Vor zehn Jahren brach Jubel aus in Paris: Nach zähem Ringen hatte sich die Weltgemeinschaft darauf verständigt, die Klimakrise in den Griff bekommen zu wollen. Das Pariser Klimaabkommen war geboren. Inzwischen hat sich die Krise aber deutlich weiter zugespitzt – und man trifft sich in Brasilien am Rande des für das Weltklima so wichtigen Tropenwalds am Amazonas.
Wie steht es denn mittlerweile ums Klima?
Laut aktueller UN-Prognose steuert die Welt mit ihrer aktuellen Klimapolitik auf 2,8 Grad Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts zu und reißt das international vereinbarte 1,5-Grad-Ziel schon innerhalb des nächsten Jahrzehnts. Das würde heißen: mehr Stürme, mehr Überschwemmungen, mehr Dürren und so weiter – von drohenden Kipppunkten mit unumkehrbaren Folgen mal ganz abgesehen. UN-Generalsekretär António Guterres betonte vor den Staatenlenkern aus aller Welt: „Die bittere Wahrheit ist, dass wir es nicht geschafft haben unter 1,5 Grad zu bleiben.“ Bislang vermochten es die Menschen trotz aller Konferenzen und Pläne nicht, das Ruder herumzureißen: Die weltweiten Emissionen erhöhen sich weiterhin. Im vergangenen Jahr stiegen sie der Weltwetterorganisation (WMO) sogar so drastisch wie seit Beginn der modernen Messungen 1957 nicht.
Und nun soll am Amazonas die Kehrtwende gelingen?
Brasilien will die Symbolkraft des Amazonas nutzen, um der Welt die Dringlichkeit vor Augen zu führen. Nehme die Entwaldung durch Abholzung noch um einige Prozent zu, verwandle sich der Regenwald in eine Savanne, warnt der deutsche Greenpeace-Chef Martin Kaiser. „Dann kippt das globale Klima. Ohne den Schutz des Amazonas gibt’s keinen Klimaschutz. Das ist eine so simple wie unbequeme wissenschaftliche Wahrheit.“ Große Waldgebiete wie der Amazonas sind natürliche Speicher für Treibhausgase – was in Bäumen und Pflanzen steckt, belastet nicht das Klima. Mit Brasilien findet der Klimagipfel nach drei Jahren in autoritär regierten Staaten – Ägypten, Vereinigte Arabische Emirate und Aserbaidschan – erstmals wieder in einem demokratischen Land statt, das mehr Raum für Proteste von Aktivistinnen und Aktivisten bietet. Doch die Vorzeichen sind nicht die besten. Kriege und andere Krisen lassen das Klima auf der Prioritätenliste vieler Regierungen nach unten rutschen, fast überall sind die Kassen klamm. Die Öl- und Gaslobby will die Energiewende ausbremsen – und hat mit US-Präsident Donald Trump einen mächtigen Unterstützer bekommen.
Lässt sich Trump in Brasilien blicken?
In Belém wird der US-Präsident nicht erwartet – schon am ersten Tag seines Amtsantritts hatte er im Januar den erneuten Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen unterzeichnet. Wirksam wird dieser Austritt allerdings erst ein Jahr später. „Die Amerikaner könnten also theoretisch zur Konferenz reisen und dort die Verhandlungen nach Kräften sabotieren“, erklärt Experte Jan Kowalzig von der Entwicklungsorganisation Oxfam. „Allerdings ist gut möglich, dass sie gar keine Unterhändler schicken werden – mit Blick auf die Haltung der Trump-Administration zum Klimawandel wohl das bessere der möglichen Szenarien.“ Als Elefant im Raum dürfte Trump trotzdem präsent sein: Mit dem Rückzug der USA fehlt Geld – sowohl für die UN-Konferenzen als auch bei der für die ärmeren Länder so wichtigen Unterstützung bei Klimaschutz und Anpassung an die steigenden Temperaturen und ihre Folgen.
Worum geht es bei der Konferenz konkret?
