„Wir möchten verstärkt in die politische Bildung einsteigen – außerhalb des klassischen Bildungswesens“, betont KAP-Präsident Matthias Zimmermann im Gespräch mit dem GrenzEcho. „Politische Bildung ist vielschichtig, und das Thema Einsamkeit ist es auch. Mit diesem Auftakt wollen wir einen offenen Austausch anstoßen“, fügt er hinzu. Zu Gast ist am kommenden Montag Prof. Dr. Tanja Segmüller von der Hochschule für Gesundheit in Bochum.
Die Pflegewissenschaftlerin und Professorin für Alterswissenschaften beschäftigt sich mit der Versorgung älterer und pflegebedürftiger Menschen sowie mit Fragen der Prävention. In ihrem Vortrag wird sie Einsamkeit definieren, verschiedene Formen abgrenzen, den Zusammenhang mit Depressionen erläutern und auf präventive sowie therapeutische Ansätze eingehen. Anschließend leitet sie ein „World-Café“-Format, bei dem die Gäste ihre Erfahrungen einbringen können. Gerade im ländlich geprägten Ostbelgien ist das Thema relevant. Ältere Menschen leben häufig allein, oft mit eingeschränkter Mobilität und ohne nahe Angehörige. Aber auch junge Erwachsene sind betroffen – durch Perspektivfragen, den Berufseinstieg oder begrenzte Freizeitangebote. Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklungen verstärkt und gezeigt, wie verletzlich beide Generationen sind. Ein Blick ins Ausland zeigt dabei ganz unterschiedliche Strategien. Skandinavische Länder verfügen über ein dichtes Netz öffentlicher Unterstützungsangebote – notwendig angesichts der „Langlebigkeitsrevolution“, die dort die Zahl der Hochbetagten rasant steigen lässt. Trotz des hohen Gleichheitsanspruchs bestehen jedoch auch in den nordischen Wohlfahrtsstaaten erhebliche soziale Ungleichheiten, insbesondere bei den Über-85-Jährigen. Deutschland setzt stärker auf intergenerationelle Programme, die Begegnungen zwischen Jung und Alt fördern. Großbritannien wiederum gründete 2018 als erstes Land ein eigenes Ministerium für Einsamkeit. Es koordiniert ressortübergreifend Maßnahmen, prüft politische Entscheidungen auf ihre Auswirkungen und unterstützt zahlreiche Projekte. Die Initiative geht auf die ermordete Labour-Politikerin Jo Cox zurück und wird von Organisationen wie dem Marmalade Trust weitergetragen.
Für Ostbelgien bedeutet das, internationale Erfahrungen zu berücksichtigen und zugleich auf regionale Besonderheiten einzugehen. „Es geht nicht darum, Einsamkeit vollständig zu beseitigen“, betont Prof. Tanja Segmüller, „sondern sie als gesellschaftliches Phänomen anzuerkennen und Strukturen zu schaffen, die Isolation verhindern.“ Gerade in einer alternden und ländlich geprägten Region müsse der soziale Zusammenhalt gezielt gestärkt werden.
Das Programm am 13. Oktober sieht ab 19.10 Uhr eine Begrüßung durch die KAP vor, gefolgt von Segmüllers Vortrag. Ab 19.55 Uhr lädt sie zu einer interaktiven Diskussion im World-Café-Format ein, bevor der Abend gegen 20.45 Uhr bei einem Umtrunk ausklingt. Für die KAP ist der Abend mehr als nur eine Informationsveranstaltung. „Wir verstehen ihn als Auftakt, um Themen wie Einsamkeit künftig regelmäßig aufzugreifen und gesellschaftlich zu verankern“, erklärt Matthias Zimmermann. Ob daraus eine Serie wird, hängt vom Interesse und den Rückmeldungen ab. Klar ist allerdings schon jetzt: Einsamkeit ist kein Randthema, sondern eine unterschätzte Gefahr, die auch in Ostbelgien endlich offen diskutiert werden muss.
Anmeldung zur Veranstaltung am Montag: a.becker@kap-eupen.be oder 087/55 30 48

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