Sie sind in die Jahre gekommen, die sogenannten Altachtundsechziger. Karl Prangenstädt – der Protagonist in Ulrike Schwieren-Högers neuem Roman „Diese verfluchte Sehnsucht“ – ist ein solcher.
Prangenstädt war Kriegsberichterstatter, linker Aktivist und Kämpfer für eine gerechtere Welt. Ein vom Glauben an die Veränderbarkeit der Welt durch politisches Handeln überzeugter und der Sehnsucht nach einem anderen Leben, einer anderen Welt getriebener Mensch. Dennoch darauf bedacht, möglichst jeden Augenblick seines Lebens in (über)vollen Zügen zu genießen und auszukosten. Es gab kaum etwas, das für den jungen Prangenstädt nicht wert gewesen wäre, ausprobiert zu werden.
Müde, enttäuscht und desillusioniert will der Protagonist nichts mehr wissen von der Welt
„da draußen“.
In Ulrike Schwieren-Högers Roman geht es sowohl um Sex, Drugs und Mick Jagger als auch um Tanz, Müsli und Guru Bhagwan. Auf Anhieb mag das recht willkürlich erscheinen und ja: die Fülle der auf den ersten 30 Seiten des Romans angeschnittenen Themen ist erschlagend. 16 habe ich ausgemacht. Sie reichen von Demenz über Windrad- und Milchpreispolitik, Verschwörungsmythen und rechter Gewalt bis hin zu Mode, Herr der Ringe und Pressefreiheit. Die Autorin schafft es allerdings, diese Themen (nicht alle, aber aus meiner Sicht die zentralsten) am Ende des Buches zusammenzubringen. Und dies mit Hilfe eines dramaturgisch gelungenen Coups, den ich selbstredend an dieser Stelle nicht spoilern werde. Zu Beginn des Romans lernen wir Karl Prangenstädt kennen als einen – in seiner Wahrnehmung zumindest – gescheiterten und frustrierten alternden Mann. Er versucht aus dem Kölner Großstadt–Gewusel in die vermeintlich beschauliche Einöde des fiktiven Eifeldorfs Eifelfey (da der Roman voll gespickt ist mit Referenzen und Hinweisen zu historischen Personen, ist zu vermuten, dass Clara Fey als Inspiration für den Ortsnamen diente) zu entfliehen. Vergeblich, wie wir schon früh feststellen werden.
Der Roman richtet sich in die Zukunft, indem er Vergangenes reflektiert und sich mit der Gegenwart beschäftigt.
Seine unumstößlich scheinende Entscheidung, unter allen Umständen nichts mehr mit der Welt um ihn herum zu tun haben zu wollen, lässt sich nicht so einfach umsetzen. Da hilft auch nicht, in einer ersten Aktion in seiner neuen Wahlheimat, sich aller Verbindungen zur Außenwelt aufs Radikalste zu entledigen. Da fliegen Laptop, Radio und Fernseher aus dem Fenster, um sie nicht mehr zu hören, sehen oder lesen, die Hiobsbotschaften dieser Welt.
Aber selbst in der Eifel gibt es Menschen. Und wo es Menschen gibt, gibt es Kommunikation. Und wo es Kommunikation gibt, gibt es soziale Interaktion. Und wo es soziale Interaktion gibt, gibt es Konflikte. Und wo es Konflikte gibt, gibt es Auseinandersetzung. Und wo es Auseinandersetzung gibt, gibt es Haltungen. Und wo Haltungen aufeinandertreffen, findet Politik statt. Da gibt es kein Entrinnen. Auch nicht für unseren Protagonisten.
In Schwieren-Högers Roman gibt es gleich eine Fülle von Haltungen, die aufeinander treffen. Karl Prangenstädt scheint wie ein Magnet diese Menschen mit ihren zum Teil diametral entgegengesetzten Haltungen anzuziehen. Jedenfalls treffen sie sich im Laufe der Geschichte alle in seinem Eifel-Haus. Mit dem Resultat, dass sich gegen Ende des Romans dieser Ort als Refugium endgültig erledigt hat.
Erzählt wird diese Entwicklung von der Autorin innerhalb komplexer politischer und familiärer Verflechtungen, die sich nach und nach der Leserschaft erschließen und zu einigen überraschenden Wendungen führen. Zwar hat mich als Leser der Roman „Diese ganze verfluchte Sehnsucht“ mit dem einen oder anderen angerissenen Thema ins Leere laufen lassen und mitunter erschien mir – beispielsweise zum Thema Windräder auf dem Land – der Aufklärungswille der Autorin recht dominant, dennoch kann und möchte ich die Lektüre absolut empfehlen.
Wehret den Versuchen der Vereinzelung. Tut euch zusammen!
Weil er eine kluge, sensible Aufarbeitung der Zweifel und Existenzfragen einer ganzen Generation bietet. Einer Generation, die sich im letzten Drittel ihres Lebens der Frage stellt, was eigentlich von den Kämpfen und Träumen für eine bessere Welt übrig geblieben ist. Und der Roman bietet noch mehr: Er bedient sich dieser Zweifel und Fragen, um nach vorne in die Zukunft zu blicken. Er richtet sich ebenso an die Idealisten und Weltverbesserer, die sich heute in ihrem ersten und zweiten Lebenszeit-Drittel befinden mit dem Hinweis: Neues zu schaffen, bedeutet nicht zwingend, dass alles neu erfunden werden muss. Womöglich lohnt es sich, die gelungenen und gescheiterten Versuchen der Alten etwas näher zu betrachten. Nutzt die neuen Möglichkeiten, die sich heute bieten aber vor allem: Tut euch zusammen! Wehret den Versuchen der Vereinzelung.
Dass dieser Roman etwas „mit mir gemacht hat“ – wie es so schön heißt – beweist, wie anders ich das dem Buch vorangestellte Zitat Albert Einsteins gelesen und in meine ganz persönlich verfluchte Sehnsucht nach einem anderen Leben eingeordnet habe: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“. So simpel ich diese Erkenntnis zu Beginn fand, so komplex und als immense Herausforderung erschien sie mir am Ende der Lektüre. Nicht als Erkenntnis, sondern Aufforderung will dieses Zitat verstanden, werden.
Na dann: Packen wir’s an!

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