Heftige Regenfälle halten Eupener Land in Atem - Häuser werden evakuiert

<p>Persönliche Dramen haben sich am Mittwoch abgespielt: In der Burgstraße ist ein Wohnhaus geflutet worden.</p>
Persönliche Dramen haben sich am Mittwoch abgespielt: In der Burgstraße ist ein Wohnhaus geflutet worden. | Fotos: Ralf Schaus

In der Burgstraße in Raeren steht am Mittwochmorgen eine junge Frau, nass bis auf die Knochen, vor einem Haus wadentief in brauner Brühe. Die Haare kleben strähnig an ihrer Stirn, von ihrer Nasenspitze tropft es. Ob sie sich des Ausmaßes der Katastrophe bewusst ist, lässt sich nicht erahnen – sie funktioniert. Ein Feuerwehrmann gibt unbeirrt Anweisungen, die sie und andere Umstehende befolgen, während eine Pumpe glucksend ihren Dienst tut.

Von allen Seiten scheint das Wasser zu kommen. Im Erdgeschoss steht es bereits mehrere Zentimeter hoch. Seitlich des Hauses, das in unmittelbarer Nähe zum Periolbach etwas abschüssig zur Straße liegt, haben sich die enormen Wassermassen in einen reißenden Fluss verwandelt und das gesamte Grundstück geflutet.

Nachbarn eilen herbei, um mit anzupacken. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt einer. Seine gelben Gummistiefel sind randvoll gelaufen. Vor einer halben Stunde sei hier noch alles in Ordnung gewesen. „Und jetzt das“, sagt er beinahe ungläubig.

<p>In der Hauptstraße in Raeren ist die Iter über ihre Ufer getreten.</p>
In der Hauptstraße in Raeren ist die Iter über ihre Ufer getreten.

Ein halbes Dutzend Feuerwehrleute sind an diesem Mittwochvormittag alleine in der Burgstraße im Einsatz. Sie haben eine Kette gebildet und hieven Sandsäcke zum Haus. Vor der Haustüre stapeln sie sich bereits. „Die sind heute echt Gold wert“, raunt einer der Feuerwehrmänner. Nichtsdestotrotz scheinen alle Bemühungen, der Wassermassen Herr zu werden, vergebens.

Auch Schaulustige sind gekommen. Ein Mann mit Regenschirm sorgt sich derweil um den Periolbach, dessen Wasser gefährlich hoch gestiegen ist. „All die Wassermassen müssen da hindurch“, sagt er und zeigt auf die Rundbogen-Brücke, die kaum noch zu sehen ist, so hoch reicht der Bach. „Wenn das so weiter geht, wird es bald einen Rückstau geben und das Wasser zu allen Seiten hin die Umgebung fluten“, befürchtet der ältere Herr.

Währenddessen regnet es unaufhörlich und es sieht nicht danach aus, als würde sich das allzu schnell ändern. Auch die Hauptstraße ist inzwischen gesperrt: Im Tal ist die Iter über die Ufer getreten und hat die Fahrbahn geflutet. Raerens Bürgermeister Jérôme Franssen (CSL) ist über die aktuelle Lage bestens im Bilde: „Entlang der Iter und des Periolbachs gibt es stellenweise extreme Überschwemmungen“, bestätigt er. Neben der Burgstraße seien vor allem Bach-, Haupt- und Bahnhofstraße betroffen. Allerorts ist die Feuerwehr unaufhörlich im Einsatz, um Wasser aus vollgelaufenen Kellern abzupumpen – auch in anderen Gemeinden. Allein bis Mittwochmorgen, 10 Uhr, hat René Schoonbrood, Offizier der Hilfeleistungszone DG, 14 Einsätze gezählt. Zahlreiche weitere sind im Laufe des Tages noch hinzugekommen.

„Die Feuerwehr kommt kaum hinterher“, weiß der Unternehmer Freddy Schins, der den Einsatzkräften mit vier Pumpfahrzeugen, die eigentlich zur Entleerung von Klärgruben genutzt werden, zur Hilfe geeilt ist und nun schon seit Stunden einen Keller nach dem nächsten entleert.

„Es regnet!“, antwortet indes Eupens Bürgermeisterin Claudia Niessen (Ecolo) auf die Frage nach der wettertechnischen Situation in Eupen am Mittwochmittag. Die anhaltenden Regenfälle sorgen auch in der Weserstadt für zahlreiche Feuerwehreinsätze. In einer Krisensitzung mit Feuerwehr und Polizei seien mittags „alle neuralgischen Punkte“ besprochen worden. „Es sieht noch einigermaßen gut aus in Eupen“, so ihre Einschätzung zu dem Zeitpunkt. Aber das war nur eine Momentaufnahme. Kurz darauf gab es in mehreren Straßen in Eupen kein Durchkommen mehr. Die gesamte Unterstadt, sowie die Oberstädter Innenstadt wurden für den Durchgangsverkehr gesperrt.

Foto: Ralf Schaus

Aus der Eupener Talsperre musste Wasser abgelassen werden (rund 43 Kubikmeter pro Sekunde), weil sie an ihre obere Kapazitätsgrenze heranreichte. Ein Drahtseilakt: Einerseits muss die Talsperre entlastet werden, andererseits dürfen die Flussläufe nicht zusätzlich zu sehr belastet werden. „Der Pegelstand der Weser ist innerhalb der letzten sechs Stunden immerhin um 49 Zentimeter angestiegen“, so die Bürgermeisterin Claudia Niessen. Auch das Wetzlarbad wurde vorsorglich geschlossen, die RZKB-Kinderkrippe sowie mehrere Straßenzüge in der Unterstadt auf Anweisung des Gouverneurs evakuiert. Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen und fanden bei Bedarf Unterschlupf in Notunterkünften.

In Kelmis sah es nicht viel besser aus, als in den anderen Nord-Gemeinden der DG. An der Rochuskapelle stieg das Wasser aus dem Flussbett der Göhl, sodass es schien, als bekäme der Heilige nasse Füße. Bürgermeister Luc Frank (CSP) fühlte mit den betroffenen Anwohnern, die evakuiert werden mussten. Erst 2016 waren die umliegenden Häuser schon einmal nach heftigen Regengüssen überschwemmt worden. „Aber ich kann mich nicht erinnern, dass es schon einmal so heftig war“, erklärte Luc Frank. Auch die nahe gelegenen Außenplätze des Country Tennis Club waren überflutet. An der Asteneter Straße in Hergenrath unterspülte das Wasser den Asphalt und hob ihn rund einen halben Meter an. Zahlreiche Keller auf dem gesamten Gemeindegebiet standen unter Wasser.

In Lontzen spricht Bürgermeister Patrick Thevissen (Energie) am Mittwochnachmittag von einer „besorgniserregenden Situation“: „Wir sind in Alarmbereitschaft“, sagt er. Denn im Zentrum von Lontzen haben sich, unterhalb der Hubertushalle, große Wassermengen angesammelt, ebenso am Chateau Thor in Astenet. Auch in der Straße „Am Bach“ drohen Überschwemmungen, sollte der Bach weiter anschwellen. Vorsorglich seien Sandsäcke an Bürger verteilt worden, deren Häuser besonders gefährdet sind. Über allem steht aber die Hoffnung, dass es so bald wie möglich zu regnen aufhört. (sue/nawi)

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