Die Akte der N62 als politisches Brennglas: Fegefeuer der Eitelkeiten

<p>Blick auf die N62 in Richtung Luxemburg</p>
Blick auf die N62 in Richtung Luxemburg | Foto: Jan Johanns

Zuletzt zeigte sich sogar offene Uneinigkeit zwischen Eupen und Namur: Der wallonische Infrastrukturminister François Desquesnes (Les Engagés, Schwesterpartei der CSP) erklärt das Großprojekt für erledigt.

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Kommentare

  • Außer Spesen nichts gewesen – N62 als Dauerbankrott der Politik

    Man muss Christian Schmitz dankbar sein. Sein Kommentar legt den Finger präzise in die offene Wunde der N62 – dieses ostbelgischen Polit-Dauerbrenners, der längst kein Infrastrukturprojekt mehr ist, sondern ein Mahnmal. Ein Mahnmal dafür, wie Politik aussieht, wenn sie nie zuhört, nie entscheidet und trotzdem jahrzehntelang so tut, als wüsste sie es besser.
    Denn während sich Minister, Parteien, Kammern und Kommentare gegenseitig auf die rhetorischen Schienbeine treten, blieb eine Gruppe auffällig konsequent außen vor: die Menschen, die entlang der N62 leben. Die Anrainer. Diejenigen, die den Lärm schlucken, den Verkehr ertragen und die Risiken tragen. Über sie wurde entschieden – aber fast nie mit ihnen. Beteiligung? Eher ein Fremdwort. Transparenz? Höchstens in den Projektmappen, die Staub angesetzt haben.
    Und von denen gibt es viele. Tausende Seiten Studien, Pläne, Varianten, Umfahrungen, Teilumfahrungen, große Lösungen, kleine Lösungen, symbolische Lösungen. Dazu Enteignungen – ganz real, ganz konkret –, jahrelange Unsicherheit für Eigentümer und Familien. Politisch verkauft als Fortschritt, praktisch erlebt als Hinhaltetaktik. Am Ende bleibt ein bitteres Fazit, das jede Dorfgemeinschaft kennt: viel Gerede, wenig Straße. Oder härter gesagt: außer Spesen nichts gewesen.
    Was diese Akte endgültig zur Farce macht, ist ihr Charakter als politischer Offenbarungseid. Seit Jahrzehnten wird hier Verantwortung hin- und hergeschoben wie eine heiße Kartoffel. Namur gegen Eupen, Eupen gegen Namur, Parteien gegeneinander, Wirtschaftsvertreter gegen Politiker – und alle gegen den gesunden Menschenverstand. Jeder weiß angeblich, warum es nicht geht. Kaum jemand erklärt ehrlich, warum man es so lange trotzdem versprochen hat.
    Ja, auch die sogenannten lokalen Wirtschaftsweisen dürfen sich hier nicht aus der Affäre ziehen. Mal große Lösung, mal kleine – je nach Konjunktur, Gesprächspartner und Tagesform. Strategisch brillant, moralisch eher so mittel. Wer ernsthaft behauptet, jahrzehntelange Planungsorgien ohne Resultat seien alternativlos gewesen, sollte vielleicht selbst einmal im Rückspiegel prüfen, welche Rolle er gespielt hat.
    Und die Wallonische Region? Die sollte sich schämen. Eine Bevölkerung derart lange an der Nase herumzuführen, Erwartungen zu wecken, Eigentumsrechte anzutasten und am Ende lapidar den Stecker zu ziehen – das ist kein Regierungsstil, das ist institutionelle Respektlosigkeit.
    Christian Schmitz hat recht: Die N62 ist ein politisches Brennglas. Aber sie ist mehr als das. Sie ist ein Lehrstück darüber, wie Demokratie erodiert, wenn Entscheidungen ohne Betroffene getroffen werden. Wie Vertrauen stirbt, wenn Papier wichtiger wird als Asphalt. Und wie ein Projekt zur unendlichen Geschichte wird, wenn niemand den Mut hat, ehrlich zu sagen: Wir haben es verkackt.
    Altmodisch gesagt: Früher baute man Straßen. Heute baut man Narrative. Die N62 steht dazwischen – laut, belastend, unfertig. Und sie wartet bis heute nicht auf neue Kommentare oder neue Studien, sondern auf etwas radikal Unzeitgemäßes: eine Entscheidung mit Rückgrat.

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