Viele Staaten haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht: Nur rund ein Drittel hat entgegen aller Verpflichtungen überhaupt bis zur Konferenz neue Klimaschutzpläne bis zum Jahr 2035 eingereicht – und die vorliegenden reichen zur Eindämmung der Krise nicht aus. „In den kommenden Jahren bis 2035 muss deutlich mehr geschehen, als das übliche "business as usual"“, betont Kaiser. „Mit Blick auf die unzureichenden Klimaschutzpläne der Staaten steht im Mittelpunkt der Konferenz, wie die für unser Überleben notwendige Begrenzung der globalen Erwärmung noch geschafft werden kann.“ Auf der offiziellen Agenda steht vor allem die Anpassung an die Klimafolgen. Hier brauche es Indikatoren, die Fortschritte messbar machen, erklärt Laura Schäfer, die bei der Organisation Germanwatch den Bereich Internationale Klimapolitik leitet. „Dazu brauchen die ärmsten und verletzlichsten Länder Klarheit und Verlässlichkeit, wie sie bei Maßnahmen für Klimaschutz und dem Umgang mit Klimawandelfolgen finanziell unterstützt werden.“ Gastgeber Brasilien wirbt für einen neuen, milliardenschweren Fonds zum Schutz tropischer Regenwälder. Länder, die ihre Tropenwälder erhalten, sollen belohnt werden. Für jeden zerstörten Hektar sollen hingegen üppige Strafen fällig werden und in den Fonds fließen.
Was wäre ein Erfolg in Brasilien?
Im besten Fall würde ein Paket beschlossen, „um alle notwendigen Schritte zu gehen, damit die globale Erwärmung doch noch unter 1,5-Grad-Pfad stabilisiert werden kann“, betont Kaiser – inklusive eines verbindlichen Plans zum Ausstieg aus fossilen Energien. Bei der vergangenen Klimakonferenz hatten Ölstaaten wie Saudi-Arabien versucht, eine Vereinbarung zum angestrebten Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas zu blockieren. Zudem wäre Beobachtern zufolge wichtig, Zusagen an ärmere Länder mit Geld zu unterfüttern. Im vergangenen Jahr in Aserbaidschan waren einige dieser heiklen Fragen aufgeschoben worden.
Ist das Pariser Abkommen gescheitert?
Die Expertinnen und Experten sind sich einig: Ohne das Abkommen wäre die Welt auf einem noch schlechteren Kurs – nämlich vier bis fünf Grad Erderwärmung, wie sie zuvor prognostiziert wurden. „Das Pariser Klimaabkommen hat etwas ins Rollen gebracht und das ist überhaupt nicht mehr aufzuhalten“, hält Klimaforscher Niklas Höhne etwa mit Blick auf den rasanten Ausbau erneuerbarer Energien fest. Die Welt habe sich verändert und das werde auch weitergehen.
Wie sieht die belgische Delegation aus?
Die belgische Delegation wird aus zwei Ministern bestehen – einem föderalen und einer wallonischen Vertreterin – und insgesamt kleiner ausfallen als in den Vorjahren, sowohl aus politischen als auch logistischen Gründen. Kein belgischer Minister nahm am Gipfel der Staats- und Regierungschefs teil, der traditionell zu Beginn einer COP stattfindet, um den Verhandlungen politische Impulse zu geben. Premierminister Bart De Wever (N-VA) wird nicht nach Belém reisen. Das letzte Mal, dass Belgien bei einer UN-Klimakonferenz nicht vom Premierminister vertreten wurde, war 2018 bei der COP24 in Katowice (Polen). Angeführt wird die belgische Delegation vom föderalen Klimaminister Jean-Luc Crucke (Les Engagés), der in der zweiten Woche der Konferenz nach Belém reisen wird. Auch die wallonische Energieministerin Cécile Neven (zuständig für Energie und den Luft-Klima-Plan, MR) wird teilnehmen und Belgien bei den europäischen Koordinierungstreffen vertreten. In der ersten Woche leitet der erfahrene Peter Wittoeck, Leiter des Dienstes für Klimawandel beim Föderalministerium, die Delegation Belgiens. Im Vergleich zu früheren Konferenzen fällt die belgische Teilnahme deutlich kleiner aus: Die Delegation umfasst diesmal rund 80 Personen – Minister, Verhandler, Diplomaten und Vertreter der Zivilgesellschaft. Im vergangenen Jahr zählte die belgische Delegation bei der COP29 in Baku noch 140 Mitglieder, bei der COP28 in Dubai Ende 2023 sogar noch mehr. Wie üblich sind in der belgischen Delegation auch zahlreiche Vertreter der Zivilgesellschaft vertreten, darunter Umwelt- und Entwicklungsorganisationen, Jugenddelegierte, Gewerkschaften und einige Unternehmensvertreter. (dpa/belga/sc)

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