25 Jahre nach der Schalker Tragödie: Meisterschaften dauern länger als vier Minuten

<p>Ein tief enttäuscht Schalke-Fan weint am 19. Mai 2001 im heimischen Gelsenkirchener Parkstadion. Die Anhänger von Schalke 04 durften die langersehnte Meisterschaft am 19. Mai 2001 nur vier Minuten lang feiern, weil Bayern München in der Nachspielzeit beim Hamburger SV doch noch der Ausgleich gelang und sich die nächste Meisterschaft sicherte.</p>
Ein tief enttäuscht Schalke-Fan weint am 19. Mai 2001 im heimischen Gelsenkirchener Parkstadion. Die Anhänger von Schalke 04 durften die langersehnte Meisterschaft am 19. Mai 2001 nur vier Minuten lang feiern, weil Bayern München in der Nachspielzeit beim Hamburger SV doch noch der Ausgleich gelang und sich die nächste Meisterschaft sicherte. | Foto: picture alliance/dpa

Auf dem Rasen wird noch gefeiert, als plötzlich jubelnde Spieler des FC Bayern München auf der Videoleinwand erscheinen. Erst halten viele die Bilder noch für einen Zusammenschnitt der Saison. Doch schnell wird klar: Das sind Livebilder aus Hamburg. Bayern hat tatsächlich noch den Ausgleich erzielt.

Vom indirekten Freistoß, von der Nachspielzeit und von dem, was gerade in Hamburg passiert war, hatte in Gelsenkirchen bis dahin kaum jemand etwas mitbekommen. Innerhalb weniger Sekunden wird aus grenzenloser Freude Schockstarre. Ganz Schalke war damals wütend. Wütend auf diesen Freistoß, auf Schiedsrichter Markus Merk, auf Bayern sowieso. Irgendjemand musste schließlich schuld sein an diesem bitteren Ende. „Ich glaube nicht mehr an den Fußball-Gott“, sagte Manager Rudi Assauer später auf der Pressekonferenz. Mit göttlichem Beistand hatte die Meisterschaft 2001 allerdings wenig zu tun. Der Blick auf die Tabelle zeigt das deutlich: Zwischen dem 22. und dem 26. Spieltag holte Schalke damals nur drei von 15 möglichen Punkten. Dort ging die Meisterschaft verloren, nicht in den letzten Sekunden von Hamburg. 25 Jahre später sollte man deshalb ehrlich genug sein: Nicht der Schiedsrichter nahm Schalke die Meisterschaft. Schalke verspielte sie vorher selbst.

Deshalb bleibt eine Ligameisterschaft der ehrlichste Titel im Fußball. Ein Pokalfinale kann durch Glück entschieden werden. In der Champions League reicht manchmal ein schlechter Abend oder eine Rote Karte. Aber nach 34 Liga-Spieltagen steht die Mannschaft oben, die es verdient hat. Das war 2001 der FC Bayern. Mit gerade einmal 63 Punkten übrigens – aus heutiger Sicht fast unglaublich. Denn in dieser Saison holten die Bayern 89 Zähler. Die Bundesliga war damals enger, ausgeglichener und fehleranfälliger. Auch Bayern ließ viele Punkte liegen, allerdings auch deshalb, weil der Fokus stark auf der Champions League lag, die die Münchner am Ende ebenfalls gewannen. Schalke ließ eben ein paar Punkte mehr liegen. Die Geschichte von damals erzählt auch viel über den Fußball insgesamt. Heute wird nach Niederlagen noch schneller nach Schuldigen gesucht als früher. Nach jedem Spiel wird über den Schiedsrichter diskutiert, jede Szene in Dauerschleife gezeigt, jeder Pfiff sofort zum Skandal erklärt. Dazu kommen Soziale Netzwerke, die es 2001 noch nicht gab: Innerhalb weniger Sekunden entstehen dort Empörungswellen, Verschwörungstheorien und digitale Tribunale. Die Erinnerung an die „Vier-Minuten-Meisterschaft“ tut bis heute weh, vielleicht für immer. Aber Schmerz allein macht aus Bayern keinen unverdienten Meister. Immerhin: 25 Jahre später ist Schalke 04 wieder dort, wo dieser Verein hingehört – zurück in der 1. Bundesliga.

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