Den Karren aus dem Dreck gezogen

Als am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg endete, breitete sich über St.Vith eine gespenstische Ruhe aus: Nur noch wenige Häuser standen in der Stadt, die man zeitweise nicht mehr „am Büchel“ nennen konnte. Denn auch das Wahrzeichen der Stadt lag danieder und hatte gar Menschen bei den schweren Bombardierungen an Weihnachten 1944 unter sich begraben. Die belgische Regierung zögerte nicht lange und enteignete ein zehn Hektar großes Grundstück am Stadtausgang Richtung Malmedy. Dort entstanden, in Barackenbauweise, Unterkünfte für über 200 St.Vither Familien. So, wie die Stadt wiedererbaut wurde, entleerte sich die „Neustadt“, die ihren Namen bis heute behalten hat.

Ende der 1950er Jahre waren viele der Baracken leer, manche waren schon abgerissen worden. Es entstand die Idee, an dieser Stelle Wohnungen für Menschen zu errichten, die sich solche kaum leisten konnten. So wurde im Herbst 1959 die „Sozialer Wohnungsbau St.Vither“ gegründet. Neben der Stadt St.Vith und ihrem Öffentlichen Sozialhilfezentrum (ÖSHZ), dem belgischen Staat und der Provinz, fanden sich 62 Bürger bzw. Familien von St.Vith, die ebenfalls Anteile der neuen Gesellschaft zeichneten. Die Liste liest sich wie das „Who is who“ der Stadt St.Vith. Sie blieben der Gesellschaft treu, auch als diese sich durch Einbeziehung der vier anderen Eifelgemeinden in „Öffentliche Wohnungsbau Eifel“, ÖWBE, umwandelte: als Genossenschaftsgesellschaft mit beschränkter Haftung.

ÖWBE ist Teil der St.Vither Identität.

Wenn am 30. Juni sämtliche administrativen Schritte zur „Fusion durch Übernahme der ÖWBE“ notariell beurkundet sein werden, endet für viele St.Vither nicht nur die Geschichte irgendeiner Gesellschaft, sondern ein Stück ihrer Identität. Denn die tragische Kriegserfahrung während der Ardennenoffensive ist tief eingeprägt in die kollektive Erinnerung der St.Vither. Es ist eine emotionale Geschichte, wie Leo Kreins erklärt. Er hat die ÖWBE als deren Verwaltungsratspräsident in 18 Monaten in minutiöser Kleinarbeit wieder vom Kopf auf die Beine gestellt. Denn der Gesellschaft ging es Ende 2019 ziemlich dreckig. So dreckig, dass eigentlich keiner mehr Hand anlegen wollte. Dabei musste „der Haushalt“ dringend bestellt werden. Denn gerade war die Deutschsprachige Gemeinschaft zuständig für das Wohnungswesen und damit auch den Sozialen Wohnungsbau geworden. Doch dazu später mehr.

Demnächst für alles nach Eupen fahren müssen...

Wenn man mit Menschen in der Eifel und insbesondere in St.Vith spricht, kommt man ziemlich schnell auf die Ängste zu sprechen, die die Menschen hier antreiben. Das fängt an beim Krankenhaus, geht weiter über das Friedensgericht, das ZAWM oder das Jugendbüro. Man fürchtet, demnächst „für alles über das Venn nach Eupen fahren zu müssen“. Ganz abgesehen von den direkten und indirekten Arbeitsplätzen, die mit dem Wegzug der Einrichtungen verschwinden.

Doch zurück zum Sozialen Wohnungsbau: Nicht nur in Ostbelgien sorgt der derzeit für Schlagzeilen. Das Thema „bezahlbarer Wohnraum“ steht auf den politischen Agenden vieler Länder.

In St.Vith sollen die Menschen weiter Hilfe von zwei Angestellten bekommen.

In der Deutschsprachigen Gemeinschaft ist man weit entfernt von öffentlichen Kundgebungen von Unzufriedenheit der Wohnungssuchenden wie beispielsweise in Berlin. Dennoch tut sich einiges in Sachen Sozialer Wohnungsbau. Auch wenn in den letzten 18 Monaten vor allem hinter den Kulissen hart gearbeitet und mancher Strauß ausgefochten wurde. Es geht konkret um, Stand heute, 1.203 Wohnungen, die von der „Öffentlicher Wohnungsbau OstBelgien“ (Ex-Nosbau) verwaltet werden, und 135 Wohnungen in der Eifel.

Mit dem Programmgesetz vom Dezember 2019 hat die Regierung der DG, konkret der zuständige Minister Antonios Antoniadis (SP), die Fusion der beiden Gesellschaften praktisch diktiert. „In der kleinen DG ist es wichtig die Kräfte im Wohnungsbau zu bündeln. Beide Gesellschaften hatten in der Vergangenheit Probleme Fachkräfte zu finden“, rechtfertigt Antoniadis den Schritt, der in St.Vith nicht so gut ankam. Doch er beschwichtigt sofort: „Die neun Gemeinden werden auch in Zukunft die Zügel in der Hand halten.“ Das hatte den Gemeindevertretern in der Eifel und, allen voran, in St.Vith aber nicht gereicht. So hat man eine Zusatzvereinbarung getroffen, die den Erhalt der Anlaufstelle in der Mühlenbachstraße in St.Vith garantiert. Außerdem, so Leo Kreins, wird man kleine Unterhaltsarbeiten (die beliefen sich im vergangenen Jahr auf rund 60.000 Euro) auch in Zukunft an lokale Unternehmen vergeben können: per Ausschreibung. Schließlich wird man in St.Vith auch weiterhin über die Zuteilung der Wohnungen an die Antragsteller entscheiden.

