[Video] Radsportler Laurenz und Tim Rex: „Wurden nach dem Giro oft gegrüßt“

<p>Bevor im Laufe des Dezembers die ersten Trainingslager in Spanien anstehen, erholen sich Laurenz (links) und Tim Rex (rechts) zu Hause in Raeren.</p>
Bevor im Laufe des Dezembers die ersten Trainingslager in Spanien anstehen, erholen sich Laurenz (links) und Tim Rex (rechts) zu Hause in Raeren. | Fotos: David Hagemann

Die Saison begann gewissermaßen schon im Dezember 2022, als das Brüdergespann gemeinsam zum Trainingslager nach Spanien aufbrach. Laurenz Rex (23) bereitete sich auf sein erstes Jahr in der World-Tour als Profi bei Intermarché-Circus-Wanty vor. Ein Jahr, in dem er zunächst Anfang April in der „Hölle des Nordens“ auftrumpfte, als er lange mit der Spitzengruppe um den späteren Sieger Mathieu Van der Poel Schritt hielt und auf einem starken neunten Platz landete. Einen Monat später nahm er den Giro in Angriff, fuhr sich mehrfach ins Rampenlicht der TV-Übertragungen, beendete die 14. Etappe gar als Vierter.

Tim Rex wagte diese Saison den Schritt vom Mountainbike auf das Rennrad. Dort überzeugte er bei den hügeligeren Rennen besonders als Helfer für seine Teamkollegen und würde dafür von Teamchef Kévin Van Melsen ausdrücklich gelobt. Darüber hinaus fuhr er bei Eschborn-Frankfurt und dem Klimkoers Herbeaumont bei zwei Eintagesrennen in die Top Ten.


Laurenz Rex, Sie waren in dieser Saison in Belgien, Luxemburg, Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und zum Schluss in China unterwegs. Sie sind ja ganz schön herumgekommen.


Laurenz Rex: China war tatsächlich gar nicht geplant. Im August habe ich mir die Bänder des Schlüsselbeins gerissen, und so haben wir im Team entschieden, dass ich die Tour of Guangxi fahre, um die Saison länger zu halten. Es war insgesamt viel. Ich bin froh, jetzt zu Hause zu sein und nicht mehr nur aus dem Koffer zu leben. Das habe ich nämlich seit Januar gemacht. Aber das gehört dazu. Viele Leute sagen, dass sie das auch machen wollen, weil man eben herumkommt. Jedoch lebt man eigentlich nur von Hotelzimmer zu Hotelzimmer, aber sieht nicht das, was um einen rum passiert.


Wie geht es Ihrem Schlüsselbein?


Laurenz Rex: Das verheilt noch, die Operation ist genau drei Monate her. Ich merke fast nichts mehr. Bis die Bänder wieder komplett zusammengewachsen sind, dauert es zwei Jahre. Aber immerhin ist das Schlüsselbein wieder belastbar, und ich kann ins Krafttraining einsteigen. Jetzt dürfte ich sogar wieder darauf stürzen, was ich in den ersten drei Monaten absolut nicht durfte, weil sonst wieder alles abgerissen wäre.


Die Verletzung beeinträchtigt also nicht die Planung für die Saison 2024?


Laurenz Rex: Nein. Sie hat diese Saison beeinflusst, da im August die wichtigsten Rennen für mein Team und mich stattfanden, in denen ich eine Chance gehabt hätte. Wir haben die Planung umgeschmissen, aber im Endeffekt hat alles geklappt, sodass ich relativ früh wieder trainieren konnte. Wir sind mit dem Team da ganz gut mit umgegangen. Jetzt steht alles im grünen Bereich für kommende Saison.


Tim Rex, was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie an die vergangenen Monate zurückblicken?


Tim Rex: Der „Baby-Giro“ (Giro d´Italia für Nachwuchsfahrer, A. d. R.), den ich ursprünglich auch gar nicht fahren sollte. Aber zu Beginn des Jahres bin ich so viel fürs Team gefahren und habe viel geholfen. Unser Teamchef sagt immer, dass er auch die Leute belohnen will, die viel arbeiten. So bin ich doch noch in die Mannschaft für den „Baby-Giro“ gekommen. Das war mein Highlight.


Sie sind vom Mountainbike aufs Straßenrad umgestiegen, wo es mehr um das Team geht als im Gelände. War das eine große Umstellung?


