Der junge König als Retter: Baudouin bestieg vor 75 Jahren den Thron

<p>König Leopold III. unterzeichnet am 16. Juli 1951 seine Abdankungsurkunde, rechts Baudouin. Einen Tag später wird der erst 20-Jährige als König der Belgier vereidigt.</p>
König Leopold III. unterzeichnet am 16. Juli 1951 seine Abdankungsurkunde, rechts Baudouin. Einen Tag später wird der erst 20-Jährige als König der Belgier vereidigt. | Archivfoto: belga/afp

Die Hintergründe dieser historischen Zäsur hat der Journalist Pierre De Vuyst in der Zeitschrift „Soir Mag“ nachgezeichnet. Als Baudouin am 17. Juli 1951 vor den vereinigten Kammern den Eid als fünfter König der Belgier ablegte, war er noch keine 21 Jahre alt. Eigentlich hätte sein Vater, König Leopold III., weiter regieren sollen. Doch Belgien befand sich in der schwersten politischen Krise seit seiner Gründung. Die Monarchie selbst stand auf der Kippe.

Der Zweite Weltkrieg hatte tiefe Wunden hinterlassen. Besonders umstritten war das Verhalten Leopolds III. nach dem deutschen Überfall im Mai 1940. Anders als seine Regierung kapitulierte der König mit der belgischen Armee und blieb während der Besatzung im Land, während Regierung und Minister nach London gingen. Für seine Anhänger war dies Ausdruck seiner Verantwortung gegenüber dem Volk und den Soldaten. Seine Gegner warfen ihm dagegen vor, sich von der demokratisch legitimierten Regierung gelöst und den Besatzern zu nahe gestanden zu haben. Nach der Befreiung durfte Leopold III. zunächst nicht nach Belgien zurückkehren und lebte im Schweizer Exil. Die Frage, ob er wieder auf den Thron zurückkehren sollte, entwickelte sich zur „Königsfrage“, die das Land jahrelang spaltete. Die Fronten verliefen nicht nur politisch, sondern auch sprachlich: Während viele katholisch geprägte Flamen den König unterstützten, lehnten ihn große Teile der wallonischen Bevölkerung, insbesondere die Sozialisten, entschieden ab. Ein Volksentscheid im März 1950 schien zunächst Klarheit zu schaffen. Rund 57 Prozent der Belgier sprachen sich für die Rückkehr Leopolds III. aus. Doch hinter der Mehrheit verbarg sich eine tiefe regionale Spaltung: In Flandern fiel die Zustimmung deutlich aus, in der Wallonie überwog die Ablehnung. Die Rückkehr des Königs löste massive Proteste, Generalstreiks und gewaltsame Ausschreitungen aus.

<p>König Leopold III. und sein Sohn Baudouin, im Juni 1951 – wenige Wochen vor der Abdankung Leopolds III. und der Thronbesteigung des erst 20-Jährigen am 17. Juli. Die Machtübergabe sollte die Monarchie nach der „Königsfrage“ aus ihrer schwersten Krise führen.</p>
König Leopold III. und sein Sohn Baudouin, im Juni 1951 – wenige Wochen vor der Abdankung Leopolds III. und der Thronbesteigung des erst 20-Jährigen am 17. Juli. Die Machtübergabe sollte die Monarchie nach der „Königsfrage“ aus ihrer schwersten Krise führen. | Archivfoto: belga

Um die Lage zu beruhigen, übertrug Leopold III. bereits am 11. August 1950 die Ausübung der königlichen Befugnisse seinem ältesten Sohn Baudouin, der zunächst den Titel eines Prinzregenten erhielt. Ein Jahr später zog der König endgültig die Konsequenzen und unterzeichnete am 16. Juli 1951 seine Abdankungsurkunde. Am folgenden Tag legte Baudouin seinen Eid ab. Der junge König verzichtete bewusst auf eine Rede. Ursprünglich hatte er seinem Vater öffentlich Respekt zollen und dessen Behandlung kritisieren wollen. Führende Politiker warnten jedoch davor, alte Wunden wieder aufzureißen. Baudouin beschränkte sich deshalb auf den Amtseid und den kurzen Satz, er werde sich bemühen, würdig zu sein, der Sohn seines Vaters zu sein. Damit setzte er ein Zeichen der Versöhnung. Leicht fiel ihm der Amtsantritt nicht. In persönlichen Aufzeichnungen beschrieb Baudouin später, er habe sich wie ein „Usurpator“ und sogar als „Vatermörder“ gefühlt, weil sein Vater seinetwegen auf den Thron verzichtet habe. Zunächst empfand er seine Aufgabe eher als Last denn als Berufung. Mit den Jahren gewann Baudouin jedoch an Sicherheit. Er begleitete Belgien durch die Unabhängigkeit des Kongo, die großen innenpolitischen Krisen der 1960er-Jahre und den Beginn der europäischen Integration. Besonders nach seiner Hochzeit mit Königin Fabiola 1960 wandelte sich sein öffentliches Bild. Aus dem eher schüchternen jungen Monarchen wurde eine international angesehene Persönlichkeit, die das Ansehen der belgischen Monarchie nachhaltig stärkte. Auch für den heutigen König Philippe bleibt Baudouin eine wichtige Bezugsperson. Beobachter sehen Parallelen etwa beim Einsatz für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und bei der klar proeuropäischen Haltung. Gleichzeitig regiert Philippe ein völlig anderes Belgien – ein föderaler Staat, dessen Regionen heute eine wesentlich größere Rolle spielen als zu Zeiten seines Onkels. (sc)

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