diese nicht bebauen zu wollen) sowie mehrere Häuser betroffen sind, diese jedoch außerhalb eines Wohngebiets liegen.

Eines dieser besagten Häuser ist das Zuhause von Familie Krichel, das laut der CSD-Umweltverträglichkeitsstudie 430 Meter vom geplanten Standort entfernt liegt. Von seinem Garten aus hätte Joachim Krichel freien Blick auf das Windrad. „Unser Grundstück liegt vielleicht nicht in einem Wohngebiet. Trotzdem leben hier Menschen“, gibt der 61-Jährige zu bedenken. „Und was ist mit den Menschen, die im Industriegebiet arbeiten und täglich acht Stunden oder mehr Infraschall und Schlagschatten ausgesetzt sind? Ist deren Gesundheit nichts wert?“

„Wir hoffen, dass möglichst viele Betroffene von ihrem Recht, Einspruch gegen das Vorhaben einzulegen, Gebrauch machen“, sagt Gudrun Jörißen.

Was zunächst wie ein emotionaler Impuls klingt, ist das Ergebnis stundenlanger Recherchen und Nachforschungen in den vergangenen Tagen. Das gesamte Vorhaben umfasst zwei dicke Aktenordner. „Die durften wir zwar einsehen, aber nichts daraus kopieren oder abfotografieren. Es ist schlicht nicht machbar, sich innerhalb dieser kurzen Zeit in diese komplexe Materie einzuarbeiten, zumal wir keine Experten sind und uns das technische Hintergrundwissen fehlt“, kritisiert er.

„Die Zeit ist viel zu kurz“, pflichtet Gudrun Jörißen, die seit 15 Jahren entlang der N68 wohnt und die sich in den vergangenen Tagen ebenfalls eingehend mit der geplanten Windkraftanlage auseinandergesetzt hat, bei. „Man mutet uns bereits jetzt viel zu: Das Verkehrsaufkommen ist hoch und die Lärmbelästigung, die ohnehin schon von NMC ausgeht, nicht zu unterschätzen. Ein Windrad wäre eine zusätzliche Belastung.“

Jörißen teilt die Sorgen um die gesundheitlichen Auswirkungen auf die Anwohner. „Viele Häuser befinden sich 400 bis 1.000 Meter vom geplanten Standort entfernt und bekämen die Auswirkungen besonders zu spüren.“ Auch die ökologischen Konsequenzen seien nicht zu missachten, immerhin „sind eine große Anzahl an Vogelarten, Fledermäuse und auch Zugvögel zu beobachten“.

Zur Erinnerung: Das geplante Windrad soll mit einer Leistung von bis zu 2,99 Megawatt Strom und damit 40 bis 50 Prozent des NMC-Verbrauchs produzieren. „Eine aufwendige Umweltverträglichkeitsstudie ist erst ab einer Megawatt-Leistung von 3 verpflichtend. Demnach ist die Genehmigungsprozedur in diesem Fall vereinfacht und verkürzt und lässt nur 15 Tage Zeit, um das Projekt zu sichten und Einsprüche einzureichen. In Anbetracht der Tragweite und Größe des Projektes ist diese Frist zwar konform, aber viel zu kurz. Große Teile der Bevölkerung haben von dem Vorhaben schlicht nichts mitbekommen oder wurden erst gar nicht informiert, darunter die direkt betroffenen Anwohner auf dem Johberg in Walhorn“, erklärt Joachim Krichel. Die Infoveranstaltung am vergangenen Mittwoch sei ebenfalls „sehr kurzfristig“ einberufen worden, sodass „viele sich nicht ausreichend vorbereiten konnten“.

Neben einem „beachtlichen Wertverlust“ der umliegenden Immobilien sorgt sich Gudrun Jörißen auch darum, dass das Wohnen rund um das Windrad unattraktiv wird und „dieser Teil Raerens bei den Entwicklungen der Gemeinde auf der Strecke bleibt“. Sie sagt: „Es gibt auch andere Möglichkeiten, zusätzliche nachhaltige Energie zu produzieren, beispielsweise durch den Ausbau der Photovoltaikanlage, die NMC vor einigen Jahren installiert hat.“ Jörißen wünscht sich ein Gesamtkonzept in Sachen Windenergie, am besten für ganz Ostbelgien, das insgesamt ausgewogen ist. „Eine Entscheidung für dieses Windrad könnte einen Präzedenzfall schaffen und andere Firmen dazu ermutigen, nachzuziehen. Das wäre wie ein Wildwuchs.“

Viele Anwohner, so sagt sie, seien sich der Tragweite eines Windrades in ihrer Nachbarschaft nicht bewusst. Daher sind Joachim Krichel, Gudrun Jörißen und andere in den vergangenen Tagen durch die Nachbarschaft gestreift, haben an Haustüren geklingelt, Infoblätter und einen vorgefassten Einspruch verteilt, den man nur noch unterschreiben und bei der Gemeinde einreichen muss. „Zahlreiche Menschen haben bereits unterschrieben, aber es ist auch sehr mühselig“, sagt Joachim Krichel. Viele ältere Anwohner seien mit der Thematik überfordert, andere wollen sich keinen Ärger machen, einige arbeiten für NMC. „Wir hoffen, dass möglichst viele Betroffene von ihrem Recht, Einspruch gegen das Vorhaben einzulegen, Gebrauch machen“, erklärt Jörißen. Die Zeit drängt: Bereits am Mittwochmittag endet die Einspruchsfrist. Ende Oktober wird das Gemeindekollegium einen Beschluss fassen. „Wir haben die Hoffnung, dass unsere Bedenken gehört und berücksichtigt werden“, so die 60-Jährige. Bei der Infoveranstaltung am vergangenen Mittwoch hatte Umweltschöffe Uli Deller (Ecolo) jedenfalls versprochen, alle Argumente abzuwägen.

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