NMC-Unternehmensgruppe „seit Anfang März im Krisenmodus“

<p>Bernd Vorhagen (links) leitet die Geschäfte von NMC in Benelux, Hubert Bosten ist Geschäftsführer der gesamten NMC-Gruppe, die 1.450 Beschäftigte zählt und über 10.000 Kunden hat.</p>
Bernd Vorhagen (links) leitet die Geschäfte von NMC in Benelux, Hubert Bosten ist Geschäftsführer der gesamten NMC-Gruppe, die 1.450 Beschäftigte zählt und über 10.000 Kunden hat. | Fotos: David Hagemann/GE-Archiv

Die gesamte Gruppe erwirtschaftete 2019 einen Umsatz von 285 Millionen Euro mit 1.450 Personalmitgliedern. Wie kommt ein solch international tätiges Unternehmen durch die aktuelle Krise? Das GrenzEcho unterhielt sich per Videochat mit NMC-Geschäftsführer Hubert Bosten und Bernd Vorhagen, Generaldirektor Benelux und somit auch für die Produktion am Stammsitz im Eynattener Industriegebiet Rovert verantwortlich.

Wie hart trifft die aktuelle Krise NMC? Sind die Auswirkungen omnipräsent?

Hubert Bosten: Auf jeden Fall! Seit Karneval verändert sich die Situation von Tag zu Tag. Und leider verschlechtert sie sich ständig. Angefangen hat es für uns mit Umsatzrückgängen in Italien, wo wir eine Vertriebsgesellschaft und ein Lager haben. In der vergangenen Woche waren die Warenausgänge in Eynatten erfreulicherweise insgesamt noch sehr gut, doch beim Auftragseingang stellen wir eine deutliche Verlangsamung der Geschäftsaktivitäten fest, nachdem auch Spanien, Portugal und Frankreich eine Ausgangssperre verhängt haben. Jeden Tag nehmen wir neue Meldungen unserer Kunden bezüglich Betriebsschließungen zur Kenntnis und erhalten Nachrichten, dass keine Waren mehr angenommen werden. Vermehrt kommen diese Informationen nun auch aus Deutschland.

Was sind die primären Herausforderungen für Ihren Konzern?

Hubert Bosten: Das Management agiert seit Anfang März im Krisenmodus. Das Ganze ist wie ein Strudel, die Dinge ändern sich von Stunde zu Stunde, und wir versuchen, das Gleichgewicht zu halten. Unser wichtigstes Ziel ist es, die Mitarbeiter und deren Angehörigen zu schützen und bei allen das Bewusstsein zu schärfen, dass jeder auch eine persönliche Verantwortung für seine Mitmenschen hat und beitragen muss, einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu verhindern. Ebenfalls versuchen wir alles, um die Produktionskapazität aufrecht zu erhalten und die Kunden, die weiter bestellen, auch weiter beliefern zu können. Dazu wollen wir die Bestände auf einem ordentlichen Niveau für die Zeit nach dem Virus halten, wenn die Aktivität insgesamt wieder anzieht. Letztlich geht es darum, die Auswirkungen dieser Krise langfristig für den Betrieb und für die Mitarbeiter so gering wie möglich zu halten und Arbeitsplätze zu sichern.

Welche Maßnahmen haben Sie bislang getroffen?

Bernd Vorhagen: Wir haben uns mit und mit den Vorgaben der verschiedenen Behörden angepasst. Wir haben eine ganze Reihe Mitarbeiter frühzeitig ins Homeoffice geschickt und dementsprechend unsere IT-Abteilung damit beauftragt, hierfür die technischen Möglichkeiten zu schaffen. Die Angestellten loggen sich praktisch an ihrem Rechner im Betrieb ein. Das funktioniert sehr gut. In den Bereichen, wo dies nicht möglich ist, haben wir auf „Social Distancing“ geachtet, die Leute auseinandergesetzt, damit der erforderliche Abstand gewahrt ist. Die Sozialräume haben wir ebenfalls begrenzt, die Mitarbeiter gebeten in Arbeitskleidung zu kommen und unsere Duschen geschlossen.

