Man müsse aus dem Boxsport kommen, um das Präsidentenamt ausführen zu können, meint Norbert Keller. Und das trifft zu: Seit 2013 ist der 58-jährige Eupener Präsident der Boxliga der Deutschsprachigen Gemeinschaft, zudem trainiert er den Eupener Boxclub. „Ich kenne den Sport und den Verband. Ich bin im Herzen Sportler, und damit der Sportler in diesem System gut funktionieren kann, muss es immer wieder angepasst werden“, erklärt er. Seit gut einem Monat steht er nun an der Spitze des nationalen Verbandes, der die deutschsprachige, die wallonische und die flämische Boxliga vereint. Dabei beginnt seine vierjährige Amtszeit gleich mit einer großen Herausforderung: der Bewältigung der Coronakrise in einem Vollkontaktsport. Im GrenzEcho-Interview spricht Norbert Keller...
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...über seinen Amtsantritt.
„Willy Boschs dritte Amtszeit wäre in diesem Jahr zu Ende gegangen. Er war nun elf Jahre lang Präsident, überlegte aber, ob er noch weitermachen würde. Im Dezember, nachdem Willy leider verstorben war, kamen die Flamen auf mich zu und haben mich gefragt, ob ich sein Nachfolger werden wolle. Das hat mich natürlich gefreut, ich war aber auch etwas überrascht. Ich habe bis vor kurzem als Finanzleiter gearbeitet und war viel unterwegs – da hätte ich dieses Amt nich ausführen können. Es bedarf einfach eines gewissen Einsatzes, den ich zeitlich nicht hätte aufbringen können. So traf sich das ganz gut. Ich habe lange über das Angebot nachgedacht und auch mit der wallonischen Seite gesprochen. Auch dort stimmte man mir zu. Die Generalversammlung im Mai ist aufgrund der Coronakrise dann aber auf September verschoben worden, wo ich schlussendlich als einziger Kandidat gewählt wurde.“
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...darüber, dass nach Willy Bosch der Präsident nun erneut aus der DG kommt.
„Als Willy 2008 Präsident wurde, war das für einige aus genau diesem Grund überraschend. Er hat das aber super gemacht. Vor allem hat er es verstanden, mit jedem zu kommunizieren. Vom kleinen, jugendlichen Boxer bis hin zu den Präsidenten des Belgischen Olympischen Komitees und des IOC – oder gar zum König, der ebenfalls boxinteressiert ist. Dadurch hat sich Willy nicht nur immer mehr Kompetenz, sondern auch einen hervorragenden Ruf erworben. Er hat es verstanden, die Flamen und Wallonen zusammenzubringen. So merkte ich, dass auch mir alle einen großen Respekt entgegenbringen. Dass nun wieder jemand aus der DG Präsident wird, ist kein Selbstläufer. Aber Willy hat ein gutes Beispiel abgegeben und unheimlich viele Akzente gesetzt. Trotzdem, hoffe ich zumindest, hat die Wahl auch mit meiner Person zu tun.“
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...über das Profil, das er in das Amt mitbringt.
„Ich habe mich von Beginn an gut mit Flamen und Wallonen verstanden. Die Verständigung ist also gut, und ich bin mir meiner Rolle bewusst. Eigentlich bin ich keiner, der unbedingt in die Öffentlichkeit muss. Willy hat das immer gefallen – was auf keinen Fall negativ gemeint ist. Es ist halt auch Teil der Arbeit als Präsident, zu Veranstaltungen zu gehen, Leute kennenzulernen und sich mit ihnen auszutauschen.“
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...über die Fußstapfen, in die er tritt.
„Ich habe Willy sehr geachtet und respektiert. Die Fußstapfen sind enorm, weil er sich über die Jahre hinweg einen so guten Ruf erarbeitet hat. Wir haben bis zuletzt viel miteinander gesprochen, und ich war mich nicht sicher, ober wirklich aufhören wollte. Nach zwölf Jahren wird man doch manchmal etwas müde. Vielleicht hätte er mich ja gefragt, ob ich sein Nachfolger werden wollte – so wie er mich damals gefragt hat, Präsident unserer Boxliga zu werden. Ich ticke in vielen Dingen ähnlich wie er, kann ungeachtet ihrer Person oder Position gut mit Menschen umgehen. Natürlich kommt es nun auf mich an, mich auf meine Art und Weise in das neue Amt einzubringen. Wie es ist, Präsident zu sein? Das kann ich erst nach ein, zwei Jahren sagen. Es gibt ja keine Stellenbeschreibung für einen Präsidenten, deswegen hätte ich mich gefreut, mit Willy eine Anlaufstelle zu haben.“

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...über die Aufgaben des Präsidenten des Königlichen Belgischen Boxverbandes.
„Man sollte natürlich aus dem Boxsport kommen, um sich auszukennen. Seit 2013 sitze ich im Verwaltungsrat des Verbandes und bin dort mit vielen Themen bereits in Berührung gekommen. Die Hauptaufgabe ist es, alle Interessen möglichst weit zu berücksichtigen, trotzdem dabei aber das Regelwerk zu beachten. Ich bin kein Bürokrat, mir geht es vielmehr um den Sport. Aber wie Willy bin auch ich überzeugt, dass man in der Kommunikation sein Bestes geben muss, damit alles eine Einheit bleibt. Wenig weiß ich zum Beispiel noch über das Profiboxen in Belgien, da es das hier in der DG nicht gibt.“
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...über seine Ziele in den kommenden vier Jahren.
Da muss man natürlich zuerst über die Coronakrise sprechen. Unsere allergrößte Priorität ist es aktuell, wieder Leben in den Boxsport zu bringen, denn er hat ein halbes Jahr lang brach gelegen. Normalerweise finden von jetzt bis Weihnachten rund 15 Boxveranstaltungen und im Frühjahr die wallonische und die belgische Meisterschaft statt. Allerdings wurden bislang nur ein paar Wettkämpfe ausgetragen, die aber sehr speziell waren. Vor kurzem hatte ich eine Besprechung mit den Flamen, die drei Stunden dauerte. Zwei davon haben wir nur über Sachen in Verbindung mit Corona diskutiert. Im Frühjahr sollen die Qualifikationsturniere für die Olympischen Spiele stattfinden. Doch wir können momentan nur vage planen – das stelle ich mir für die Sportler als extrem schwierig vor.“
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...über die Vereinbarkeit seiner Trainertätigkeit beim Boxclub Eupen und dem Amt des Präsidenten des KBBV.
„Den Klub werde ich auf jeden Fall weiterhin trainieren. Generell hoffe ich, den direkten Kontakt zum Boxen immer behalten zu können.“


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