Ausgangssperre in Belgien bis 5. April

<p>Alle Geschäfte müssen schließen, außer Lebensmittelgeschäfte, Supermärkte, Apotheken und Zeitschriftenläden.</p>
Alle Geschäfte müssen schließen, außer Lebensmittelgeschäfte, Supermärkte, Apotheken und Zeitschriftenläden. | Foto: Photo News

„Ich bin mir bewusst, dass die beschlossenen Maßnahmen sehr weitreichend sind und viel von unseren Bürgern abverlangen, aber sie sind unsere beste Chance, diese Epidemie zu überwinden“, erklärte Premierministerin Sophie Wilmès (MR) bei einer Pressekonferenz am Dienstagabend. „Passen Sie gut auf sich selbst auf, passen Sie gut auf die anderen auf.“ Zuvor hatte sie eine vierstündige Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates geleitet, an der alle Regierungen des Landes, für die DG Ministerpräsident Oliver Paasch (ProDG), teilgenommen hatten. Die Maßnahmen werden offiziell nicht als „Lockdown“ (staatlich verordnete Einschränkung des öffentlichen Lebens) bezeichnet, doch ist offensichtlich, dass unser Land in die Fußstapfen Italiens, Frankreichs und Spaniens tritt, die sich bereits im „Lockdown“ befinden.

Grundsätzlich sollte jeder so weit wie möglich im Haus bleiben, und soziale Kontakte sollten so weit wie möglich vermieden werden. Eine Übersicht der strengeren Maßnahmen, die von Mittwochmittag bis 5 April gelten:

Es gilt eine weitgehende Ausgangssperre. Erlaubt ist es weiterhin, zur Arbeit und einkaufen zu gehen, Besorgungen in der Apotheke zu machen, zum Arzt, zur Post oder zur Bank zu gehen, das Auto zu betanken und um Menschen in Not zu helfen. Von einem Versammlungsverbot sind nur Familien ausgenommen. Bewegung im Freien wird weiterhin erlaubt und sogar gefördert. Aber dies wird nicht in Gruppen, sondern nur in Anwesenheit einer weiteren Person (ein Familienmitglied, das unter demselben Dach lebt, oder ein Freund bzw. Bekannter) erlaubt sein. Auch hier gilt die Regel, dass man genügend Abstand zueinander halten muss.

Alle nicht unbedingt notwendigen Geschäfte werden geschlossen (auch an Werktagen). Die Ausnahmen: Lebensmittelgeschäfte, einschließlich Supermärkte, Apotheken, Zeitungsläden und Tierfutterhandel. Horten ist also nicht notwendig. Night Shops müssen ab 22 Uhr schließen.

Der Zugang zu den Supermärkten wird auf 1 Person pro 10 Quadratmeter und 30 Minuten pro Kunde beschränkt. Öffentliche Märkte werden verboten, mit Ausnahme von Lebensmittelständen, wo sie unerlässlich sind. Friseure können öffnen, dürfen aber nur einen Kunden gleichzeitig empfangen.

Die Belgier werden weiterhin zur Arbeit gehen dürfen, aber Telearbeit muss zur Norm werden. In Betrieben, in denen Telearbeit nicht möglich ist, wird das „Social Distancing“ (Abstand zu anderen Menschen), das bisher nur eine Empfehlung war, zur Pflicht. Von dieser Regel ausgenommen sind rund zwei Dutzend Sektoren mit grundlegenden Diensten (medizinische Dienste, Lebensmittelproduktion, Versorgungskette usw.).

Nicht notwendige Auslandsreisen sind verboten.

Die öffentlichen Verkehrsmittel müssen so organisiert werden, dass die Reisenden einen Abstand von 1,5 Metern zueinander einhalten können.

Wer gegen diese neuen Regeln verstößt, muss mit Geldbußen rechnen. Die Polizei kontrolliert streng.

Die neuen Maßnahmen kommen zu denen hinzu, die seit Freitag, 13. März, in Kraft sind:

Der Unterrricht an Schulen ist ausgesetzt, doch wird ein Auffang und eine Betreuung garantiert. Kinderkrippen bleiben geöffnet. Universitäten und Hochschulen sind zu Fernkursen aufgefordert.

Alle Freizeit-, Sport-, Kultur- und Folkloreveranstaltungen sind abgesagt. Dies gilt sowohl für öffentliche Veranstaltungen als auch für private Aktivitäten. Eheschließungen und Beerdigungen dürfen nur in einem kleinen Kreis stattfinden, obwohl die katholische Kirche nun beschlossen hat, dass kirchliche Hochzeiten und Taufen vorerst gar nicht stattfinden dürfen.

Restaurants, Cafés und Diskotheken sind geschlossen.

Alle getroffenen Maßnahmen werden mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Ausbreitung des Coronavirus in Belgien begründet. Bis Dienstagmittag war die Anzahl Infektionen in Belgien auf 1.243 gestiegen. In den vorangegangenen 24 Stunden wurden 185 neue Fälle registriert.

