Immer mehr Menschen fühlen sich als Krisenopfer

<p>Hält eisern und trotz immer lauter werdender Kritik von Wirtschaftsexperten an ihrem Niederigzinskurs fest: EZB-Chefin Christine Lagarde. Den sozialen Zündstoff dieser Politik sieht sie nicht.</p>
Hält eisern und trotz immer lauter werdender Kritik von Wirtschaftsexperten an ihrem Niederigzinskurs fest: EZB-Chefin Christine Lagarde. Den sozialen Zündstoff dieser Politik sieht sie nicht. | Foto: dpa

Es lohnt sich ein näherer Blick auf die Inflation und ihre Komponenten: Klammert man die Energiepreise aus, liegt die Inflation aktuell bei knapp drei Prozent. Das ist zwar mehr als die angestrebte Marke von zwei Prozent, die sich führende Zentralbanken, allen voran die FED und die EZB, als Inflationsziel vorgegeben haben. Es muss also Entscheidendes bei den Energiepreisen geschehen, damit die Gesamtinflation wieder auf ein erträgliches Maß schrumpft.

Anzeichen für eine Entspannung an den internationalen Energiemärkten sucht man derzeit allerdings vergebens. Der Konflikt an der russisch-ukrainischen Grenze ist weit davon entfernt, gelöst zu werden. Zwar sind aktuell die Kanäle der Diplomatie offen. Wie schnell es aber zu einem Ende des derzeitigen Säbelrasseln kommt, ist offen.

Auch in Saudi-Arabien sowie den anrainenden Staaten und selbst in Norwegen, wo man sich ansonsten gerne fortschrittlich grün gibt, freut man sich über jeden zusätzlichen Petrodollar, der in die Kassen fließt. Viel Reichtum auf dieser Welt ist – Energiewende hin, Klimakrise her – auf dem Energiehunger der „alten Welt“ aufgebaut, dem man jetzt konzertiert zu Leibe rücken will. Zumindest auf dem Papier. Damit würde die Nachfrage nach dem einst „schwarzes Gold“ genannten sinken. Und die Preise auch. Doch davon sind wir aktuell weit entfernt.

Selbst die Staaten, in die Energie teuer importiert werden muss und in denen die Energierechnung nicht selten die Handelsbilanz belastet, profitieren von hohen Energiepreisen. So landet z.B. mehr als die Hälfte des Benzinpreises auch in Belgien im Finanzministerium. Umso unverständlicher ist es, dass die Regierung De Croo wochenlang über einem Kompromiss zur Entlastung der Haushalte brütete. Eine echte Entlastung, die deutlich über die Mehreinnahmen aufgrund der aktuell extrem hohen Energiepreise hinausgegangen wäre, hätte der Regierung ein Stück des Vertrauens zurückgebracht, das sie in der Coronakrise verspielt hat.

Wenn heute die Nationalbank vorrechnet, dass die Gewinne der Unternehmen seit Jahren steigen, wird das nicht zur Beruhigung von immer mehr Menschen beitragen, die sich immer mehr wie Krisenopfer fühlen. Die EZB hat mit ihrer gestrigen Entscheidung, wieder einmal nichts zu tun, sicher nicht zur Entschärfung dieser gefährlichen Gemengelage beigetragen.

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