Lkw-Kontrollen in Lichtenbusch: Moderne Sklaverei im Fokus der Beamten

<p>Michaël Collette kontrolliert zahlreiche Lastwagen. Reifendruck, die Sicherung der Ladung oder die Tankfüllung werden begutachtet.</p>
Michaël Collette kontrolliert zahlreiche Lastwagen. Reifendruck, die Sicherung der Ladung oder die Tankfüllung werden begutachtet. | Fotos: Klaus Schlupp

Billigstes Plastik hat der bulgarische Trucker als Sandalen an den Füßen. Seit dem vierten Februar hat der Mann nur seinen Lkw und die Autobahn gesehen und ist von Spanien kreuz und quer durch Europa gefahren. Über 15 Wochen war er nicht bei der Familie, hat sich nur von Konserven und Mitgebrachtem ernährt. Raststätten sind teuer. Jetzt sind noch sechs weitere Wochen vorgesehen, in denen er für einen Hungerlohn 24 Stunden täglich auf oder an seinem Laster sitzt, um Europa billig mit Waren zu versorgen. Erlaubt sind vier Wochen, danach muss sich der Fahrer bei seiner Familie ausruhen.

Nun muss sein Chef 5.000 Euro Bußgeld bezahlen. Aber das scheinen für den Unternehmer Peanuts zu sein, die er offenbar schon in die Frachtgebühr eingepreist hat. „Das Geld kommt gewöhnlicherweise ganz schnell“, sagt Tom Bongartz von der Föderalen Polizei. Die hat sich am Samstag mit dem Zoll, der Agentur für die Sicherheit der Nahrungsmittelkette (Afsca) und der Fahrzeugprüfstelle „Autosecurité“ im Rahmen der „FipaTruck“, der „Full integrated police action Truck“ zusammengetan, um Lkw zu kontrollieren, die über Lichtenbusch weiter Richtung Deutschland fahren. Ähnliche Kontrollen finden an diesem Samstag im ganzen Land, auch im Binnenland, statt.

Die moderne Sklaverei besonders bei osteuropäischen Speditionen hat nicht nur schlimme Konsequenzen für die Fahrer, sondern auch für die Sicherheit der übrigen Verkehrsteilnehmer. 15 Wochen Dauerbetrieb auf der Straße ohne Werkstattbesuch und Wartung tun auch dem besten Material nicht gut.

<p>Mehrere Behörden zogen an einem Strang.</p>
Mehrere Behörden zogen an einem Strang.
Prüfingenieur Michaël Collette von der Fahrzeugprüfstelle zeigt auf die Reifen eines slowakischen Lastzuges. Die haben schon bessere Tage gesehen. An der Wand des linken Vorderreifens klafft ein Loch. „Der wird stillgelegt“, bestimmt der Prüfingenieur. Dazu kommen 1.000 Euro Bußgeld. Man kann sich vorstellen, was ein geplatzter Reifen auf einer vollen Autobahn anrichten kann. Collette prüft alles was wichtig ist von der Beleuchtung über das Lenkradspiel bis zu Reifen und Bremsen. Bei einem anderen Bulgaren tut nur eine Achsbremse nicht, was sie soll. Der Bremsunterschied zwischen rechter und linker Bremse ist zu groß. Er darf weiterfahren, nachdem er sein Bußgeld von 380 Euro bezahlt hat, da die anderen Bremsen einwandfrei funktionieren. Natürlich ist die Bremse schnellstmöglich zu reparieren. Die technische Kontrolle ist bitter nötig. Bis zum Besuch des GrenzEcho sind 27 Lkw durch die Kontrolle gegangen. Gerade einmal fünf sind unauffällig.

Es gibt aber nicht nur Negatives an diesem Nachmittag in Lichtenbusch. Veronique Cremer hat mit ihren Kollegen der Agentur für die Sicherheit der Nahrungsmittelkette (Afsca) zwei Hundetransporter aus Spanien und Rumänien unter die Lupe genommen. „Alles war sauber, die Tiere waren gesund, hatten genug Wasser und Futter sowie eine Decke“, sagt sie. Der Tierschutz hatte die ehemaligen Straßenhunde aufgesammelt und aufgepäppelt. Jetzt geht es zu einer hoffentlich lieben Familie in Nordeuropa. Auch bei einem polnischen Lkw mit Keksen, den Veronique Cremer und Kelly Hermann kontrollieren, ist alles in Ordnung. Dennoch: „Kontrollen machen keinen Spaß“, sagt der Pole.

<p>Kontrollen von Lebensmitteltransportern wurden durchgeführt.</p>
Kontrollen von Lebensmitteltransportern wurden durchgeführt.

Der Zoll hat schon an der Ausfahrt Eynatten Position bezogen. Dort scannen die Beamten die Kennzeichen. Wenn ein Bußgeld offensteht, dann werden die Autos, darunter auch Pkw, auf den Parkplatz geleitet, und der Zoll kassiert. „Dabei geht es nicht um kleine Parkknöllchen“, sagt René Plotter. Es sind gerichtlich verhängte Bußen, die gerne einmal mehrere Tausend Euro betragen können. Dann schauen die Beamten noch nach dem berühmten „roten Diesel“, bei dem es sich um gewöhnliches steuervermindertes Heizöl handelt sowie nach illegalen Einwanderern.

„Der sichert endlich einmal seine Ladung vernünftig“, sagt der Polizist Tom Bischoff und zeigt auf einen Litauer, der mit Zuggurten hantiert. Auch das gehört zu den Dingen, die die Polizisten nebst Fahrtenschreibern, Papieren und anderen Dingen kontrollieren, damit die europäischen Straßen ein Stück sicherer werden. Denn manch ein Fahrer hat derartigen Druck von seinem Arbeitgeber, dass er nicht nur monatelang ununterbrochen unterwegs ist, sondern auch so lange am Steuer sitzt, dass von aufmerksamem Fahren keine Rede mehr sein kann.

Das Bußgeld des Bulgaren ist inzwischen angekommen. Der darf sich jetzt wieder auf den Weg machen, und es bleibt zu hoffen, ob es heim zu Frau und Kindern geht oder zu irgendeiner Fabrik, um neue Ware zu laden.

Kommentare

Kommentar verfassen