Tim Rex: Auf jeden Fall, wobei ich damit nie große Schwierigkeiten hatte. Vor den Rennen werden wir gebrieft und bekommen unsere Aufgabe. Beim Mountainbike ist die Aufgabe halt, am Start zu stehen und Vollgas zu fahren. Auf der Straße arbeite ich fürs Team.


Wie groß ist eigentlich der Niveausprung vom Development-Team zu dem Level, auf dem sich Laurenz mittlerweile befindet?


Tim Rex: Das ist schon ganz anders. Zum Beispiel sind die Rennen viel länger. Ich bin jetzt zwei Profirennen gefahren, die sind viel organisierter und weniger hektisch. Bei den U23 geht es die ganze Zeit mit Vollgas los. Die Profis können selbst nach drei Stunden noch schneller fahren als ich.

<p>Dreckig bis in die Ohren nach der „Hölle des Nordens“: Tim Rex im Mai nach Paris-Roubaix</p>
Dreckig bis in die Ohren nach der „Hölle des Nordens“: Tim Rex im Mai nach Paris-Roubaix | Foto: Instagram


Laurenz, vor neun Monaten sagten Sie im GE-Interview, dass Sie mit Ihrem Wechsel nach Intermarché-Circus-Wanty einen Schritt nach vorn gemacht haben, es aber noch keine zwei Schritte seien. Wo stehen Sie denn aktuell?


Laurenz Rex: Den ersten Schritt musste ich ja in den Profibereich machen. Dann lauten die Fragen: Was bist du für ein Fahrertyp? Wie entwickelst du dich? Was sind deine Ziele und die des Teams? Der nächste Schritt, verbunden mit der Unterschrift, war meine Entwicklung zu einem besseren Fahrer in der World Tour. Wenn du dann auf diesem Level bist, hast du die Möglichkeit, durch die höheren Schwierigkeitsstufen in den Rennen die nächsten Schritte zu gehen – wie zum Beispiel bei mir mit dem Giro d´Italia. Ganz wichtig ist die Erholung nach solchen Rennen, und dass du auf deinen Körper hörst. Da stehe ich in ganz enger Verbindung zum Team und zum „Performance Staff“. Wenn das alles klappt, kannst du den nächsten Schritt in Angriff nehmen. Ich würde schon sagen, dass ich am Ende dieser Saison ein besserer Fahrer bin als bei meiner Ankunft bei Wanty.


Eines ist sicher, Sie haben durchaus auf sich aufmerksam gemacht: der neunte Platz bei Paris-Roubaix, beim Giro fuhren Sie regelmäßig vorne mit, weshalb Sie oft im TV zu sehen waren, dazu die Showeinlagen (der Fast-Flaschenwurf in den Zug, die Schwimmgeste auf dem Rad, der „Wheelie“)...


Laurenz Rex: Ich bin bekannter geworden, das stimmt. Nach dem Giro sind wir auf unseren Touren durch die Gegend oft gegrüßt worden, Leute streckten den Daumen aus dem Fenster. Nun ist es nicht mein Ziel, irgendwie medial groß zu werden. Natürlich ist es toll, hier und da mal ein Späßchen zu machen, um zu zeigen, dass wir motiviert sind und es – im Falle des Giros – trotz des Regens schön ist. Aber im Endeffekt zählt die Leistung. Und die war bei Paris-Roubaix und beim Giro, wo ich bei einer Etappe Vierter wurde, da.

<p>Showeinlage beim Giro d´Italia: Laurenz Rex fährt per „Wheelie“ über die Ziellinie.</p>
Showeinlage beim Giro d´Italia: Laurenz Rex fährt per „Wheelie“ über die Ziellinie. | Foto: Photo Newss


Ist das mediale Stattfinden denn gar kein Thema für das Team? Das Business Modell des Radsports ist immerhin stark auf öffentliche Wirksamkeit ausgerichtet.


Laurenz Rex: Natürlich ist das ein Ziel. Denn ein Team besteht aus Sponsoren, die sichtbar sein wollen. Da reden wir von Zeitungen, Facebook oder auch Instagram, was man persönlich als Fahrer steuern kann. Das Team gibt uns nicht vor, beim Giro in der Ausreißergruppe eine Schwimmbewegung zu zeigen oder den Hampelmann zu machen. Zwar bringt das Aufmerksamkeit mit sich, aber wichtig ist, dass ich bei Paris-Roubaix Neunter wurde oder bei der Giro-Etappe nach meiner Schwimmbewegung auf Platz vier gelandet bin. Solche Ideen spiegeln natürlich die Stimmung innerhalb des Teams wider, und das zeige ich dann nach außen. Ich habe nur positives Feedback dafür bekommen (lacht).

