Mit einem Barometer Krebs zielgenauer bekämpfen

<p>Ein 3D-Modell einer aggressiv wachsenden Krebszelle</p>
Ein 3D-Modell einer aggressiv wachsenden Krebszelle | Illustration: PantherMedia/Michael Osterrieder

Statistisch gesehen, werden in diesem Jahr in Belgien mehr als 70.000 neue Krebsdiagnosen gestellt. Schätzungen zufolge wird diese Zahl bis zum Jahr 2030 auf 80.000 ansteigen. Jedes Jahr sterben in unserem Land etwa 28.000 Menschen an den Folgen der Krankheit. Belgien steht damit an vierter Stelle in der Europäischen Union, was die Krebsinzidenz angeht.

Da Krebs mehr denn je zu einer Priorität für die Volksgesundheit geworden ist, lanciert die Stiftung gegen Krebs ein sogenanntes Krebsbarometer. Zu diesem Zweck hat sie mit dem Krebszentrum des Sciensano-Instituts für Volksgesundheit, der Stiftung Krebsregister und dem Kollegium für Onkologie zusammengearbeitet. Das Barometer analysiert künftige Herausforderungen im Zusammenhang mit der Krankheit und verfolgt Trends bei den Krebserkrankungen in Belgien. Zu diesem Zweck wurden bereits 79 Experten aus 51 Einrichtungen und mehr als 600 Patienten sowie deren Angehörige befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass ein größerer Bedarf an Prävention besteht, da laut Stiftung gegen Krebs rund 40 Prozent der Diagnosen durch einen gesunden Lebensstil vermieden werden könnten. So sollte beispielsweise mehr getan werden, um Raucher bei ihrem Versuch, von der Zigarette abzulassen, zu unterstützen. Auch im Bereich der Vorsorgeuntersuchungen gibt es noch einiges zu tun: Es sei wichtig, mehr Menschen zu ermutigen, sich zum Beispiel auf Brust- oder Darmkrebs untersuchen zu lassen, und es bestehe Bedarf an neuen Untersuchungen, etwa auf Lungen-, Prostata- und Hautkrebs, so der Tenor.

Die Stiftung fordert dazu auf, einen neuen nationalen Krebsplan

zu erarbeiten.

Das Barometer weist zudem darauf hin, dass die Patienten allgemein stärker in die Diagnose- und die Planung der Behandlungsphase einbezogen werden wollen. Auch für die Palliativmedizin werden mehr Kapazitäten und Mittel benötigt, damit sie früher in den Pflegeprozess integriert werden kann. Schließlich zeigt der Bericht, dass es einen großen Bedarf an sozialer Unterstützung und beruflicher Wiedereingliederung für diejenigen gibt, die von Krebs geheilt wurden.

„Ausgehend von den Ergebnissen des belgischen Krebsbarometers und den sich daraus ergebenden Bedürfnissen und Prioritäten möchte die Stiftung gegen Krebs alle Akteure des Gesundheitswesens in Belgien dazu anregen und ermutigen, einen neuen nationalen Krebsplan zu entwickeln“, heißt es weiter.

Und doch überleben bereits heute dank der Fortschritte in Forschung und Medizin viele Krebspatienten. Laut dem Krebsbarometer liegt die Fünf-Jahres-Überlebensrate für alle in Belgien diagnostizierten Krebserkrankungen heute bei 62,6 % bei Männern (+3 % in 10 Jahren) und 71,1 % bei Frauen (+3,5 %). Bei den am weitesten verbreiteten Krebsarten ist sie sogar noch höher: 95,3 % der Männer mit Prostatakrebs und 91,2 % der Frauen mit Brustkrebs sind fünf Jahre nach ihrer Diagnose noch am Leben. Diese Zahlen geben Anlass zur Hoffnung und verdeutlichen die unbestreitbaren Fortschritte, die in den letzten zehn Jahren erzielt wurden.

Wie Pierre Coulie, Professor für Immunologie an der UCLouvain und Präsident der Krebsstiftung, gegenüber der Brüsseler Tageszeitung „Le Soir“ erklärt, habe der Kampf gegen den Krebs dank neuer Techniken und „revolutionärer Behandlungsmethoden“ eine neue Dimension erreicht. So hebt der Mediziner die Immuntherapie hervor, die zunächst bei Menschen mit fortgeschrittenen Melanomen erprobt wurde, einem aggressiven Hautkrebs, der bei seiner Diagnose eine Fünf-Jahres-Überlebenschance von gerade einmal 5 Prozent bot. „Heute nähern wir uns dank der Immuntherapie einer Überlebensrate von 60 Prozent“, so Pierre Coulie. Das Prinzip dieser Behandlung sei revolutionär: Anstatt auf die Krebszellen zu zielen, werde der menschliche Körper dabei unterstützt, sich selbst gegen Tumore zu verteidigen, erklärt der Experte. Das Immunsystem werde gestärkt, insbesondere die tumorhemmenden Lymphozyten (weiße Blutkörperchen), die dann den Krebs bekämpfen.

Aber auch im Bereich der Chemotherapie seien massive Fortschritte gemacht worden, erklärt der Arzt. So würden bei einer gezielten Chemotherapie Medikamente verabreicht, die spezifischer auf die Tumorzellen abzielten, während die übrigen Zellen etwas mehr geschont würden. Man identifiziere in der DNA eines Tumors eine genetische Anomalie, auf die das Medikament ausgelegt sei. Die Behandlung sei demnach personalisiert. Ein technischer Fortschritt, der mit den Fortschritten bei der DNA-Sequenzierung zusammenhänge, die nun schneller und billiger sowie einer großen Zahl von Patienten zugänglich sei.

Bei der Früherkennung sind große Fortschritte erzielt worden.

Ein Schlüssel zu den Fortschritten bei den Behandlungen in den vergangenen Jahren liege zudem in der Früherkennung. Pierre Coulie meint: „Die eingeführten Präventionsmaßnahmen, insbesondere im Hinblick auf Brustkrebs mit Mammografien, haben zwar Zeit gebraucht, zeigen aber ihren ganzen Nutzen bei der frühzeitigen Behandlung von Krankheiten. Leider könnte man die gleiche Wirkung auch bei Darmkrebs erzielen, aber man muss feststellen, dass die Präventionskampagnen nicht Schritt halten.“ An diesem Punkt sind nicht zuletzt Politik und Gesellschaft gefordert. (belga/svm)

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