„Ich habe in der Vorbereitung so viel Neues erfahren, wieso habe ich das nicht in der Schule gelernt“, fragt sich die Mitspielerin Astrid Baguette. Es ist eine Herausforderung, rund 210 Jahre Geschichte in zwei Stunden auf eine Bühne zu bringen. Aber anders geht das nicht. Ohne das Königreich der Vereinigten Niederlande mit seinen Spannungen zwischen dem katholischen Süden und dem calvinistischen Norden, zwischen dem niederländischsprachigen Norden und dem bis in die Eliten von Antwerpen und Gent hinein frankofonen Süden wäre an ein Belgien und entsprechend an eine Deutschsprachige Gemeinschaft nicht zu denken gewesen.
Immense Mengen an Filmmaterial und Originalzitaten
Dieser gewaltigen Menge an historischem Stoff muss das Schauspiel zum Opfer fallen, das bei den vergangenen Großinszenierungen von Eastbelgica eine zentrale Rolle gespielt hat. Astrid Baguette führt in die Thematik ein, Myriam Pelzer übernimmt eine Erzählerrolle und an einem alten Radiotisch kommentieren Anja Pitz und Eberhard Mischlich das Geschehen. „Hätten wir Schauspielszenen entwickelt, würde die Inszenierung zehn Stunden dauern“, ist sich Simen Van Meenssel sicher.

Anstatt Szenen zu spielen, erzählen die Sprecher und werden dabei von immensen Mengen an Filmmaterial und Originalzitaten der beteiligen Akteure unterstützt. Dabei betten die Macher die Geschichte Ostbelgiens in die Weltgeschichte und teilweise auch die deutsche Geschichte ein. Während es in Ostbelgien der „Rat der deutschsprachigen Kulturgemeinschaft“ langsam am Horizont sichtbar wird, setzt im fernen Warschau Bundeskanzler Willy Brand (SPD) mit dem berühmten Kniefall ein Zeichen der Versöhnung.
Verdienstvoll ist es, auch an die schwierigen Ereignisse der ostbelgischen Geschichte zu erinnern. Das festlich geschmückte Eupener Rathaus von 1940 mit dem Banner „Führer, wir danken dir!“, ist genauso präsent wie die ostbelgische Geschichte nach 1945, wo Belgien sehr hart gegen vermeintliche und tatsächliche Kollaborateure vorgegangen ist. Der Versuch Belgiens, auch in den Ostkantonen die französische Sprache zu etablieren, ist genauso erwähnt wie die Niermannaffäre. Verdienstvoll ist die ausgesprochen sachliche und sehr um Objektivität bemühte Darstellung der Ereignisse. Es wird gezeigt, wie es war, ohne offensichtliche Wertungen oder gar Schuldzuweisungen. „Wir haben uns an Historikern orientiert“, sagt Van Meenssel.

Manches, was in der Vergangenheit wichtig war, verursacht heute teilweise Kopfschütteln und Gelächter. Die Frage, ob man nun „Deutschbelgier“, „deutschsprachiger Belgier“ oder „Deutsch-Ostbelgier“ sein will, war damals wichtig, wirkt heute eher komisch und verursacht Lachen im Publikum. Befindlichkeiten der Ostbelgier zeigen auch die treffsicheren Karikaturen von Annette Müllender am Anfang der Inszenierung. Auch wenn die best geschützte Minderheit Europas sehr viel erreicht hat, abgeschlossen ist der Weg weiterhin nicht. Ob ein „Belgien zu viert“ das Ziel ist, wird die Zukunft zeigen.
Bei aller Präsenz der Historiografie ist „Neu Belgien – Unsere Geschichte“ eine musikalische Inszenierung, die sich als solche wunderbar in die Geschichtsdarstellung einfügt. Ein wenig wirkt es wie die gute alte Stummfilmzeit, wenn das Orchester spielt und oben die Geschichte auf Filmausschnitten vorbeifliegt. Auch eine gute Idee der Veranstalter ist es, die Chöre „Zwischentöne“ und „Musica Cantica“ an den Seiten auf einem Gerüst zu platzieren. „So haben sie auch die Möglichkeit, die Inszenierung mitzuverfolgen“, lobt Parlamentspräsident Charles Servaty (SP) das Konzept. Aber nicht nur. Diese Aufstellung ist auch aus musikalischer Sicht sinnvoll, denn es entsteht ein Eindruck von Stereofonie. Die Stückauswahl ist passend, das musikalische Können grandios.

Durch die Jahrzehnte geht es mit den passenden Klängen. Im ersten Teil spielt das Eastbelgica-Sinfonieorchester unter anderem das berührende Friedensgebet von John Williams. Im zweiten Teil, der die Nachkriegsgeschichte beschreibt, sind die Chöre gefragt. Zu jedem Jahrzehnt gibt es den passenden Song. Nach dem grandiosen Solo des Beatles-Songs „Eleanor Rigby“ von Stephan Laschet geht es passend zur politischen Geschichte durch Rock und Pop. „California Dreaming“ (The Mamas & The Papas), „Dancing Queen“ (ABBA) oder „Schrei nach Liebe“ (Die Ärzte) sind nur drei der Lieder, die der Historie den passenden Soundtrack verpassen.
Ostbelgier finden sich in dieser Inszenierung wieder

Die Mitwirkenden sind stolz auf die Inszenierung. „Für uns ist es beeindruckend, gemeinsam mit dem Orchester zu singen“, sagen Melanie Chaineux und Larissa Debaecke von den „Zwischentönen“. Auch beim Publikum kommt es an. „Gut war es, lokale Geschichte in Weltgeschichte einzubinden“, sagt einer. Ein anderer lobt die Objektivität und freut sich mit Kurt Ortmann seinen ehemaligen Turnlehrer auf den Bildern erkannt zu haben. Charles Servaty lobt die präzise und ausgewogene Darstellung und die Verwendung von Originaltönen ostbelgischer Politiker der Vergangenheit. „Neubelgien – Unsere Geschichte ist eine Inszenierung, in der sich Ostbelgier wiederfinden.
Weitere Inszenierungen: 17. und 18. 11, 20 Uhr, 19. 11., 17 Uhr. Eintritt 5-25 Euro. Karten unter: https://bit.ly/3sxWmEX

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