Der Text wird nach dem Tweet fortgesetzt.


Tim, können wir solche Showeinlagen in der Zukunft auch von Ihnen erwarten?


Tim Rex: Bestimmt, aber das ist ja nicht geplant. Das passiert einfach so. Als Laurenz den „Wheelie“ gemacht hat, war er einfach voller Euphorie, weil er es den Berg hochgeschafft hatte. Wenn man sich im Kopf zu sehr mit solchen Dingen beschäftigt, oder zu häufig Fotos oder Videos auf dem Rad postet, fährt man weniger gut.


Wie viel Social Media steckt eigentlich im Profiradsport?


Laurenz Rex: Wenn ich ein schönes Foto aufgenommen habe, stelle ich das online. Aber das muss nicht jede Woche sein. Wir erhalten vom Team gewisse Richtlinien, welche Fotografen wir dabei angeben und dass wir die Sponsoren nennen sollen. Ich poste jedenfalls nicht, um bekannt zu werden.

<p>Tim Rex: „Ich bin jetzt zwei Profirennen gefahren, die sind viel organisierter und weniger hektisch.“</p>
Tim Rex: „Ich bin jetzt zwei Profirennen gefahren, die sind viel organisierter und weniger hektisch.“ | Foto: David Hagemann


Wir haben Sie, Laurenz, beim letzten Interview gefragt, wie es ist, den kleinen Bruder im Team und beim Trainingslager dabei zu haben. Drehen wir den Spieß doch mal um: Tim, welche Rolle spielt der große Bruder für Sie im Radsport?


Tim Rex: Es ist schön, dass immer jemand in der Nähe ist, den man kennt. Das war vor allem am Anfang hilfreich. Wir haben denselben Trainer und trainieren oft zusammen. Mein Vorteil war, dass alle direkt wussten, wer ich bin. Generell sind wir Beide aber unterschiedliche Fahrertypen: Ich bin gut, wenn es bergauf geht, Laurenz gibt einfach immer Vollgas.


Sie kommen also für die Ardennenklassiker in Frage…


Tim Rex: … ja, genau…


... mit denen man Sie, Laurenz, eher jagen könnte? Oder wollen Sie trotzdem mal Lüttich-Bastogne-Lüttich in Angriff nehmen?


Laurenz Rex: Seid Ihr bekloppt? (lacht) Nein, nein, das ist zu schwer für mich. Da habe ich keinen Spaß dran.


Was ist Ihr Maximum? Der Pfeil von Brabant zum Beispiel?


Laurenz Rex: Ja, das geht noch, das könnte das Limit sein. Wobei das Rennen noch unter die Klassiker fällt. Es hängt natürlich vom Fahrerfeld ab, aber wenn ich ein gutes Resultat einfahren soll, macht es keinen Sinn, mich zu einem Ardennenklassiker zu schicken. Da bin ich mit den flämischen Klassikern besser beraten.


Es heißt, eine Woche nach einer großen Rundfahrt funktioniere bei Radprofis entweder alles richtig gut oder überhaupt nichts. Was war bei Ihnen nach dem Giro der Fall?


Laurenz Rex: Bei mir ging gar nichts mehr. Das Wetter war den ganzen Giro über ziemlich bescheiden, viele Fahrer waren krank. Am letzten Tag hat es mich auch erwischt, und danach habe ich zu Hause vier Tage lang wirklich flach gelegen. Ich habe versucht, für den folgenden Sonntag fit zu werden, weil mich das Team beim Brussels Cycling Classic brauchte. Aber damit habe ich mich total zerschossen, da ging es bis zur belgischen Meisterschaft drei Wochen später nicht mehr. Nachdem wir aber auf ein Höhentrainingslager gefahren sind, habe ich meine Form von vor dem Giro wieder erreicht.

<p>Laurenz Rex: „Hier und da ein Späßchen ist toll, aber es ist nicht mein Ziel, medial bekannt zu werden.“</p>
Laurenz Rex: „Hier und da ein Späßchen ist toll, aber es ist nicht mein Ziel, medial bekannt zu werden.“ | Foto: David Hagemann


Tim, der „Baby-Giro“ war für Sie ein ungewohnt langes Rennen. Was war der Unterschied im Vergleich zu Eintagesrennen oder kürzen Rundfahrten von drei, vier Tagen, wie sie in Ihrem Alter üblicher sind?


