Zum Rücktritt von Harald Mollers: Rettet die Diskussionskultur!

<p>Der Beweggrund für den Rückzug von Harald Mollers sind persönliche Anfeindungen im Zuge der Coronakrise.</p>
Der Beweggrund für den Rückzug von Harald Mollers sind persönliche Anfeindungen im Zuge der Coronakrise. | Archivfoto: David Hagemann

Die Ankündigung des Rücktritts von DG-Bildungsminister Harald Mollers (ProDG) war nicht nur in Ostbelgien ein Paukenschlag. Auch im Inland ist der Rückzug ein Thema gewesen.

Mollers Hauptgrund, durch die er die Grenze der Belastbarkeit überschritten glaubt, sind die persönlichen Anfeindungen, denen er sich seit der Coronakrise ausgesetzt sieht. Unter anderem wurde ihm vorgeworfen, eine „Marionette der Maskenlobby“ oder „pädophil“ zu sein.

Bei allem Verständnis, dass die vergangenen Monate zu einschneidenden Erfahrungen führten, die viele Menschen in Ostbelgien vor gewaltige Probleme gestellt sowie selbst Optimisten wie mich zum Nörgeln gebracht haben - Die persönlichen Attacken auf politische Amtsträger haben eine neue, nicht auszuhaltende Dimension erreicht. Sie sind ungeheuerlich, abstoßend und müssten im Übrigen strafrechtlich verfolgt werden. Doch stattdessen haben die Menschen, die hinter diesem Online-Stammtisch-Gebrülle stecken, mit dem Rücktritt von Harald Mollers, für den er jede Menge Respekt verdient, einen traurigen Teilsieg errungen.

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Kommentare

  • Sehr geehrter Herr Schleck,

    Sie gehen davon aus, dass der Lockdown die starke Zunahme an Kranken- und Todeszahlen abrupt gestoppt hätte. Das kann, muss aber nicht stimmen. Ein direkter Vergleich mit der Entwicklung in Schweden, gibt Anlass für gehörige Zweifel, siehe https://ourworldindata.org/coronavirus-data-explorer?zoomToSelection=tru....

    Dann möchte ich Sie bitten, mich korrekt zu zitieren. Ich sprach von „bedrohlicher Zunahme“ und nicht von „bedrohlicher Höhe“. Ich gehe davon aus, dass Ihnen der Unterschied klar ist. Falls nicht, stellen Sich einfach vor, Sie stünden am Fuße der Eigernordwand und blicken zu deren Gipfel.

    Dann argumentieren Sie: „Wären alle Menschen so lieb und nett, wie Sie das anscheinend sind, brauchte es keine StVO, nicht wahr?“ Also weil nun laut Ihrer Meinung die Menschen nicht lieb und nett sind, kann man ohne Weiteres die Verfassung schon mal ein halbes Jahr lang außer Kraft setzen, oder was?

    Dann argumentieren Sie: „Genau gegen diese Quarantäne für die Insassen wurde doch vor Kurzem noch geradezu mit Schaum vor dem Mund Sturm gelaufen.“ Sie verstehen offensichtlich nicht, dass „freiwillig“ und „radikal“ sich NICHT gegenseitig ausschließen.

    Zu guter Letzt bringen Sie das Beispiel der Geschwindigkeitsbegrenzung ins Spiel. Zum einen sind Tempolimits das Ergebnis eines (lang diskutierten) Konsenses und zum Anderen ist die Gefahr „Geschwindigkeit“ sinnlich wahrnehmbar, sodass die Gefährlichkeit von Letzterer keine Glaubensfrage ist.

  • Zu 1: „Weit“ von Triage entfern“? Zum Glück ist das Gesundheitssystem in Belgien am Anfang der Pandemie nicht zusammengebrochen, obwohl es an manchen Stellen zu Engpässen gekommen ist.

    Wer sich die Grafik der Aufnahmen in die Intensivstationen ansieht, stellt fest, dass die Kurve nach einem steilen Anstieg im März dann im April abrupt abbrach. Wäre diese Zunahme auch nur eine Woche so weitergegangen, dann wäre dir Triage durchaus kein hypothetischer Fall geblieben.

