Wenn Deutschsprachige zu Wallonen werden: Das ostbelgische Ritual

<p>Der Kammerabgeordneter François De Smet (DéFI) löste mit seiner umstrittenen Einordnung der Deutschsprachigen als Wallonen politischen Wirbel in Ostbelgien aus.</p>
Der Kammerabgeordneter François De Smet (DéFI) löste mit seiner umstrittenen Einordnung der Deutschsprachigen als Wallonen politischen Wirbel in Ostbelgien aus. | Foto: belga

Und ja: Die Aussage, Deutschsprachige seien „Wallonen“, ist falsch. Wer die Wallonische Region und die Deutschsprachige Gemeinschaft durcheinander wirft, hat das belgische Staatsmodell nicht verstanden. So weit, so richtig. Aber muss daraus jedes Mal ein politischer Aufschrei werden? Ähnlich verhält es sich, wenn plötzlich wieder von den „cantons rédimés“ die Rede ist. Der Begriff entstand nach dem Versailler Vertrag, als die Ostkantone 1920 von Deutschland an Belgien übergingen. Rédimer bedeutet „befreien“ oder „erlösen“, und dieses Narrativ macht den Ausdruck bis heute problematisch, weil er die Geschichte aus einer einseitigen Perspektive erzählt. Auch hier das gleiche Spiel: kurze Aufregung, laute Forderungen und danach passiert... nichts. Es wirkt fast so, als würde die ostbelgische Politik dann besonders laut, wenn sie sich in der Opferrolle einrichten kann. Kommt etwas von außen, das sich als Respektlosigkeit deuten lässt, funktioniert plötzlich Mobilisierung, dann ist man sich einig, dann ist die Tonlage klar. Das ist vielleicht menschlich, aber ist es auch politisch klug? Denn bei aller Berechtigung im Detail bleibt eine grundsätzliche Frage: Warum lösen solche Aussagen eigentlich immer noch diese reflexhafte Heftigkeit aus? Sitzt da vielleicht doch ein Rest Unsicherheit? Ein Bedürfnis, die eigene Existenz ständig legitimiert zu sehen?

Dabei sollte die Deutschsprachige Gemeinschaft diesen Rechtfertigungsreflex längst hinter sich haben. Ihre Institutionen sind gefestigt, ihre Kompetenzen gewachsen, ihr politisches Gewicht ist bescheiden, aber nicht mehr wegzudiskutieren. Natürlich gibt es weiterhin große Baustellen. Gerade die konsequente Gleichstellung der deutschen Sprache im ganzen Land ist eine davon, und eine, die weit mehr Aufmerksamkeit verdient als die nächste rhetorische Entgleisung aus Brüssel oder Namur. Nicht jede ungenaue oder dumme Aussage ist ein Angriff. Und nicht jede Empörung ist ein Zeichen von Stärke. Manchmal wirkt sie eher wie das Gegenteil. Vielleicht wäre es ein Fortschritt, wenn die DG-Politik nicht bei jeder Gelegenheit beweisen wollte, dass sie sich wehren kann, sondern dafür sorgt, dass sie das gar nicht mehr nötig hat.

Kommentare

  • Treffender Kommentar!

    Wie wenig man sich innerhalb der Deutschsprachigen Gemeinschaft jedoch um Identität oder Verfassungsvorgaben schert, zeigt die Bezeichnung des Sitzes des Ministerpräsidenten, Gospertstraße 42.
    Dort steht seit Jahren und ohne dass dies Beamte, Abgeordnete, Minister,… in irgendeiner Form dazu veranlasst hätte, dies zu hinterfragen:

    “Ostbelgien - Sitz des Ministerpräsidenten“.

    Kein Hinweis darauf, dass dies nicht der Sitz eines imaginären “ostbelgischen” Ministerpräsidenten sondern, laut Verfassung, des Ministerpräsidenten der… Deutschsprachigen Gemeinschaft ist.

    Der „Aufschrei“ unter den deutschsprachigen Abgeordneten und des MP über die vermeintliche „wallonische Assimilierung“ ist deshalb nichts anderes, als Scheinheiligkeit und Ausdruck mangelnden Selbstbewusstseins, aber offensichtlich auch immer noch vorhandener Verwirrtheit über die eigene Identität.
    Eine Verwirrtheit, die durch eine mit horrenden Steuermitteln finanzierte und aus dem Ruder gelaufene „Ostbelgien“-Marketing-Kampagne noch verstärkt wurde.

    Alle genannten Akteure sollten deshalb zunächst einmal ihre Hausaufgaben machen, bevor sie sich turnusmäßig mal wieder in ihrer Opferrolle suhlen.

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