Tim Rex: Es wurde schon sehr viel kontrolliert gefahren, die Teams haben sich mehr auf die Gesamtwertung konzentriert. Trotzdem sind alle jeden Tag Vollgas gefahren. Wir sind als Team mit dem Fokus auf die Gesamtwertung gestartet, dafür mussten wir aber immer vorne mit dabei sein. Ich hatte damit gerechnet, dass die letzte Etappe etwas entspannter verlaufen würde, aber im Endeffekt war es sogar die nervöseste. Schon im „Départ Fictif“, also bevor es richtig losging, kam es zu mehreren Stürzen.


Wie geht es für Sie in den kommenden Wochen weiter?


Laurenz Rex: Ich bleibe jetzt erst einmal zu Hause, bevor wir am 9. Dezember ins Teamtrainingslager nach L´Albir (spanische Mittelmeerküste, zwischen Valencia und Alicante, A. d. R.) reisen. Über Neujahr komme ich zurück nach Raeren. Am 10. Januar geht es mit der Vorbereitung weiter und später trainieren wir in den letzten Tagen vor der Saison auf Mallorca, wo ich auch die ersten Rennen fahren werde.

Tim Rex: Ich fahre schon am 3. Dezember nach Spanien – erst mit meinem Vater, dann mit dem Team, wo Laurenz zu uns hinzustößt. Anfang des Jahres werde ich auf eigene Faust nach Mallorca reisen. Zu den Rennen an sich kann ich noch nicht viel sagen, denn das Programm erhalten wir im Trainingslager.


Was würden Sie denn persönlich gerne fahren?


Tim Rex: Wieder Lüttich-Bastogne-Lüttich und den „Baby-Giro“. Das waren meine Highlights in diesem Jahr. Ich hoffe, dass ich diese beiden Rennen wieder fahren werde.

Laurenz Rex: Ich habe wieder die Klassiker im Visier – also Paris-Roubaix, die Flandern-Rundfahrt oder am Anfang den Omloop. Den mag ich wirklich gerne. Wenn ich damit durch bin, kann ich mich auf die zweite Saisonhälfte konzentrieren.

<p>Laurenz und Tim Rex im Doppelinterview</p>
Laurenz und Tim Rex im Doppelinterview | Foto: David Hagemann


Spukt die Tour de France bei Ihnen eigentlich im Hinterkopf herum?


Laurenz Rex: Vielleicht irgendwann einmal, aber aktuell ist es dafür noch zu früh. Es ist das größte Rennen der Welt. Der Giro war schon cool, aber alle, die die Tour gefahren sind, sagen, dass sie von den Zuschauern her noch krasser ist. Wir haben erst einmal bis zu den Klassikern geplant, was danach passiert, weiß ich noch nicht.

Tim Rex: Natürlich ist die Tour de France der Traum jedes Radsportlers. Jeder kennt sie. Ich erinnere mich daran, dass die Frage nach der Tour immer aufkam, wenn ich in der Schule über den Radsport erzählte. Mal schauen, was die Zeit bringt.


Laurenz, welche Erfahrungen haben Sie in den vergangenen Monaten und Jahren gesammelt, die Ihnen nun in der Vorbereitung auf die Klassiker helfen?


Laurenz Rex: Auf jeden Fall ruhig bleiben im Winter und nicht zu übermütig trainieren. Richtung Ende Januar soll ich langsam in Form kommen – nicht zu früh, sonst erreiche ich zu weit vor den Klassikern meine Bestform. Denn die letzten Klassiker sind die härtesten, und dann wäre da schon alles vorbei. Bei einem solchen Rennen verbrauchst du 6.000 bis 7.000 Kalorien. Das alle zwei, drei Tage während drei Wochen ist sehr hart. Wenn du da die Basis nicht hast, kannst du nicht regenerieren. Deshalb gilt es, gut und ruhig mit ein, zwei Kilo zu viel durch den Winter zu kommen, um nicht krank zu werden. Die Erfahrung habe ich effektiv gesammelt, weil ich früher jemand war, der immer und auch im Winter Vollgas gab. Aber das bringt nichts. Tim glaubt mir da noch nicht ganz, aber er wird das noch erfahren. Ich war in seinem Alter ja auch so.

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