Vertreter der Verkehrsbetriebe, der Stadt und von Nutzerverbänden zogen nun eine erste Zwischenbilanz.
Zwölf Millionen Fahrgäste nutzten im ersten Jahr die Straßenbahn.
Nach Angaben von Michel Schoonbroodt, Direktor des TEC Liège-Verviers, nutzten rund zwölf Millionen Fahrgäste die Straßenbahn im ersten Betriebsjahr. Auch die Zufriedenheit sei mit 77 Prozent deutlich höher als beim bisherigen Busnetz.
Für viele Pendler bedeutet das neue Verkehrsmittel vor allem mehr Komfort, bessere Zugänglichkeit und eine höhere Kapazität – insbesondere zu Stoßzeiten.
Auch Lüttichs Bürgermeister Willy Demeyer sieht die Straßenbahn als notwendige Antwort auf die wachsenden Mobilitätsprobleme der Stadt. „Zu Spitzenzeiten folgten früher Bus auf Bus. Eine strukturelle Lösung war dringend erforderlich“, sagte Demeyer der Tageszeitung „La Meuse“. Die Straßenbahn sei ein wichtiger Schritt hin zu einem moderneren und nachhaltigeren Verkehrssystem.
Doch trotz dieser positiven Entwicklungen verlief der Start alles andere als reibungslos. Die ersten sechs Monate beschreibt Schoonbroodt selbst als „besonders schwierig“. Technische Anpassungen, organisatorische Herausforderungen und die Umstellung des gesamten Verkehrsnetzes sorgten für erhebliche Anfangsprobleme.
Die deutlichste Kritik kommt von Nutzerseite. Béatrice Masuy, Präsidentin der Mobilitätsvereinigung CoMBaLi, spricht von einer „sehr durchwachsenen Bilanz“. Zwar sei die Straßenbahn an sich ein Gewinn, doch die Einbindung in das bestehende Verkehrsnetz bereite weiterhin Probleme. Besonders die Neuorganisation der Buslinien sorgt für Unmut.
In vielen Stadtteilen wurden Linien gestrichen, verkürzt oder ihre Taktung reduziert. Für einige Fahrgäste hat sich die Reisezeit dadurch deutlich verlängert. „Manche Menschen müssen heute bis zu eine Stunde früher losfahren, um pünktlich anzukommen“, kritisiert Masuy. Die Umstellung sei in bestimmten Gebieten einer „Katastrophe“ gleichgekommen.
Ein Grund für diese Schwierigkeiten liegt auch im Personalmangel. Während der Einführungsphase wurden zahlreiche Busfahrer für den Straßenbahnbetrieb geschult, was zu Engpässen im Busnetz führte. Diese Situation habe die ohnehin komplexe Umstrukturierung zusätzlich verschärft, räumt Schoonbroodt ein.
Es wurden 52 Unfälle im Zusammenhang mit der Tram registriert.
Neben der Organisation steht auch die Sicherheit im Fokus. Insgesamt wurden im ersten Jahr 52 Unfälle im Zusammenhang mit der Straßenbahn registriert. Zwar handelt es sich überwiegend um weniger schwere Vorfälle, dennoch bleibt die Zahl bemerkenswert. Laut TEC liegen die Werte im Verhältnis zur Fahrleistung jedoch unter denen vergleichbarer Städte. Dennoch zeigt sich, dass sich sowohl Verkehrsteilnehmer als auch Fahrer erst an das neue System gewöhnen müssen.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Zuverlässigkeit und die Anschlüsse. Insbesondere an bestimmten Abschnitten, etwa zwischen Liège Expo und Coronmeuse, berichten Fahrgäste von Problemen. Forderungen nach zusätzlichen Shuttle-Verbindungen werden laut, um die Erreichbarkeit zu verbessern.
Trotz aller Schwierigkeiten betonen die Verantwortlichen, dass bereits Fortschritte erzielt wurden. Die Zahl der Beschwerden sei rückläufig, und es würden kontinuierlich Anpassungen vorgenommen. Ziel sei es, das Zusammenspiel von Straßenbahn und Busnetz schrittweise zu optimieren.
Ein zentrales Zukunftsthema bleibt der Ausbau des Netzes. Zwar besteht Einigkeit darüber, dass Erweiterungen notwendig sind, konkrete Projekte liegen derzeit jedoch auf Eis. Bürgermeister Demeyer fordert, diese Pläne wieder stärker in den Fokus zu rücken. Für ihn ist klar: „Großstädte brauchen leistungsfähige, strukturierende Verkehrssysteme.“
Auch die Nutzerverbände unterstützen grundsätzlich eine Erweiterung, knüpfen diese jedoch an Bedingungen. „Bevor neue Strecken gebaut werden, muss das bestehende System zuverlässig funktionieren“, so Masuy. Ein Jahr nach dem Start zeigt sich die Straßenbahn in Lüttich somit als Projekt mit großem Potenzial, aber auch deutlichem Verbesserungsbedarf. Sie hat die urbane Mobilität bereits spürbar verändert – doch der Weg zu einem wirklich reibungslosen Gesamtsystem ist noch nicht abgeschlossen. (red/arco)

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