Seine These ist unbequem: Demokratien brechen nicht spektakulär zusammen wie bei einem Putsch oder in Revolutionswirren. Sie laufen einfach weiter. Wahlen finden statt, Institutionen bleiben bestehen, nur die eigentliche Gestaltungskraft verschwindet. Die Anzeichen dafür sind längst sichtbar. Politik verwaltet Krisen, statt sie zu lösen, reagiert statt zu führen und klammert sich an Verfahren aus einer anderen Zeit, als die Welt noch langsamer und berechenbarer erschien. Das eigentliche Problem ist deshalb nicht Populismus, sondern Ideenlosigkeit. Während sich Gesellschaft, Technologie und Krisenlagen rasant verändern, bleibt die Demokratie im Vier- oder Fünfjahresrhythmus hängen.
Die Menschen wollen mehr Einfluss: nicht nur wählen, sondern mitentscheiden. Doch das System liefert immer wieder dasselbe in neuer Verpackung. David Runciman fordert einen Bruch. Mehr Experimente, mehr Beteiligung, mehr Mut zum Unfertigen: Bürgerpanels, direkte Mitbestimmung, neue Formen politischer Teilhabe. Sein Vorschlag, Kinder wählen zu lassen, ist bewusst provokant. Es geht nicht um die konkrete Forderung, sondern um etwas Grundsätzlicheres: Unser Denken ist zu starr geworden – und das ist gefährlich. Denn Systeme, die sich nicht verändern, werden verändert. Nicht geordnet, sondern durch Krisen. Corona-Pandemie, zahlreiche Kriege und Konflikte, technologische Schocks: Das sind keine Ausnahmen mehr, sondern Vorboten. Wenn Politik weiter auf Zeit spielt, wird die Anpassung nicht gestaltet, sondern erzwungen. Aber dann wird sie nicht sanft sein. Die eigentliche Frage ist nicht, ob sich Demokratie verändert, sondern wie. Und ob sie es noch selbst in der Hand hat.

Kommentare
Kommentar verfassen
0 Comment
Sie müssen angemeldet sein, um zu kommentieren.
AnmeldenRegistrieren