Jeweils 27,5 Meter lang, zusammen mit ihrem provisorischen Metallkorsett als Haltelement jeweils gut 30 Tonnen schwer: Dass für die beiden vorgefertigten Beton-Seitenelemente der neuen Brücke das ganz große Besteck nötig ist, um sie an ihren Platz zu bugsieren, ist kein Wunder. Um 2 Uhr in der Nacht ist der Schwertransport in Ciney gestartet, um 4.30 Uhr in Eupen angekommen. Trotz der ungemütlichen Witterung legen die Arbeiter so schon um kurz nach 7 Uhr los – und vor halb 9 schwebt das erste Brückenteil bereits über dem Wasser. Ein riesiger Kran hat es vom Ufer aus dorthin gehievt.
Der Teufel steckt aber bekanntlich im Detail. Und deshalb wird es noch gut zwei Stunden dauern, bis besagter Betonkoloss in spektakulärer Millimeterarbeit an seine endgültige Position gebracht werden kann. Denn dafür braucht es einen zweiten Spezialkran, der vom Wasser aus mit anpackt. Dafür muss das gelbe Gefährt, für dessen Einsatz der Unternehmer eigens eine Genehmigung vom Wallonischen Ministerium für nicht schiffbare Wasserläufe einholen musste, aber erst von der anderen Uferseite aus ins Wasser kommen. Allein: Der Weg gen Wasser ist für den Riesen nicht gleich befahrbar, einige Bäume ragen einfach zu weit hinein. Eine Hürde, auf die das Team sich vorbereitet zeigt: Kurzerhand greift ein Mann zur Kettensäge und ein kleiner Baum kommt weg; später noch ein zweiter, kleinerer.
Dann jedoch läuft alles nach Plan. Am Mittag gibt’s ein Update von Projektleiter Olivier Groteclaes vom Technischen Dienst der Stadt Eupen, der den ganzen Tag über vor Ort ist. Man sei sehr gut durchgekommen, auch das zweite Element sei schon an seinem Platz – und die Brückenform inzwischen gut erkennbar, berichtet Stadtsprecherin Daniela Linden.
Der Text wird nach dem Video fortgesetzt.
Was das Hochwasser im Juli 2021 innerhalb weniger Stunden zerstörte, wird seither in Eupen Schritt für Schritt wieder aufgebaut. Die Brücke an der Malmedyer Straße im Seiseleveedel-Viertel ist ja inzwischen wieder befahrbar. Und doch sei das, was hier an diesem Dienstag im Langesthal (neben dem Restaurant Langesthaler Mühle) passiert, „ein wichtiger Meilenstein“, sagt Bauschöffe Michael Scholl (PFF), der vor Ort das Geschehen verfolgt (und die frierenden Mit-Gucker sogar mit Croissants versorgt). Hier werde jetzt die erste – und größte – von vier weiteren Brücken aufgebaut, die allesamt keine Pfeiler haben werden. Mit 27,5 Metern ist die Langesthaler die längste, folgen werden in den kommenden Monaten drei kleinere: die Fuß- und Radfahrerbrücken Weserstraße/Haagenstraße, Selterschlag/Scheiblerplatz (22 Meter, auch Hillstraße genannt) und Selterschlag/Gülcherpark, mit 17 Metern die kürzeste.
Nutzbar ist der Erstling aber noch nicht sofort. Die Platten für die Verschalung werden gesetzt, dann muss noch der Betonkörper, der die Fahrbahn bildet, gegossen werden, sobald das Wetter mitspielt. Wenn alles nach Plan läuft, soll die Brücke Ende des Jahres stehen. Wichtiges Merkmal sei, dass man schon für künftig mögliche Hochwasserprobleme vorgeplant habe, ergänzt Scholl. So werde die neue Brücke, ähnlich wie die an der Malmedyer Straße, ein ganz anderes Geländer mit einer Art Netz bekommen. Dieses würde bei Hochwasser wegknicken, wenn Schwemmgut die Stelle erreicht.
Das Langesthal ist seit vielen Monaten Sackgasse – und soll es auch in Zukunft bleiben. Die Brücke ist nur für Fußgänger und Radler gedacht; sie wurde aber so konzipiert, dass sie im Notfall auch für den Straßenverkehr geeignet ist. Mit Pollern soll die Durchfahrt aber nur für Einsatzfahrzeuge im Notfall möglich sein.
Doch zurück ins Geschehen am Dienstagmorgen. Für sie sei das ein besonderer Moment, verrät Bürgermeisterin Claudia Niessen. Denn tatsächlich komme ihr hier an diesem Ort, wo damals evakuiert wurde, die Flutnacht wieder besonders deutlich in den Kopf. „Deswegen ist es sehr positiv für mich, dass dieser Schritt jetzt ansteht, dass die Brücke kommt, das ist auch ein Aufatmen“, so Niessen.
Auch Anwohner Helmut De Bruecker, der nur einen Steinwurf von der Brücke entfernt wohnt, verfolgt das Geschehen aufmerksam – und dies nicht nur heute. Seit 64 Jahren lebe er im Langesthal, die Hochwasserkatastrophe hat er miterlebt, „2,10 Meter hoch stand das Wasser bei uns im Keller, bis an die Decke“, erzählt er. Die Entwicklung der Brücke, sowohl die alte und deren Abriss als auch die Vorarbeiten für die neue, hat De Bruecker verfolgt und dokumentiert. Und so ist er auch jetzt wieder mit dem Smartphone dabei und hält fest, wie die Arbeiten voranschreiten. „Zufällig habe ich damals, 14 Tage vor der Flut, die alte Brücke noch fotografiert, die hatte ja schon eine Sanierung nötig“, erzählt er. Und natürlich hat er auch die vorbereitenden Fundamentarbeiten für die neue Brücke mit der Kamera dokumentiert, wie aus insgesamt drei Schichten Beton nach und nach die stattlichen Fundamente am Ufer wuchsen, auf denen nun an diesem Dienstag die Seitenelemente platziert werden.
Und wie steht er dazu, dass die neue Brücke nur für Fußgänger und Radfahrer nutzbar sein wird, nicht aber für Autos? Sehr viele Anwohner begrüßen es ja, dass es keinen Schleichverkehr mehr geben kann. „Das hat positive und negative Seiten“, formuliert Helmut De Bruecker seine Antwort vorsichtig. Ja, natürlich gebe es so weniger Durchgangsverkehr. Andererseits: Wenn, was öfter passiere, ein Baum umfalle oder ein großes Fahrzeug die Straße versperre, dann sitze man nun eben als Anwohner fest.
Übrigens gebe es offenbar „Tausende, ja wirklich Tausende Leute, die Schilder nicht lesen können“, merkt er dann noch an – und berichtet von unzähligen Beobachtungen der vergangenen Monate, dass anfangs viele Autofahrer, jetzt aber vor allem Radler und Fußgänger trotz des Hinweises auf die Sackgasse an seinem Fenster gen Fluss vorbeikamen: „Da wissen wir immer schon, die kommen gleich zurück.“

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