    Aber es geht nicht nur um die Zahl der belegten Betten auf den Corona-Stationen und die der Beatmungsgeräte, sondern auch und besonders um die physische und psychische Überforderung von Ärzten und Pflegepersonal, deren Zahl sich ja nicht beliebig mit einem Fingerschnippen vermehren lässt.

    Dieser Abbruch hat natürlich rein gar nichts mit den Maßnahmen zu tun, die im März eingeführt wurden, sondern ist sicher reiner Zufall.

    Was wäre aber erst los gewesen, wenn die Politiker Ihren weisen Ratschlag befolgt hätten, abzuwarten, bis die Zahl der Einlieferungen eine „bedrohliche Höhe“ erreicht hätte? War Anfang April bedrohlich genug oder hätten Sie noch weiter gewartet?

    Dass Sie wieder einmal in diesem Kontext hier lächerliche Vergleiche bringen, entspricht Ihrem Standard. Nein, das alles muss nicht verboten werden, aber die Politik ist gefordert, in diesen Bereichen Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, um etwa die Gefahren im Straßenverkehr so weit wie möglich zu vermindern.

    Dazu gehören leider auch Zwangsmaßnahmen. Gerade in den Diskussionsforen werden doch nach einem tragischen Unfall lauthals drakonische Strafen gegen „Raser“ gefordert. Wären alle Menschen so lieb und nett, wie Sie das anscheinend sind, brauchte es keine StVO, nicht wahr?

    Zu 2: Nein, der Bürger ist nicht „grundsätzlich“ unmündig, aber oft. Siehe StVO.
    Ja, und dass Sie sich selbst „penibel“ schützen, sogar über das Geforderte hinaus mit Schutzbrille und Handschuhen (fehlt noch der Ganzkörperschutzanzug), steht aber wieder einmal im Gegensatz zu Ihrer sonstigen Verharmlosung der Pandemie („Spuk“).
    Aber das tun Sie natürlich nur dann, „wenn Sie es für richtig halten“.
    „Ich“, „mich“, „meine“, „schütze ich mich“… Merken Sie was?

    Zu 3 und 4 braucht es nicht vieler Worte, um Ihr System als völlig unrealistisch zu beurteilen.
    Die Insassen abstimmen lassen, Quarantäne oder nicht? Waren Sie schon mal zu Besuch in einem Alten- oder Pflegeheim? Und wie wollen Sie das organisatorisch bewältigen?
    Haben Sie Ihre Pläne schon mal den Heimleitungen und den in Frage kommenden Hoteliers unterbreitet?
    Was meinen die denn dazu.? Deren Reaktion kann ich mir lebhaft vorstellen. Aber bitte, Sie können mich gerne vom Gegenteil überzeugen.

    Das mit der Immunisierung des Personals ist genauso unrealistisch.
    Wie lange wollen Sie warten, bis genügend Personal freiwillig oder unfreiwillig immunisiert ist, und bereit ist, sich dann für „2-3 Monate“ mit den Heiminsassen in eine „radikale Quarantäne“ (Ihre eigenen Worte!) einsperren zu lassen?
    Genau gegen diese Quarantäne für die Insassen wurde doch vor Kurzem noch geradezu mit Schaum vor dem Mund Sturm gelaufen.

    „Und die Versorgung der Risikogruppen würde so geregelt wie jetzt auch.“
    Auch die der 220000 Belgier, die an Herzinsuffizienz leiden, also auch eine Risikogruppe sind?

    Dabei ist das mit der Immunität so eine Sache: Nichts Genaues weiß man noch immer nicht.
    https://www.apotheken-umschau.de/Coronavirus/Immunitaet-nach-Covid-19-In...

    Kleine Leseempfehlung an Herrn Schmitz et al., soeben entdeckt: https://www.scientificamerican.com/article/scientific-american-endorses-...

    Damit hat das Karussell für mich seine Runden gedreht.

