Eines ist sicher: Der Amerikaner Garrett List hat wie nur wenige die belgische Musikszene geprägt. 1980 übernahm er am Lütticher Konservatorium die vom damaligen Direktor Henri Pousseur neu eingerichtete Klasse für Improvisation. Unzählige Jazzmusiker und Komponisten zeitgenössischer Musik sind von ihm über die Jahre beeinflusst worden: Kris Defoort, Fabian Fiorini, Fabrizio Cassol und vielen anderen ebnete Garrett List den Weg. Das Erbe Garrett Lists lebt weiter, nicht zuletzt dank des Orchestra Vivo!
Begonnen hatte die Karriere von Garrett List, der aus Phoenix (Arizona) stammte, Mitte der 1960er Jahre. Während des Studiums an der renommierten Juilliard School in New York unternahm er mit Freunden erste Schritte in eine neue eigene Art des Musikmachens. Es war die Zeit des freien Musizierens, von Flower Power und alles schien möglich. 1971 war er dann mit Steve Lacy und Frederic Rzewski Gründer der legendären Formation Musica Elettronica Viva. Seinen Weg kreuzten auch Jazzmusiker wie Carla Bley oder Anthony Braxton ebenso bedeutende Komponisten der zeitgenössischen Klassikszene wie Pierre Boulez, John Cage oder Morton Feldman.
Garrett List strebte stets eine sehr instinktive, geradezu körperlich spürbare Musiksprache an, ganz im Sinne eines Miles Davis. Melodien und Harmonien, die den Hörer und den Musiker direkt ansprechen, waren seine Welt. Er ließ die Musik auf sich zukommen, ohne streng vorgelegte Konzepte. Garrett List verstand sich nicht ausschließlich als Jazzmusiker, ebenso wenig als Klassiker, er war immer offen für neue Einflüsse, ganz gleich aus welcher Kultur oder Region sie kamen.
Nachdem Garrett List als Konservatoriumslehrer die Gründung zahlreicher neuer Ensembles anregte, wie „Le collectif du lion“ oder „La grande formation“, sollte das Orchestra ViVo! sein letztes großes Projekt werden. 2010 scharte Garrett List über 30 begeisterungsfähige Musikerinnen und Musiker aus der Euregio um sich, die aus Klassik, Jazz und der Worldmusic-Szene kamen. Ein Traum wurde Realität, eine neue Art „Big Band“ wurde geboren.
Mit Orchestra ViVo! konnte List zahlreiche Konzerte, unter anderem ein unvergessener Konzertabend 2015 im Rahmen des OstbelgienFestivals in den Werkhallen von Orgelbau Schumacher in Eupen, geben und die CD „Orchestra ViVo!“ wurde mit einem Octave de la musique ausgezeichnet.
Liebe zur Musik und zur Natur
Das Orchestra ViVo! ist 2022 bei zahlreichen wichtigen Jazzfestivals (Jazz à Liège, Gaume Jazz Festival), aber auch in der Konzertreihe der Lütticher Philharmoniker zu Gast gewesen und hat dort Auszüge aus der mehrsätzigen Hommage an einen einzigartigen Künstler vorgestellt, der die Grenzen zwischen Klassik, Jazz und Popmusik wie kaum ein zweiter aufgehoben hat.
„Music for Trees“ ist eine Komposition aus den späten 1980er Jahren, die Garrett List zunächst für Synthesizer schrieb und die er im Laufe der Zeit auf akustische Instrumente übertrug. Es ist eine musikalische Liebeserklärung an die Bäume der ganzen Welt, es ist ebenso ein emblematisches Werk für die poetische Offenheit des Künstlers Garrett List, seinen Eklektizismus und seinen Humanismus. Die Bäume werden zu Lists und unseren Brüdern, wir brauchen sie und sie brauchen uns. Der Mensch darf und kann sich nicht selbst genügen, sondern steht im Dienst des Ganzen.
Zwei ehemalige Studenten von Garrett List und Mitglieder der ersten Stunde des Orchestra ViVo! haben die künstlerische Leitung von „Music for Trees“ übernommen: Manu Louis und Adrien Lambinet. Neben drei Sätzen für Live-Elektronik und Gesang – hier kommt der Sängerin Lynn Cassiers eine besondere Rolle zuteil – werden weitere zehn Sätze vom großen Orchester interpretiert.
Karten gibt es im Vorverkauf unter www.obf.be und an der Abendkasse. (red/hegen)

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