Wenige Jahre zuvor hatte Regisseur Václav Vorlíček mit „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (1973) einen Film geschaffen, der bis heute ganz einfach zur Weihnachtszeit gehört und immer noch im Fernsehen rauf und runter läuft. Der Streifen erzählt von einer jungen Frau, die von ihrer Stiefmutter unterdrückt wird, sich aber mit Mut, Witz und drei Zaubernüssen selbst befreit, den Prinzen auf Augenhöhe herausfordert und am Ende ihr Schicksal selbst bestimmt. Die Hauptrolle als Aschenbrödel spielte die 2021 verstorbene Libuše Šafránková, den Prinzen Pavel Trávníček, den König Rolf Hoppe.
Dieses Video zeigt einen Ausschnitt aus der Serie im deutschen Fernsehen.
„Die Märchenbraut“ griff diese Erwartung auf und übertrug den Märchenzauber ins Serienformat. Die 13-teilige Produktion wurde 1978 und 1979 gedreht und 1980 in der Tschechoslowakei wie in der Bundesrepublik Deutschland erstmals im Fernsehen ausgestrahlt. Ihr Reiz lag im Bruch der Ebenen: Märchenwelt und Gegenwart treffen aufeinander. Mit dem Zaubermantel gelangen Figuren aus dem Märchenreich in die reale Welt und zurück, und Zauberringe entwickeln besondere Kräfte. Arabella verliebt sich in der realen Welt in den Studenten Peter Majer. Gegenspieler ist der Zauberer Rumburak, der aus Machtgier beide Welten ins Wanken bringt. Leiser Humor, handgemachte Tricks und eine feine Gesellschaftskritik gaben der Serie Tiefe, weit über Kinderfernsehen hinaus. Vier Jahrzehnte später blickt die heute 66-jährige Jana Nagyová, die in der Schweiz lebt, mit Gelassenheit auf diese Zeit zurück. „Es sind schon 45 Jahre her“, sagt sie im Gespräch mit dem GrenzEcho. „Und trotzdem werde ich diesen Stempel der Prinzessin nicht los.“ Überall werde sie als „Arabella“ erkannt. Manche Szenen seien ihr bis heute präsent, andere „völlig verdunkelt“. Der Einstieg in die Serie sei kein Selbstläufer gewesen. Die tschechische Sprache sei ihre größte Herausforderung gewesen, sagt sie, zumal sie mit einem weichen slowakischen Akzent gesprochen habe.

