Lebensmittelbanken warnen: „Essen oder heizen“

<p>Immer mehr Menschen im Land sind auf Lebensmittelhilfen angewiesen.</p>
Immer mehr Menschen im Land sind auf Lebensmittelhilfen angewiesen. | Foto: belga

Wie der belgische Verband der Lebensmittelbanken (FBBA) bei der Vorstellung seines Jahresberichts mitteilt, ist die Zahl der monatlichen Empfänger von Nahrungsmittelhilfen 2021 um etwa 2.000 Personen (verglichen mit dem Vorjahr) gestiegen. Innerhalb von fünf Jahren verzeichnet die Organisation gar einen Anstieg von 35.000 Hilfsbedürftigen pro Monat – Tendenz weiter steigend. Wie FBBA-Geschäftsführer Jef Mottar bereits vorab gegenüber dem flämischen Rundfunk erklärte, sei auch die Zahl der angeschlossenen Lebensmittelbanken um 24 Organisationen auf nunmehr 654 im Jahr 2021 gestiegen.

Insgesamt wurden im letzten Jahr 22.229 Tonnen Lebensmittel an monatlich mehr als 177.000 Menschen verteilt. Das entspricht in etwa der Menge des Vorjahres. Der von der Lebensmittelindustrie angebotene Überschuss hingegen ging im Vergleich zu 2020 um 11 Prozent zurück. Darüber hinaus erhielten die Nahrungsmittelbanken etwa 20 Prozent weniger Waren aus dem Europäischen Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen. Die verteilten Lebensmittel entsprechen etwa 45 Millionen Mahlzeiten für Bedürftige oder umgerechnet fünf Mahlzeiten pro Kopf und Woche, erklärt Verbandspräsident Piet Vanthemsche. Obst und Gemüse (28 Prozent) machen dabei den größten Teil der verteilten Produkte aus, gefolgt von Milch und Molkereiprodukten (23 Prozent), Getreidewaren (15 Prozent) sowie Fisch und Fleisch (10 Prozent).

Der Rückgang der Spenden musste indes durch den zusätzlichen Ankauf von 2.039 Tonnen Lebensmitteln ausgeglichen werden. „Ohne diese Zukäufe, die hauptsächlich durch außerordentliche Zuschüsse des Föderalen Öffentlichen Dienstes für Soziale Integration finanziert wurden, hätten die Empfänger eine starke strukturelle Verknappung des Nahrungsmittelangebots erlitten“, so der Verband.

Das Profil der Menschen, die Nahrungsmittelhilfe benötigen, sei schwer zu kategorisieren, erläutert Jef Mottar. Zwar würden Menschen in prekären sozialen Verhältnissen einen gewichten Teil der Empfänger ausmachen, aber auch Niedrigqualifizierte und Menschen, die in Sektoren arbeiten, die am stärksten von der Coronakrise betroffen sind, seien auf Lebensmittelhilfen angewiesen. „Kunst, Kultur, Unterhaltung, aber auch kleine Selbstständige und Alleinerziehende“, fasst der Geschäftsführer zusammen.

Der Verband weist darauf hin, dass die Energiepreise seit Mitte 2021 stark gestiegen seien. Die Kosten für Erdgas und Strom seien bei einem durchschnittlichen Verbrauch auf 2.250 Euro pro Jahr beziehungsweise 187 Euro pro Monat angewachsen. „Darüber hinaus wird mit einem erheblichen Anstieg der Lebensmittelpreise gerechnet. Infolgedessen befürchten wir, dass im Jahr 2022 viele Bedürftige vor der Wahl stehen werden, ob sie sich ernähren oder heizen wollen. Die Situation könnte schlimmer nicht sein“, warnt die Organisation.

Um Lebensmittelspenden zu unterstützen und zu fördern, fordert der Verband von den politischen Entscheidungsträgern unter anderem steuerliche Anreize, wie beispielsweise Steuerermäßigungen für die Spender. „Unternehmen, die Lebensmittel spenden, können die Mehrwertsteuer (6 %) auf diese zurückfordern. Leider scheint dieser Anreiz nicht auszureichen, um weiterhin genügend Lebensmittelspenden zu erhalten“, erklärt Piet Vanthemsche: „Deshalb würden wir uns wünschen, dass ein System ähnlich dem in Frankreich eingeführt wird, bei dem der Nettobuchwert der gespendeten Lebensmittel abgezogen werden kann, was eine echte Steuersenkung darstellt“.

Als nicht gesichert gilt derweil, ob der Verband auch in diesem Jahr finanzielle Unterstützung vom Föderalstaat erhält. „Vorläufig ist das nicht zu erwarten. Das könnte durchaus zu einer Nahrungsmittelknappheit führen, wenn wir keine zusätzlichen Haushaltsmittel erhalten“, so Jef Mottar abschließend.

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