Inflation: Nationalbankchef bittet um Geduld

<p>Pierre Wunsch, Gouverneur der Nationalbank, in seinem Büro.</p>
Pierre Wunsch, Gouverneur der Nationalbank, in seinem Büro. | Foto: belga

Pierre Wunsch teilt die Ansicht der Europäischen Zentralbank (EZB), dass die Inflation, die größtenteils importiert wird (da sie vorrangig auf den Anstieg der Energiepreise zurückzuführen ist), sich im Laufe des Jahres verlangsamen wird. „Bis 2023-2024 sollte sich die Inflationsrate dauerhaft auf zwei Prozent zubewegen – was ja auch das Ziel der EZB ist“, so der Gouverneur. „Wir sollten Geduld haben, denn die Kerninflation (ohne Energiepreise) liegt schon jetzt in der Nähe dieses Ziels“. Vor diesem Hintergrund hält er eine „allmähliche und vorsichtige“ Normalisierung der Geldpolitik der EZB für angemessen.

Der Nationalbankchef schließt jedoch auch weniger günstige Szenarien nicht aus: eine dauerhaften Inflationsrate von über zwei Prozent im Falle einer unkontrollierten Lohn-Preis-Spirale oder eine Rückkehr zu der Situation vor der Coronakrise, d.h. ein schwaches Wachstum und eine Inflation, die weit unter dem Ziel der EZB (2  %) verharrt.

Die automatische Lohnindexierung wird sich nach den Prognosen der Nationalbank in diesem Jahr zwar in einer Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen niederschlagen, aber dieser Einbruch werde vorübergehend sein, da die Löhne auch in den Nachbarländern erhöht werden, so Wunsch. Das Lohngefälle dürfte weder stark noch dauerhaft aus dem Ruder laufen. Ferner bemerkt der Gouverneur, dass die Kombination aus automatischer Indexierung und Lohngesetz, das festlegt, um wie viel die Lohnkosten maximal steigen dürfen, um mit unseren Nachbarländern wettbewerbsfähig zu bleiben, führe zu einer zu starren Lohnpolitik in Belgien. „Es gibt nur sehr wenig Spielraum zwischen der durch das Lohngesetz festgelegten Obergrenze und der automatischen Indexierung.“

Was die Staatsfinanzen angeht, sollte laut Wunsch nach der Unterstützungspolitik in den Corona-Jahren wieder Handlungsspielraum geschaffen werden „Das Wichtigste in den kommenden Jahren ist es, die Schuldenquote zu stabilisieren“, so der Gouverneur, der das Szenario bevorzugt, in dem die Schulden innerhalb von 20 Jahren auf 100 % des BIP gesenkt werden. Das Haushaltsdefizit sollte ab 2024 auf unter drei Prozent des BIP gesenkt und über einen Konjunkturzyklus im Durchschnitt bei 2,9 % gehalten werden. Will heißen: Haushaltsanstrengungen sind erforderlich, denn bei unveränderter Politik erwartet die Nationalbank einen Anstieg des Defizit auf sechs Prozent in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts.

Im vergangenen Jahr kosteten die Maßnahmen zur Unterstützung und Bewältigung der Gesundheitskrise den belgischen Staat weitere 14 Milliarden Euro. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das 2020 um 5,7 % gesunken war, erholte sich gleichzeitig um starke 6,1 Prozent. Nach den jüngsten Prognosen der Bank wird das BIP in diesem Jahr noch um 2,6 % und 2023 um 2,4 % wachsen.

Durch den beachtlichen Aufschwung von 2021, die zunehmenden Angebotsengpässe und den Anstieg der Energie- und Rohstoffpreises sei es nicht mehr nötig, die Inlandsnachfrage massiv zu unterstützen. Ein allmählicher und reibungsloser Ausstieg aus der Krisenpolitik sei von entscheidender Bedeutung, um rechtzeitig den Spielraum zu regenerieren, der für die Abfederung künftiger Schocks unerlässlich ist, heißt es im Jahresbericht der Nationalbank. „Die anhaltenden gesundheitlichen Unsicherheiten erschweren jedoch die Bestimmung des wünschenswerten Normalisierungstempos. Einerseits geht es darum, den Aufschwung nicht zu behindern. Andererseits ist es wichtig, das Risiko einer unkoordinierten Reaktion der Finanzmärkte in Bezug auf die Fragilität der öffentlichen Finanzen oder die Geschwindigkeit der geldpolitischen Straffung zu begrenzen.“

Wunsch warnt: „Nach dem Grand Cru 2021 ist die Party vorbei“. Die Regierung sei nicht mehr der Krisenmanager der Corona-Pandemie und müsse zur Strukturpolitik zurückkehren. „Es müssen schwierige Entscheidungen getroffen werden, denn die Zeit des billigen Geldes ist vorbei“.

Wunsch warnt vor zu schneller Energiewende

In Zusammenhang mit der Inflation bzw. der Energiepreisexplosion sprach der Nationalbankchef eine weitere Warnung aus: Wenn der Übergang zu grüner Energie zu schnell erfolge, bestehe die Gefahr einer übermäßigen Preisvolatilität. „Der Übergang sollte 30 Jahre dauern. Wenn es zu schnell geht, werden die Kosten des Übergangs höher sein als nötig. Es gibt bereits erste Anzeichen dafür, dass es Engpässe bei der Finanzierung im Energiesektor gibt, da die Anbieter höhere Preise verlangen, weil es eine Bewegung in der Gesellschaft gibt, die Banken und andere Investoren unter Druck setzt, um nicht mehr in Kohlenstoff zu investieren.“

Laut Schätzungen der Nationalbank sind die derzeitigen Strom- und Gaspreise „höher als das, was wir nach der Umstellung auf grüne Energie in, sagen wir, 30 Jahren erwarten können“. Die Frage sei, „ob wir den Übergang ohne allzu große Volatilität schaffen können“, betonte Wunsch. (gz)

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