Corona ist überaus unberechenbar. Eine kleine Unachtsamkeit – den Abstand nicht eingehalten oder die Maske auf Halbmast getragen – reicht aus, und schon verbreitet sich das neuartige Virus in Windeseile von Körper zu Körper. Vor allem an Orten, wo viele Leute zusammenkommen, hat das Virus leichtes Spiel. Im Fachjargon werden solche Lokalitäten als sogenannte Hotspots betitelt. Das Marienheim ist innerhalb von nur wenigen Tagen zu genau so einem Hotspot geworden.
In dem Raerener Alten- und Seniorenheim hat es Anfang letzter Woche einen Ausbruch gegeben. Was mit drei Infizierten begann, hat sich mittlerweile zu einer internen Epidemie entwickelt: 55 Bewohner, und elf Pfleger (Stand Dienstag) haben sich angesteckt. „Es sind mehrere Wohnbereiche betroffen“, erklärt Heimleiter Patrick Laschet auf Nachfrage dem GrenzEcho. „Das schlimmste Szenario, was man haben kann.“ Aufgrund der vielen Brandherde – insgesamt haben sich rund ein Drittel aller Heimbewohner infiziert – sei es schwierig, die Ausbreitung des Virus gezielt einzudämmen.
Um der Lage Herr zu werden, stand die Heimleitung vor einer großen logistischen Aufgabe. Konkret mussten neue Wohnbereiche geschaffen werden, die Umzüge nach sich gezogen haben. Seit Dienstagnachmittag leben die positiv getesteten Personen getrennt von den negativ getesteten. Das ganze Wohnkonzept wurde in Zusammenarbeit mit der Hygienekommission der DG ausgearbeitet. Federführend dabei war AHS-Dozentin Sandra Klinges, die vor Ort das Team des Marienheims unterstützt hat. „Alle zusammen sind die ganzen Abläufe noch einmal durchgegangen, um so die bestmögliche Lösung auszuarbeiten“, erläutert DG-Gesundheitsminister Antonios Antoniadis (SP). Ein externer Blick sei „immer ganz gut“, vor allem, weil sich nach einiger Zeit Betriebsblindheit einstellen könne, gibt Patrick Laschet zu verstehen. „Frau Klinges war aber auch schon einmal im Frühjahr hier und hatte gesagt, alle Prozeduren, die wir gemacht haben, sind zertifiziert und gut.“ Und die Zahlen geben dem Direktor recht. Seit dem Ausbruch der Pandemie konnte sein Team die Mauern mithilfe von diversen Schutzmaßnahmen „dicht halten“. Trotz der Krise sind in diesem Jahr im Marienheim wesentlich weniger Leute verstorben als in „Nicht-Corona-Zeiten“. „Die Sterberate liegt aktuell bei nur 35 Prozent im Vergleich zu normalen Jahren“, berichtet Patrick Laschet und lobt dafür seine Mitarbeiter. „Das Personal hat in den letzten neun Monaten wie Löwen gearbeitet und ist immer sehr achtsam gewesen. Doch durch eine kleine Unachtsamkeit hat sich das Ganze schlagartig verändert.“
Aber wie konnte es nun auf einmal dazu kommen? „Wir haben zwei, drei Pisten, aber ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, welche es ist“, sagt Laschet. „Es ist wahrscheinlich aber von einem Bewohner, ohne mit dem Finger auf jemanden zeigen zu wollen, hereingetragen worden.“ In seinem Wohnbereich hat die betroffene Person dann unbewusst als eine Art „Superspreader“ agiert. Am Ende waren 14 der 16 Senioren des Bereichs infiziert. „Es wurde also quasi die ganze Blase angesteckt“, so der Heimleiter. Anschließend nahm das Schicksal seinen Lauf.
Auffällig bei dem Ganzen: Der Verlauf beim Großteil der Betroffenen war asymptomatisch, also ohne Symptome, „und das ist das große Problem“, kommentiert Patrick Laschet. Was den Rest betrifft, seien nur „leichte Verläufe“ festgestellt worden – zumindest bis jetzt. „Schlimme Verläufe können auch noch in der zweiten Woche der Ansteckung auftreten. Das sagt jedenfalls die Literatur. Ich bin beruhigt, wenn die nächsten Tage herum sind und es den Bewohnern wieder gut geht.“
Der unerwartete Ausbruch hat derweil zur Folge, dass bis auf Weiteres keine physischen Besuche in dem Wohn- und Pflegezentrum gestattet sind – auch nicht an den Feiertagen. Das Heim versuche aber alles, diese Phase für die Hausbewohner und dessen Angehörige so angenehm wie möglich zu gestalten. Damit aber nicht genug: Durch die nachgewiesenen Infektionen können im Marienheim vorerst keine Coronaimpfungen durchgeführt werden. Eigentlich sollten diese am 5. Januar stattfinden. „Wir müssen warten, bis sich die Situation wieder beruhigt hat und erst dann kann man wieder impfen“, erklärt Minister Antoniadis. Aller Voraussicht nach könne am 18. Januar die erste Nadel angesetzt werden. Vorausgesetzt, der unerwünschte Gast hat bis dahin das Haus verlassen.

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