Welche Rolle spielt das Homeoffice heute für Ihre Mitarbeiter?

Bernd Vorhagen: Bei den Angestellten arbeitet mehr als jeder zweite von zu Hause aus. Andere Arbeitsplätze wurden hausintern verlegt, damit in kleineren Büros nur noch eine Person tätig ist. In den Großraumbüros ist nur noch ein Viertel der Leute anwesend. Insgesamt dürften es noch zehn Personen sein, die im Hauptgebäude in Eynatten ihre Aufgaben verrichten.

Läuft die Produktion normal? Gibt es bereits Probleme in der Lieferkette oder befürchten Sie diese?

Bernd Vorhagen: Die Produktion läuft derzeit normal. Wir bekommen alle Rohmaterialien, haben auch ein wenig Reserve bei den Hauptmaterialien angelegt, für den Fall der Fälle, dass bei der Lieferung Probleme auftauchen werden. Natürlich haben wir einige personelle Ausfälle zu beklagen: zum einen aus sozialen Gründen, wenn Mitarbeiter auf ihre Kinder aufpassen müssen, zum anderen aus Krankheitsgründen. Der Krankenstand ist höher als normal.

Spüren Sie die Virusangst beim Auftragseingang?

Hubert Bosten: Wir erleben ganz klar Auftragsrückgänge und haben Kunden, die Aufträge stornieren. Auf der anderen Seite gibt es Kunden, bei denen wir den Eindruck haben, dass Waren gehortet werden, um die eigenen Bestände auf einem recht hohen Niveau zu halten für die Periode danach. Beim Auftragseingang werden uns viele Frage gestellt: Wie läuft es bei NMC? Sind Sie noch lieferfähig? Bis wann werden Sie lieferfähig bleiben? Auf diese Fragen antworten wir so gut wie möglich und weisen darauf hin, dass wir heute nicht alles selbst unter Kontrolle haben, dass wir abhängig von Transportmöglichkeiten und von Maßnahmen sind, die uns oder unseren Lieferanten auferlegt werden. Wir fahren quasi auf lange Sicht.

Sind die Lagerhallen derzeit möglicherweise schon überfüllt?

Bernd Vorhagen: Die Lagerhallen sind bei uns immer relativ voll. Wir haben ein Schaumprodukt, das sehr voluminös ist. Daher sind zwei Drittel unseres Werks auch Lagerhallen. Wir produzieren keine Riesenbestände im Voraus, sondern viele Produkte unserer Kunden auf Bestellung. Die eigenen Produkte verfolgen wir dann abhängig von den Ausgängen. Unser Lager ist also so im Gleichgewicht wie es auch vor zwei Wochen oder zwei Monaten der Fall war.

Gehen Sie davon aus, dass Sie zeitnah (weiteres) Personal in die Kurzarbeit schicken müssen?

Bernd Vorhagen: In einer Abteilung haben wir die Wochenendschicht vorsichtshalber in Kurzarbeit geschickt. Wir werden die Möglichkeiten der Kurzarbeit auch weiter nutzen, um unseren Betrieb an die wirtschaftliche Entwicklung anzupassen, zum Beispiel wenn auch in Deutschland weitere Kunden schließen oder uns Rohmaterialien ausgehen. Wir hoffen, dass wir einen Komplettstillstand vermeiden können und die Behörden den Unternehmen generell keine Schließung auferlegen. Die langfristigen Folgen wären umso dramatischer.


Wie sehen Sie den kommenden Monaten entgegen? Können Sie schon absehen, welche Auswirkungen die Krise auf das Geschäftsjahr 2020 für die NMC-Gruppe haben wird?