Dass sie dennoch zur Hauptfigur einer international erfolgreichen Serie wurde, habe sie damals kaum realisiert. Für den deutschsprachigen Raum wurde „Die Märchenbraut“ später vollständig synchronisiert und erreichte so in der DDR wie in der Bundesrepublik ein Millionenpublikum. Um den Erfolg der Serie zu verstehen, muss man die starke tschechoslowakische Märchenfilmtradition jener Jahre kennen. Spätestens mit dem Erfolg von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ wurde deutlich, dass diese Erzählwelten weit über die Landesgrenzen hinaus wirkten. „Das ist ein Kultfilm“, sagt Jana Nagyová. „Der erfolgreichste Märchenfilm unserer Filmgeschichte.“ Auch bei ihr selbst habe „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ einen festen Platz: „Zu Weihnachten darf er nicht fehlen. Ich kenne den Film fast auswendig und schaue ihn trotzdem jedes Jahr wieder. Der Film altert einfach nicht.“ Für sie steht „Aschenbrödel“ sinnbildlich für eine Epoche, in der Märchenfilme mit Zeit, Fantasie und handwerklicher Präzision entstanden. Und er habe den Weg bereitet: „Die Fernsehanstalten – vor allem in Deutschland – waren hungrig nach solchen Erzählwelten.“
Wie es zum Durchbruch im deutschen Fernsehen kommt.
Als „Die Märchenbraut“ 1980 im deutschen Fernsehen lief, setzte sich dieser Erfolg fort. Rückmeldungen kamen zeitversetzt, in Form von Briefen, Fanpost und sogar Heiratsanträgen, vor allem aus der DDR und der Bundesrepublik. Öffentlichkeitsarbeit habe es kaum gegeben, sagt sie. „Sonst hätte ich wohl die halbe Welt bereist.“ Rückblickend beschreibt sie den Erfolg als rasanten Sprung von null auf tausend. Sie sei damals bescheiden, offen und neugierig gewesen. Viele Kontakte aus jener Zeit bestehen bis heute. Die Serie selbst fasst sie nüchtern zusammen: ihre Geschichte, ihre Jugend, ein Teil ihrer 45-jährigen Karriere. Besonders in Erinnerung geblieben sei ihr eine Szene im Gefängnis bei Rumburak. Auch die Tricktechnik habe sie geprägt: ohne Computer, ohne digitale Effekte, nur Ideen, Geduld und handwerkliches Können. Ende der 1980er-Jahre wuchs der Druck, beruflich wie privat. Sie sei völlig erschöpft gewesen. Hinzu kam politischer Druck, der Versuch, sie zum Eintritt in die Kommunistische Partei zu bewegen. Sie habe sich geweigert. Heute lebt Jana Nagyová in der Schweiz. Sie blickt ohne Bitterkeit zurück und sagt, sie habe mit der Vergangenheit ohne Reue Frieden geschlossen.
HINTERGRUND
„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ gehört zum Weihnachtsprogramm – An Heiligabend gleich viermal zu sehen
Der Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ gehört fest zum Weihnachtsprogramm im deutschsprachigen Raum. Seine bundesdeutsche TV-Premiere am 26. Dezember 1975 markierte den Beginn eines bis heute anhaltenden Kultstatus, der durch unzählige Wiederholungen weiter gefestigt wurde. Die tschechoslowakisch-deutsche Koproduktion von 1973 verbindet eine traditionelle Märchenoptik mit einer für ihre Zeit überraschend modernen Hauptfigur: Aschenbrödel ist hier keine passive Leidtragende, sondern eine selbstbewusste junge Frau, die sich widersetzt, den Prinzen herausfordert und ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt – ein Märchen mit deutlicher „Girlpower“ also. Verkörpert wurde die Figur von der damals erst 19-jährigen Libuše Šafránková, die mädchenhaften Charme mit Entschlossenheit verband und der Rolle damit zeitlose Stärke verlieh. Gedreht wurde unter Regie von Václav Vorlíček als Koproduktion der Prager Barrandov-Studios und der ostdeutschen DEFA, u.a. auf Schloss Moritzburg in Sachsen sowie im Böhmerwald nahe der bayerischen Grenze. Ursprünglich hätte der Film anders aussehen können: Eine andere Regisseurin hatte das Drehbuch abgelehnt, weil sie Aschenbrödel lieber auf einem Motorrad und in zeitgenössischer Umgebung sah. Die Handlung bleibt dennoch klassisch: Aschenbrödel lebt nach dem Tod ihres Vaters bei der Stiefmutter und deren Töchtern, begegnet dem Prinzen bei der Jagd, gewinnt mit Hilfe von drei Zaubernüssen Selbstvertrauen, Fähigkeiten und schließlich seine Zuneigung. Der verlorene Schuh führt am Ende zur Wiedervereinigung – doch entscheidend ist der Weg dorthin, der Aschenbrödel als aktive, handelnde Figur zeigt.

Lange Zeit unbekannt blieb, wer für die moderne Auslegung des Stoffes verantwortlich war. Zwar wurde offiziell eine Dramaturgin als Autorin genannt, tatsächlich stammte das Drehbuch jedoch von František Pavlíček, einem politisch verfemten Dramatiker, der nach dem Prager Frühling 1968 Berufsverbot hatte und unter schwierigen Bedingungen leben musste. Erst nach der politischen Wende wurde seine Urheberschaft öffentlich anerkannt. Der Erfolg des Films überraschte selbst die Beteiligten. Die Kinorechte wurden früh in zahlreiche Länder verkauft, von Westeuropa bis nach Kuba und Vietnam. Auch Jahrzehnte später ist die Fangemeinde groß. Für den Prinzen-Darsteller Pavel Trávníček bedeutete der Film zwar weltweite Bekanntheit, zugleich aber auch eine dauerhafte Rollenfestlegung. Für viele Zuschauerinnen und Zuschauer hingegen ist „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ bis heute untrennbar mit Weihnachten, Kindheitserinnerungen und einer besonderen Form von Märchenzauber verbunden. An Heiligabend (24. Dezember) steht „Aschenbrödel“ gleich viermal auf dem Sendeplan, darunter mittags im Ersten und zur Primetime um 20.15 Uhr im WDR. Auch an den Weihnachtstagen und bis zum Jahreswechsel bleibt der Film fest im Programm mehrerer Dritter Programme und von One, KiKA und BR. (dpa/sc)

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