Die große Knappheit auf dem Arbeitsmarkt veranlasst immer mehr Unternehmen, ihre traditionelle Einstellungspolitik zu überdenken und den wenigen Bewerbern zusätzliche Arbeitsplatzsicherheit zu bieten.
Ende letzten Jahres kündigte beispielsweise Volvo Cars an, Zeitarbeitnehmern künftig automatisch einen Monatsvertrag statt des bisher üblichen Wochenvertrags anbieten wird. Mit länger laufenden Flex-Verträgen hofft der Genter Autobauer, sich im „War for Talents“ (Kampf um die besten Nachwuchskräfte) von den anderen Industrieunternehmen in der Gegend abzusetzen. Weil Volvo die Produktion seiner Elektroautos erhöhen will, hat der Autobauer die Zeitarbeitsfirma Randstad mit der Suche nach 500 neuen Mitarbeitern beauftragt - mit befristeten und unbefristeten Verträgen. Neben Monatsverträgen wird Volvo Cars auch schneller unbefristete Verträge an diejenigen vergeben, „die ihren Mehrwert in der Werkstatt bewiesen haben“. Auch in den Nachbarländern gibt es Arbeitgeber, die ihren Ansatz ändern. So wird beispielsweise der Gepäckabfertiger Swissport, klassischerweise ein großer Nutzer von Flexjobs, mehr als hundert seiner Zeitarbeitskräfte am niederländischen Flughafen Schiphol einen unbefristeten Vertrag anbieten. Außerdem wird allen Neueinsteigern, die zwischen dem 1. Februar und dem 1. Juli dieses Jahres in Schiphol anfangen, nach ihrer zweimonatigen Probezeit ein unbefristeter Vertrag angeboten.
Auch die belgischen KMU haben diese Botschaft verstanden, wie aus dem halbjährlichen KMU-Beschäftigungsbarometer des Personaldienstleisters Acerta hervorgeht. Im Dezember letzten Jahres gaben 45 Prozent der KMU an, dass Neueinstellungen anstehen. Gleichzeitig befürchteten 83 Prozent, „keine geeigneten Mitarbeiter finden zu können“, und jeder Fünfte zog sogar in Betracht, dass das eigene Personal zur Konkurrenz wechseln könnte.
In einem solchen Klima reichen befristete Verträge nicht aus, um Bewerber anzuziehen. Nach Angaben von Acerta bieten die KMU daher in 80 Prozent der erwarteten Einstellungen einen unbefristeten Vertrag an. Die Zahl der neuen unbefristeten Verträge, die von belgischen Unternehmen seit der zweiten Jahreshälfte 2021 abgeschlossen wurden, ist höher als vor der Corona-Pandemie im Jahr 2019. „Dass 80 Prozent der Verträge unbefristet sind, sagt alles über das Ausmaß der Anspannung auf dem Arbeitsmarkt aus“, meint Jan Denys, Arbeitsmarktexperte und Sprecher von Randstad Belgien, gegenüber der Tageszeitung „De Standaard“. „Junge Arbeitssuchende sehen einen befristeten Vertrag immer noch als (ersten) Schritt in ihrer Berufslaufbahn. Mit befristeten Verträgen können Sie jedoch keine erfahrenen Mitarbeiter von anderen Unternehmen abwerben. Niemand verlässt einen festen Arbeitsplatz, um anderswo einen zeitlich befristeten Vertrag zu bekommen. Die berufliche Mobilität ist besonders hoch bei hochqualifizierten Arbeitnehmern und bei stark nachgefragten Berufsprofilen. In diesem wirtschaftlichen Aufschwung ist es wahrscheinlicher, dass sie ihren Arbeitsplatz aufgeben und zu einem neuen Arbeitgeber wechseln. Natürlich mit einem unbefristeten Vertrag.“
Jan Denys betont ebenfalls, dass auch kurzfristige Verträge weiterhin ihre Bedeutung behalten. Sicherlich jetzt, um den Ausfall von Personal wegen der Coronakrise zu kompensieren. Er rechnet jedoch damit, dass viele Zeitarbeiter nach einiger Zeit einen unbefristeten Vertrag erhalten werden. (gz)
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