Coronavirus in Ostbelgien: Keine Panik, aber die Lage ist ernst

<p>Die DG-Regierung und die Bürgermeister der neun deutschsprachigen Gemeinden während einer Pressekonferenz am Freitag im St.Vither Rathaus</p>
Die DG-Regierung und die Bürgermeister der neun deutschsprachigen Gemeinden während einer Pressekonferenz am Freitag im St.Vither Rathaus | Foto: David Hagemann

Die Maßnahmen, die allesamt der Eindämmung des Coronavirus dienen und am Samstag in Kraft treten, gelten seit Mitternacht im ganzen Land und somit auch in Ostbelgien. Was das konkret für das öffentliche Leben in der Gemeinschaft bedeutet, darüber gaben DG-Regierung und die neun Bürgermeister der deutschsprachigen Gemeinden am Freitag im Rahmen einer Pressekonferenz im St.Vither Rathaus Auskunft.

Der Tenor: Die Lage ist ernst, aber es gibt keinen Grund zur Panik. Die größte Gefahr gehe nicht vom Coronavirus, sondern vom Umgang mit diesem in der Bevölkerung – im zwischenmenschlichen Bereich – aus. Deshalb gaben sich die Politiker bei allen eindringlichen Aufrufen, sich an die Maßnahmen zu halten und eigenverantwortlich zu handeln, größte Mühe keine Ängste zu schüren.

Ministerpräsident Oliver Paasch (ProDG) ergriff als Erster das Wort und begann seine Ausführungen mit einem Dank an die Bürgermeister, dass diese eine gemeinsame Vorgehensweise und eine einheitliche Kommunikation mit der DG-Regierung abgestimmt hätten. „Wir haben ein großes Interesse daran, gemeinsam an einem Strang zu ziehen – nicht nur in der Deutschsprachigen Gemeinschaft, sondern im ganzen Land“, so der Ministerpräsident, der zudem betonte, dass er sich auch eine gemeinsame Linie auf europäischer Ebene wünsche.

„Es droht ein exponentieller Anstieg der Fallzahlen in unserem Land.“

„Das Thema ist überaus ernst, es betrifft uns alle“, fuhr er fort: „Es geht darum, die älteren Mitmenschen in unserer Gesellschaft zu schützen, Menschenleben zu retten, Solidarität zu üben mit unseren Eltern, Großeltern und mit unseren Urgroßeltern, die zu der vom Coronavirus am meisten gefährdeten Risikogruppe gehören.“ Die Sterblichkeitsrate bei Menschen über 80 Jahren liege derzeit bei knapp 15 Prozent.

Darüber hinaus ginge es den Behörden darum, das gesamte Gesundheitswesen und die Kapazitäten der Krankenhäuser aufrecht zu erhalten und Medikamente sowie medizinische Instrumente verfügbar zu halten. Angesichts aktueller Prognosen müssten drastische Maßnahmen ergriffen werden. „Es droht ein exponentieller Anstieg der Fallzahlen in unserem Land, mit der Folge – das ist das Risiko –, dass dann das gesamte Gesundheitswesen überlastet werden könnte“, so Paasch.

Im nationalen Sicherheitsrat am Donnerstagabend sei darauf hingewiesen worden, dass die drastischen Maßnahmen „sofort, unmittelbar und in ihrer Gesamtheit“ von allen im Land umgesetzt werden müssten, anderenfalls riskiere man „innerhalb der nächsten neun bis zehn Tage italienische Verhältnisse“ zu erleben. Dort könnten beispielsweise Patienten teilweise nicht mehr in Intensivstationen aufgenommen beziehungsweise fach- und medizingerecht behandelt werden.

„Diesen 'Lockdown' gilt es zu verhindern“, so Paasch. Deshalb habe der Sicherheitsrat auf Antrag von Wissenschaftlern notwendige Maßnahmen ergriffen, die die Lebensqualität der Menschen in den kommenden Tagen oder Wochen beeinträchtigen würden. So seien an Wochenenden alle Geschäfte geschlossen, „die keine medizinischen Medikamente oder keine Lebensmittel verkaufen“. Gleichzeitig sei festgehalten worden, dass alle Cafés und Restaurants geschlossen bleiben. Zudem seien private und öffentliche Veranstaltungen verboten. Das betreffe nicht zuletzt die Gemeinschaftszentren wie Worriken und Heidberg.

Lediglich Veranstaltungen, die in einem „stringenten, engen, familiären Kreis“ stattfänden, seien von dem Verbot ausgenommen. Besonders betroffen seien Sport-, Kultur- und Folkloreveranstaltungen. Des Weiteren werde der Unterricht bis zum 3. April ausgesetzt, dem Beginn der Osterferien. Schulen müssten jedoch Betreuungsangebote für die Schüler zur Verfügung stellen, die keine alternativen Betreuungsmöglichkeiten fänden. „Wir möchten noch einmal deutlich machen, dass wir den Eltern dringend anraten und empfehlen, die Kinder nicht in die Schule zu bringen, weil es im Kern darum geht, große Menschenansammlungen zu vermeiden“, stellte Oliver Paasch heraus.

Außerdem dürfe man mit der Aussetzung des Unterrichts nicht das Gesundheitswesen auf der anderen Seite überfordern, „indem diejenigen Eltern gezwungen sind, ihre Kinder zuhause zu betreuen, die wir aber dringend brauchen in den Krankenhäusern und in den medizinischen Einrichtungen“, so der Ministerpräsident. Kinderkrippen und Kleinkindbetreuungseinrichtungen blieben zudem im Gegensatz zur Situation in Frankreich und Luxemburg geöffnet.

Wie Paasch klarstellte, treten sämtliche Maßnahmen am Samstag und bis zum 3. April in Kraft. „Wobei keineswegs ausgeschlossen werden kann, dass der nationale Sicherheitsrat diese Maßnahmen über den 3. April hinaus verlängert. Nach allem was wir hören, ist das sogar wahrscheinlich“, erklärte Oliver Paasch.

Mit dem Einläuten der „föderalen Phase“ durch den nationalen Sicherheitsrat sei zudem ein Krisenzentrum mit „weitreichenden juristischen Befugnissen“ eingerichtet worden. Ziel sei es, die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten. Ein Koordinierungskomitee, in dem auch die Deutschsprachige Gemeinschaft vertreten ist und das sich aus den wichtigsten Einrichtungen, die sich um die Sicherheit kümmern, zusammensetzt, sei damit beauftragt, diesem Krisenzentrum zuzuarbeiten, erklärte Paasch. Jeden Morgen würde auf dieser Ebene die aktuelle Lage analysiert und präzisiert, um dementsprechend in Ostbelgien wie im ganzen Land reagieren zu können.

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