Debatte um Unterrichtszeit: Wie viel Schule steckt noch im Schuljahr?

<p>Die flämische Bildungsministerin Zuhal Demir (N-VA) bei einem Unterrichtsbesuch: Mit strengeren Regeln gegen „verlorene“ Unterrichtszeit sorgt sie für Debatten im Bildungswesen.</p>
Die flämische Bildungsministerin Zuhal Demir (N-VA) bei einem Unterrichtsbesuch: Mit strengeren Regeln gegen „verlorene“ Unterrichtszeit sorgt sie für Debatten im Bildungswesen. | Foto: belga

Vor allem an den Sekundarschulen sorgen die geplanten Änderungen für Diskussionen, weil Prüfungs- und Evaluationsphasen künftig gestrafft werden sollen. Die Reaktionen aus den Schulen fallen teils heftig aus. In der flämischen Tageszeitung „De Standaard“ werfen Direktoren der Ministerin „Mikromanagement“ vor – also eine zu starke Einmischung des Ministeriums in organisatorische Details des Schulalltags. Sie warnen vor zusätzlichem Druck und organisatorischem Chaos.

Zuhal Demir wiederum argumentiert, „jeder Schultag müsse ein Unterrichtstag sein“. Nun gehört es zum politischen Stil der N-VA-Politikerin, solche Maßnahmen medienwirksam zu inszenieren. Aber blendet man das einmal aus, bleibt eine Debatte, die für die Deutschsprachige Gemeinschaft ebenfalls interessant ist.

Der Grundgedanke ist schwer angreifbar: Schule ist zum Lernen da. Vor allem an den Sekundarschulen stellt sich gegen Ende des Schuljahres oft die Frage, wie viel echte Unterrichtszeit eigentlich noch übrig bleibt. Prüfungen enden teilweise sehr früh, Stundenpläne werden ausgedünnt und für manche Schüler beginnt die Ferienzeit faktisch schon deutlich vor Ende Juni, obwohl danach noch die langen Sommerferien folgen. In Flandern kritisiert die Bildungsministerin diese Entwicklung: Manche Jugendliche hätten de facto „eine dritte Woche Weihnachts- oder Osterferien“. Darüber zumindest einmal offen zu sprechen, wäre auch in der DG legitim. Interessant ist dabei, dass weder Flandern noch die DG – anders als die Französische Gemeinschaft – an der Schulferientaktung gerüttelt haben. Statt den Kalender komplett umzubauen, geht es im Norden des Landes zunächst einmal darum, die bestehende Unterrichtszeit konsequenter zu nutzen. Das ist zumindest ein anderer Ansatz als die große Strukturreform mit neuen Ferienrhythmen.

Gleichzeitig zeigt die heftige Kritik aus den Schulen aber auch die Grenzen solcher Reformen. Mehr Anwesenheit bedeutet nicht automatisch besseren Unterricht. Wenn Lehrermangel, Krankenstände und Arbeitsdruck weiter steigen, wird zusätzliche Präsenz schnell zur bloßen Beaufsichtigung statt zu echter Bildungsqualität. Darauf weisen mehrere Schulleitungen in Flandern hin. Eine Direktorin sagte gegenüber „De Standaard“, das größte Problem für den Unterrichtsausfall sei gar nicht der Kalender, sondern vielmehr die hohe Zahl erkrankter Lehrer. Trotzdem trifft die flämische Bildungsministerin einen wunden Punkt. Die Frage, wie effizient die vorhandene Schulzeit tatsächlich genutzt wird, sollte man auch in der DG nicht reflexartig abwehren.

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