  • Sehr geehrter Herr Schleck,

    Zu 1: Sogar Mitte April war unser Gesundheitssystem weit von der Triage-Gefahr entfernt, also ist diese Gefahr eine rein hypothetische, die aber als Extremfall in Betracht gezogen werden kann. Denn selbst ein Lockdown etc. könnte diese Gefahr auch nicht 100% bannen, und dann stehen die Ärzte vor genau Ihren Fragen. Wer aber stets den Worst Case als plausible und wahrscheinliche Prognose zu Grunde legt, darf keine Treppen mehr steigen (Sturzgefahr), nicht mehr ins Restaurant gehen (Lebensmittelvergiftung droht), kein Auto, keinen Zug, kein Flugzeug, kein Schiff, kein Fahrrad mehr besteigen, oder schwimmen gehen (Gefahr eines Muskelkrampfes mit Todesfolge), etc..

    Zu 2: Warum glauben Sie, dass der Bürger grundsätzlich unmündig sei, und nur unter Zwang vernünftig handeln würde. Wenn das Schiff sinkt, steigen die Leute doch auch freiwillig ins Rettungsboot, oder? Wenn ich selber Angst vor einer Ansteckung habe, schütze ich mich selber so gut ich kann, sprich vermeide Menschenmengen, ziehe eine effektive Maske (FFP2) an, trage meinetwegen noch eine Schutzbrille und Handschuhe, beachte die hygienischen Empfehlungen penibel genau, etc. wenn ich das für richtig halte.

    Zu 3: Ich schrieb „freiwillige und radikale Quarantäne anbieten“. Jedes Altenheim könnte selber entscheiden (z.B. Bewohner abstimmen lassen), welcher Weg beschritten wird. Das Hotelzimmer könnte dann demjenigen angeboten werden, dem die Quarantäne zu streng oder zu lasch erscheint. Das gilt auch für das Pflegepersonal, sprich freiwilliges „Miteinsperrenlassen" gegen entsprechenden Lohnausgleich. Und ich habe auch nicht von „gezielt infizieren“ gesprochen. Wenn Pfleger eine Infektion hinter sich haben, sollten diese bevorzugt gefragt werden. Die anderen sollten sich selbstverständlich schützen, wie ja jetzt auch. Und die Versorgung der Risikogruppen würde so geregelt wie jetzt auch.

    Zu 4: Wenn die Gesellschaft den fraglichen Personen ein Hotel anbietet, werden die damit verbundenen Kosten deutlich geringer sein, als diejenigen, die jetzt durch Lockdown oder andere Einschränkungen verursacht werden. Und auch hier gilt, dass kein Hotel gezwungen werden sollte, solche Menschen aufzunehmen.

    Herr Schleck, Sie scheinen dem Menschen grundsätzlich zu misstrauen, weil Sie „Freiheit“ stets als „rücksichtsloses Machen-was-ich-will“ verstanden haben wollen.

  • Ein paar Bemerkungen zu den Vorschlägen des Herrn Schmitz:

    Zu 1. „Triage“ ist ein aus der Militärmedizin herrührender Begriff für die – ethisch schwierige - Aufgabe, etwa bei einem Massenanfall von Verletzten oder anderweitig Erkrankten darüber zu entscheiden, wie die knappen personellen und materiellen Ressourcen aufzuteilen sind. (W.)

    Wie soll diese „umfassende“ Information u.a. zu dieser Triage nun erfolgen?
    In der Notaufnahme wird jeder darauf hingewiesen, dass die Zahl der Beatmungsgeräte leider begrenzt ist und man also bei voller Belegung nach zu bestimmenden Kriterien entweder nicht angeschlossen oder vom Gerät getrennt wird, um aussichtsreicheren Fällen Platz zu machen, und dass man dann ins Sterbezimmer abgeschoben wird?

    Zu 2: „Keine Zwangsmaßnahmen“?
    Damit meint Herr Schmitz wohl diese Aussage von ihm: „Die Politik soll mir meine verfassungsgemäßen Grundrechte und Freiheiten uneingeschränkt wieder zugestehen. Sollten dann irgendwann die Krankenhausaufnahmen bzw. Sterbezahlen wieder eine bedrohliche, sprich „exponentielle“ Zunahme aufweisen, könnt Ihr gerne Euren Rat anbieten. Bis es soweit ist, lasst uns einfach in Ruhe unser Leben in Freiheit leben.“
    Also die Politik soll abwarten und Tee trinken, bis genügend Todesfälle da sind? Toll, nicht wahr? Und dann? Alles, aber nur keine Zwangsmaßnahmen bitte!