Hubert Bosten: Das ist eine berechtigte, aber kaum zu beantwortende Frage. Nach den bisherigen Erfahrungen in unseren Gesellschaften in Italien, Spanien und Frankreich erwarten wir ein katastrophales zweites Quartal. Darüber hinaus erscheint es mir unmöglich, eine Vorhersage zu machen. Wird Anfang Juli wieder alles normal anziehen oder dauert alles entschieden länger? Ich denke, niemand hat auf diese Frage eine Antwort. Unser Ziel ist es, eine Komplettschließung des Betriebes zu vermeiden. Wir wollen keinen einzigen Kunden an einen Wettbewerber verlieren und so gut wie möglich für den Neustart aufgestellt sein. Und ganz sicher: Wir wollen so viele Arbeitsplätze wie möglich für die Zeit danach erhalten.

Wie haben Sie das Jahr 2019 abgeschlossen?

Hubert Bosten: Der Jahresabschluss 2019 ist noch nicht genehmigt. Aber ich kann zum jetzigen Zeitpunkt sagen, dass wir bei stabilem Umsatz ein sehr gutes Ergebnis gruppenweit eingefahren haben. Durch die gesamtwirtschaftliche Abschwächung der Konjunktur konnten wir bessere Einkaufskonditionen bei unseren wichtigsten Rohmaterialien verhandeln und insgesamt unsere Bankverschuldung deutlich reduzieren. Das hilft uns in einer sehr unsicheren und schwierigen Zeit.

Werden wir aus dieser schwierigen Phase auch womöglich etwas lernen können?

Bernd Vorhagen: Wir haben ein Team, das durch sein großes Engagement und seine Kompetenz den Karren weiterzieht. Alle gehen sehr solidarisch miteinander um. Viel Kommunikation und Überzeugungskraft müssen wir aufbringen, um die Mitarbeiter zu überzeugen, dass manche Dinge erforderlich sind, um diese Situation so unbeschadet wie möglich zu überstehen. Das braucht auch Zeit.

Hubert Bosten: In dieser turbulenten Zeit ist die Kommunikation in beide Richtungen eine besondere Herausforderung. Es kommen viele Vorschläge von unseren Mitarbeitern, aber auch Fragen, die wir nicht beantworten können, weil wir selbst keine Antwort haben. Ich glaube, unsere Firmenwerte sind auch in dieser Situation eine gute Orientierungshilfe. Auch unseren Slogan „Komfort und Schutz für ein besseres Leben“ verbinde ich gerne mit der aktuellen Situation. Durch Homeoffice und „Social Distancing“ leidet momentan der menschliche Kontakt und der direkte Austausch untereinander, doch ich selber hoffe, dass beides in Zukunft noch verstärkt als Basis unseres Zusammenlebens greift.

Wie schnell wird sich die Wirtschaft erholen? Erwarten Sie einen verhaltenen Neustart oder einen Blitzstart?

Hubert Bosten: Auf diese Fragen hätten wir selbst gerne eine Antwort, weil diese es uns erlauben würde, uns besser vorzubereiten. Es wäre schon fast ein Wunder, wenn nach der Krise wieder alles so wäre wie vor der Krise. Die Welt wird sich ändern. Dieses Gefühl und auch Angst vor der Zukunft haben zur Zeit sicherlich viele.

Haben Sie etwas Vergleichbares in Ihrer beruflichen Karriere schon einmal erlebt?

Bernd Vorhagen: In diesem Ausmaße sicherlich nicht. Wir haben hier in Eynatten schon zwei lokale Krisen durch Großbrände gehabt. Das waren auch schwierige Situationen, die wir managen mussten. Eine solche Krise habe ich aber noch nie gekannt.

Hubert Bosten: Zum Glück ist es die erste und hoffentlich auch letzte Erfahrung dieser Art. Es ist gewiss eine Situation, die für viele Menschen emotional und psychisch schwer zu ertragen ist. Ich wünsche uns allen in dieser Situation das Beste.

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