Antoniadis hat sich dieser Logik angeschlossen. Hätte es die Einigung nicht gegeben, hätte er sie dekretal vorgegeben, bestätigt der Minister auf GrenzEcho-Nachfrage. Doch auch anderswo, präziser in Eupen und Kelmis, hat man die Vorbereitung der Fusion, die zwischen den beiden Verwaltungsräten besprochen und entschieden wurde, genutzt, um ein paar Pflöcke einzuschlagen. Man fürchtet offensichtlich eine Überbelastung der ÖSHZ- und somit der kommunalen Haushalte, sollten noch mehr Sozialwohnungen entstehen. Auch hier hat es Gespräche mit der Regierung bzw. Antoniadis gegeben, der den beiden Gemeinden entgegenkommt. Aus gutem Grund, wie Antoniadis selbst erklärt: „Eupen und Kelmis zählen 915 öffentlich geförderte Wohneinheiten. Das sind über 68% des gesamten Wohnungsparks der künftigen Wohnungsbaugesellschaft.“ Er versichert, „dass die DG die Gemeinden Eupen und Kelmis nicht zu mehr Wohnraum zwingen wird. Und erneut: „Es sind die neun Gemeinden, die die Gesellschaft verwalten.“

Trotzdem ist sich Antoniadis sicher, dass auch in Eupen und Kelmis neuer Wohnraum entstehen muss: „Es wird uns nichts anderes übrig bleiben als mehr Wohnraum zu schaffen. Das kann aber bestehender Wohnraum sein, der saniert wird. Das kann auch privater Wohnraum sein, der über die Sozialen Immobiliengesellschaften zu guten Mietkonditionen akquiriert wird.“

Auch Leo Kreins hat in den eineinhalb Jahren, in denen er nicht nur Verwaltungspräsident der ÖWBE, sondern nahezu omnipräsent war, festgestellt, dass die Mieter in die Städte wollen. Einmal, erinnert er sich, habe er einen potenziellen Mieter zu einer der Wohnungen in einem kleineren Ort gefahren. Unterwegs habe der Mann ihn irgendwann aufgefordert, umzukehren.

„Eine Kumulierung von Nachlässigkeiten...“

Mit Isabelle Giet und Nadine Bömer, hat Kreins in monatelanger Arbeit Ordnung in die Papiere gebracht, mehrere Kubikmeter Papier landeten in der Entsorgung. In dem Vorwort zu dem Tätigkeitsbericht 2020 schreibt er: „Mit Stolz können wir auf das Geleistete zurückblicken und hoffen, nie wieder einer ähnlichen Kumulierung von unentschuldbaren Nachlässigkeiten begegnen zu müssen.“ Die Gesellschaft ÖWBE war in der Tat in vielerlei Hinsicht im Jahr 2019 dysfunktional. Sowohl auf Ebene ihrer Verwaltung als auf Verwaltungsratsebene lag einiges im argen. Kein Wunder, dass keiner sich meldete, als es die Nachfolge des damaligen Verwaltungsratspräsidenten René Hoffmann zu regeln galt. Dem war „die Belastung am Ende zu groß geworden“, wie der Interimspräsident Roland Gilson damals dem GrenzEcho gegenüber erklärte.

Erfahrung und eine Menge Arbeit

Am Ende bat die Mehrheit im St.Vither Rathaus den Kollegen der Opposition, Leo Kreins, der aus früheren Mandaten viel Erfahrung im Sozialen Wohnungsbau mitbrachte, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Das gelang dem ehemaligen Finanzbeamten und Kabinettschef in der DG-Regierung offensichtlich so gut, dass es bei der letzten Stadtratssitzung in St.Vith Lob von allen Seiten für Kreins’ Arbeit und die seines kleinen Teams gab. Sogar Bürgermeister Herbert Grommes zollte Leo Kreins Anerkennung für seine Arbeit, die er überdies als Rentner ohne jegliche Bezahlung verrichtete. Ihm gelang es auch, die Politik aus dieser Arbeit herauszuhalten, was in der Vergangenheit offenbar nicht immer der Fall gewesen war und letztendlich zu einem Bruch zwischen der Verwaltung und der Aufsicht der Wohnungsbaugesellschaft geführt hatte.

Aus dem Vizepräsidenten Leo Kreins war längst der Präsident Leo Kreins geworden. Er fand es in der Tat wichtig, mit den Nordgemeinden „auf Augenhöhe zu verhandeln“. Und alles aufzuarbeiten, nicht zuletzt, um zu verhindern, dass man in den Verhandlungen nicht doch die eine oder andere Kröte hätte schlucken müssen. Der Husarenstreich gelang: dank einer außerordentlichen Kraftanstrengung des kleinen Teams um den reaktivierten Rentner Kreins, der nicht nur seine Erfahrung als „Verwaltungsmensch“, sondern auch seine Vertrautheit mit der Materie auszuspielen wusste.

So konnte die ÖWBE mit sauberen Büchern in die Gespräche zur Fusion der beiden Gesellschaften gehen. Und die Zukunft vorbereiten, in der – da sind sich Kreins und Antoniadis einig – einige Herausforderungen warten. (wird fortgesetzt)

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