Diese Zahlen beziehen sich nur auf die analysierten Fälle und spiegeln daher nicht die Wirklichkeit wider, weil sich nicht jeder testen lässt. Seit Beginn der Epidemie wurden hierzulande fast 16.000 Labortests durchgeführt. Immer mehr Patienten werden ins Krankenhaus eingewiesen: bis Dienstag waren es 361 Personen (plus 109 in 24 Stunden). 79 dieser Patienten befinden sich auf der Intensivstation und 61 benötigen dort eine Beatmungshilfe. Eine gute Nachricht: 14 Infizierte sind genesen und konnten das Krankenhaus verlassen. In Belgien sind bislang zehn Todesfälle, allesamt Betagte über 70, zu beklagen.

Der Virologe Steven Van Gucht betont, dass ein Großteil der Infizierten zwischen 40 und 50 Jahren alt ist und somit zu den „beruflich und gesellschaftlich Aktiven“ zählt. Viele seien in Norditalien in Urlaub gewesen und hätten nach ihrer Rückkehr in Kontakt mit Kollegen und Bekannten gestanden. Am stärksten gefährdet sind jedoch nach wie vor ältere Menschen ab 65 Jahren.

Der Experte meinte noch zu den im Netz kursierenden Meldungen, wonach die Einnahme des Entzündungshemmers Ibuprofen bei einer Corona-Infektion schadet: „Dieses Medikament hat Nebenwirkungen, aber wir haben keine wissenschaftlichen Informationen, die eine Kontraindikation für die Einnahme von Ibuprofen aufzeigen würden.“ Er empfiehlt generell, Selbstmedikation zu vermeiden und bei Fieber den Hausarzt zu konsultieren.

Am Dienstagnachmittag sorgte die Universität Namur für Aufsehen. In einer Mitteilung hieß es, Forschern sei es gelungen, eine neue Methode zur Erkennung einer Corona-Infektion zu entwickeln. Die neue Technik basiere auf chemischen Tests. Sollte das Verfahren seitens der föderalen Agentur für Medikamente und Gesundheitsprodukte (Afmps) genehmigt werden, könnten allein in Namur fast 500 Tests pro Tag durchgeführt werden, teilte ein Uni-Sprecher mit. Natürlich könnte die Methode dann auch weltweit angewandt werden.

Neben der verordneten Begrenzung der Kundenzahl in den Supermärkten hat Delhaize gesonderte Öffnungszeiten für Kunden ab 65 Jahre eingeführt. Diesen Personen wird zwischen 8 und 9 Uhr ausdrücklich Vorrang gegeben. Einzelhandelsunternehmen werden auch verstärkt Spezialhandschuhe für das Kassenpersonal einsetzen, je nach verfügbarem Bestand. Handgels und andere Hygieneprodukte werden dem Personal ebenfalls zur Verfügung gestellt. Der Einzelhandel fordert auch, dass nur elektronische Zahlungen getätigt werden und dass pro Familie nur einer die Einkäufe erledigt.

Aus dem Verteidigungsministerium verlautete am Dienstag, dass man bereit sei, das Land im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie zu unterstützen. Das Militär hat den 112-Zentralen in Brüssel und Flämisch-Brabant bereits Krankenwagen zur Verfügung gestellt. Wie Kommandant Olivier Séverin ferner mitteilte, habe man in Reihen des Militärs eine Reihe von Präventivmaßnahmen ergriffen, um das Personal vor einer möglichen Infektion mit Covid-19 zu schützen. Dadurch wolle man die Funktionsfähigkeit der Streitkräfte und deren Operationen sichern.

Die Zahl der Betriebe, die ihr Personal als zeitweilig arbeitslos deklarieren, nimmt täglich zu. Bis Dienstag hatten bereits 30.000 Betriebe davon Gebrauch gemacht. Das bedeutet, dass bereits bis zu 300.000 belgische Arbeitnehmer in zeitweiliger Arbeitslosigkeit entsandt wurden – Tendenz steigend, da in immer mehr Sektoren überlegt werde, zum Schutze der Mitarbeiter die Arbeit bzw. Produktion komplett einzustellen, hieß es.

In dem Bewusstsein, dass wir erst am Anfang der Pandemie stehen, bereitet man sich in vielen Sektoren auf den Ernstfall vor.

Bisher sind weder die Notaufnahmen noch die Intensivstationen der belgischen Krankenhäuser überlaufen. Aber das, so die Vorhersagen, kann sich schlagartig ändern. „Die Krankenhäuser bereiten sich auf den Kampf vor“, titelte die Zeitung „Le Soir“ am Dienstag. In den Kliniken seien alle Vorbereitungen getroffen worden, um für einen möglichen sprunghaften Patientenanstieg gerüstet zu sein.

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