    Zu 3: Völlig inkonsequent schlägt Herr Schmitz aber hier eine solche Zwangsmaßnahme vor, was die Alten- und Pflegeheime betrifft.
    Die Zugangsbeschränkung zu diesen Einrichtungen hatten wir doch schon mal, was damals aus der Richtung von Herrn Schmitz wütend bekämpft und inzwischen schrittweise gelockert wurde.
    Herr Schmitz will nun auch noch das Pflegepersonal rigoros dort einsperren? Nun ja, er gewährt ihm einen turnusmäßigen Ausgang, unter der Bedingung eines Austauschs mit bereits infiziertem und also immunisierten Personal. Zwischenfrage: Wo soll das Personal sich denn gezielt infizieren? Schickt man es ohne Schutz in die Corona-Abteilung der Kliniken?
    Währenddessen kann Herr Schmitz dann seine verfassungsmäßigen Rechte… (s.o.) so richtig ausleben.

    Aber da wäre noch was. Was ist mit den Risikogruppen, die nicht in solchen Heimen leben? Die von ihren Angehörigen zu Hause gepflegt werden? Die allein leben und sich notgedrungen nach draußen begeben müssen, um sich zu versorgen? Die an einer Vorerkrankung leiden? Auch alle isolieren und „von außen versorgen“? Durch wen?

    Dabei ist das doch alles völlig unnötig, ist doch Corona noch nicht mal so schwer wie eine harmlose Grippe, wie wir dank Dr. Meyer wissen.

    Zu 4: Der Hammer: Wenn die Bewohner dieser Heime oder „die Mitglieder von Großfamilien“ (!?) dem tristen Alltag entfliehen wollen, quartiert Herr Schmitz sie einfach mal für einige Zeit „kostenfrei“ (Nein, die Kosten trägt die Allgemeinheit!) in einem Hotel ein, wo sie dann vom Hotelpersonal liebevoll umsorgt und gepflegt werden. Also in St. Vith aus der Klosterstraße zur Hauptstraße, oder in Bütgenbach ein paar hundert Meter weiter in ein Luxushotel?
    Logischerweise mit Blockade für sie und das dortige Personal, sofern nicht immunisiert?

    Das sollen praktikable Vorschläge sein? Sozusagen die „Eier des Kolumbus“, um aus einem anderen bekannten Kritiker zu zitieren.

  • Herr Aussems,

    Ich hatte bereits mehrfach diesen Vorschlag unterbreitet, der statt kollektiver Entmündigung des Bürgers genau das Gegenteil als Grundlage nimmt. Im Falle einer Pandemie mit einer Letalität unter 1% und einer offenkundigen gefährdeten Zielgruppe würde ich folgendermaßen vorgehen:

    1) Den Bürger umfassend informieren, auch über mögliches Triage am Beatmungsgerät.
    2) KEINE Zwangsmaßnahme.
    3) Den gefährdeten Personen freiwillige und radikale Quarantäne anbieten, z.B. geschlossene Altenheime (wo Bewohner und Personal, Letzteres mit entsprechender zusätzlicher Entlohnung und im Austausch mit bereits immunisierten Pflegern) 2-3 Monate ausharren und von außen versorgt würden.
    4) Den gefährdeten Personen, ob Altenheimbewohner oder in Großfamilie lebende, würde ich zudem als Alternative ein Hotelzimmer kostenfrei anbieten, wenn sie der Altenheimquarantäne oder der Großfamilie entfliehen möchten.

    Dann wäre der Spuk nach 2 bis 3 Monaten vorbei, und die gefährdeten Personen könnten sich wieder zwischen die Immunisierten frei bewegen. Die Alternative: Viele (vielleicht sogar mehr) Tote und wirtschaftlicher/sozialer/emotionaler Kahlschlag!

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