Im vergangenen Jahr haben sich laut den Organisatoren von „Tournée minérale“ 1,5 Millionen Menschen in Belgien an der Aktion beteiligt und während eines Monats auf den Konsum alkoholischer Getränke verzichtet, heißt es seitens der Organisatoren der Vereinigung Univers Santé, die im Süden des Landes für die Aktion verantwortlich zeichnet. Ziel sei es, dieses Resultat in den kommenden vier Wochen zu steigern, erklärt Direktor Martin de Duve gegenüber der Brüsseler Tageszeitung „Le Soir“. Der Projektinitiator zeigt sich dabei weiterhin besorgt über das Niveau des Alkoholkonsums in Belgien. Laut Weltgesundheitsorganisation liegt Belgien mit 12,1 Litern Alkohol pro Kopf weit über dem europäischen Jahresdurchschnitt, der 9,8 Liter beträgt.
Der Fokus der Aktion liegt in diesem Jahr vor allem auf der Altersgruppe der Über-55-Jährigen. Wie die Organisationen mitteilen, sei Alkoholkonsum gerade bei Menschen zwischen 55 und 75 Jahren sehr schädlich. Eine von sechs Personen in dieser Altersgruppe trinkt Statistiken zufolge täglich Alkohol. Jeder Fünfte zwischen 55 und 65 Jahren trinkt mehr als zehn alkoholische Getränke pro Woche. In den Augen der Organisatoren ein Grund zur Sorge, denn in fortgeschrittenem Alter seien die gesundheitlichen Folgen schwerwiegender, schließlich würde der Körper den Alkohol in diesem Fall schlechter abbauen können.
Doch auch die jüngeren Jahrgänge sollen während der diesjährigen Aktion nicht vergessen werden. Aus diesem Grund setzen die Organisatoren neben Radio und TV-Werbung vermehrt auf Kampagnen in den sozialen Medien. Mit dem Hashtag #challengetespotes („fordere deine Kumpel heraus“) soll auf „Tournée minérale“ aufmerksam gemacht und gleichzeitig ein Gefühl der Gemeinsamkeit hergestellt werden. „Wenn man seine Familie und Freunde anregt, wird man nur noch motivierter“, erklärt Martin de Duve in diesem Zusammenhang.
Großteil der Teilnehmer gab eine positive Wirkung zu Protokoll.
Im letzten Jahr gaben neun von zehn Teilnehmern an, dass sie nach ihrer „Kur“ mindestens eine positive Wirkung verspürten. Das geht aus einer Studie der Universität Gent hervor. So hätten zahlreiche Personen angegeben, mehr Energie zu haben, besser zu schlafen und Geld zu sparen. Kein Wunder: Schließlich gibt jeder Belgier im Schnitt 462 Euro pro Jahr für alkoholische Getränke aus. Weitere Vorteile, auf die Studienteilnehmer hinwiesen, seien eine schönere Haut und die Aufnahme weniger Kalorien.
„Die Idee ist, ein gesünderes Verhältnis zum Alkohol zu finden“, erklärt denn auch Martin de Duve. „Nicht das Produkt ist das Problem, sondern der übermäßige Konsum“. Mit durchschnittlich mehr als 12 Litern reinem Alkohol pro Jahr „trinken noch zu viel“. Zudem weist er darauf hin, dass übermäßiger beziehungsweise schädlicher Alkoholkonsum etwa 10,5 Prozent der Todesfälle in Belgien verursache, was etwa 10.000 Sterbefällen pro Jahr entspreche.
„Sechs Monate nach dem Ende der Challenge haben die Teilnehmer und Teilnehmerinnen ihren Konsum um 20 Prozent reduziert. Das zeigt, dass Tournée minérale das Verhalten auch noch mittelfristig verändert“, hebt der Organisator hinterher. Die Aktion sei also eine Gelegenheit, „sich eine Atempause zu gönnen und seinen Konsum zu hinterfragen, und das zu einem Zeitpunkt, an dem der soziale Druck nachlässt“. Nach den Feiertagen „fällt es im Februar leichter, Nein zu einem Glas Alkohol zu sagen“, so der Direktor von Univers Santé.
Generell ist auch ein Einfluss der Coronakrise auf das Trinkverhalten der Menschen im Land erkennbar. Eine Studie von Pierre Maurage, Forscher für Neuropsychologie an der Universität Löwen, in Zusammenarbeit mit Univers Santé hatte offengelegt, dass zwar 38,3 Prozent der repräsentativen Bevölkerungsstichprobe (7.711 Teilnehmer), die von April bis Juli 2020 befragt wurden, ihren Konsum stabil hielten. 30,3 Prozent der Befragten gaben an, ihren Konsum verringert zu haben. Immerhin 31,7 Prozent der Teilnehmer meinten jedoch, aufgrund des durch die Gesundheitskrise erzeugten Stresses mehr getrunken zu haben.
Pandemie ließ Einkäufe alkoholischer Getränke in die Höhe schnellen.
Ein weiteres Indiz für den Einfluss der Pandemie auf das Trinkverhalten der Belgier liefern Statistiken des Marktforschungsinstituts GfK. So sind die Einkäufe von alkoholischen Getränken im Handel im Jahr 2020 förmlich explodiert. Berechnungen zufolge lagen die 424.872.000 Liter an Bier, Wein und anderen alkoholhaltigen Getränken etwa 15 Prozent über dem Wert von 2019. Im vergangenen Jahr ist diese Menge zwar um drei Prozent zurückgegangen. Ungeachtet der Einschränkungen im Horeca-Sektor, die den Konsum von Alkohol in den eigenen vier Wänden befeuert haben dürfte, sind dies immer noch ganze 10,6 Prozent mehr als im Jahr 2019. (svm)
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