Kurt von der Lahrs Vater war bereits vor dem Zweiten Weltkrieg ein bekannter Heizungsinstallateur und Geschäftsmann. Einen Neuanfang wagte die Familie mit einem kleinen Textilhandel in einer kleinen Baracke des Behelfsheims.
„Es war zwar nur ein Provisorium, doch diese Baracken zeigten den unbändigen Willen zum Neuanfang“, so die Geschichtsschreibung. Das Geld und auch die Rohstoffe waren knapp, sodass viele Menschen kreativ sein mussten um zu überleben. Mutter Yvonne Gallot spezialisierte sich in der Nachkriegszeit auf den Verkauf von Stoffen. „Meine Mutter hatte das gut erkannt, denn nach den Entbehrungen der Kriegszeiten hatten viele Menschen den Wunsch, etwas Neues zu schneidern. Dazu wurden dann Stoffe aus unserem Laden benötigt“, so Kurt Von der Lahr.
Dem Namen Unic auch nach dessen Übernahme treu geblieben.
Erst einige Jahre später, in den 1950er Jahren, bezog die Familie in der Bleichstraße ihr neues Geschäftslokal. „Meine Eltern gehörten zu den ersten sechs bis sieben Geschäften in Belgien, die sich der neu gegründeten Unic-Kette anschlossen. Es handelte sich hier um eine Einkaufszentrale ohne jeglichen Franchise-Zwang“, bemerkt Kurt Von der Lahr. In all den Jahren blieb das Geschäft ein reines Familienunternehmen. „Ich wollte immer frei sein und meine geschäftlichen Entscheidungen selber treffen. Daher habe ich mich auch immer wieder erfolgreich gegen das Franchising-Modell gewehrt, wollte ich doch in meinem Laden mein eigener Chef bleiben.“
In den 1960er Jahren wurde ein erneuter Standortwechsel notwendig, da das Geschäft in der Bleichstraße schier aus allen Nähten zu platzen drohte. In der Mühlenbachstraße fand die Familie von der Lahr eine geeignete Stelle, um wirtschaftlich weiter zu expandieren. Auch hier blieb man der Einkaufszentrale Unic treu und avancierte neben dem Nopri zu einem der großen Geschäftshäuser in St.Vith. „Das waren wirklich schöne Zeiten, mussten wir als Familie doch selbst Hand anlegen und unser Geschäft aufbauen. Dadurch haben wir uns auch immer wieder mit unserem Unternehmen identifiziert, ja es war und ist quasi ein Teil von uns und unserer Familie“, so Marly Von der Lahr, die zusammen mit ihrem Mann seit über 40 Jahren für den Unic unternehmerisch verantwortlich zeichnet.
Als Unic 1997 von den anderen Großen der Branche, GB, Nopri und später sogar Carrefour geschluckt wurde, verweigerte sich Kurt von der Lahr weiterhin jeglichen Franchising-Plänen der neuen Unternehmensgruppe.
„Wir beschlossen einfach, nicht mitzumachen und haben kurzerhand den Namen Unic, der sich bei der Bevölkerung ja eingebürgert hatte, beibehalten. Wir hatten schon einen Plan B, falls die neue Gruppierung uns die Beibehaltung unseres Namens nicht erlaubt hätte. Aus Unic wäre in diesem Fall einfach ,Unik’ geworden“, lacht Kurt Von der Lahr. Der Einzelkämpfer unter den Einzelhändlern schloss sich der Firma Lambrechts aus Tongeren und der Spar-Philosophie an.
Über die Regional- und Landesgrenzen hinaus bekannt sind sicherlich die hausgemachten Sahneheringe nach einem Spezialrezept der Familie Von der Lahr. „Vor allem rund um Karneval gab es immer wieder einen wahren Ansturm auf unsere Heringe. Es gab Jahre, in denen wir über 20.000 Stück verkauften. Selbst Kunden aus Brüssel wussten diese Fischspezialität zu schätzen.“ Auf Regionalität setzte die Familie Von der Lahr bereits sehr früh, denn Honig aus eigenem Anbau gibt es im Unic bereits seit über 35 Jahren. „Wir legten immer großen Wert auf Qualität. So haben wir sogar einmal eigene Kartoffeln angebaut, mussten aber leider feststellen, dass wir mit unserem damals bescheidenden Maschinenpark an unsere Grenzen stießen.“
In all den Jahren seit Gründung des Unic habe man exzellent gewirtschaftet und nie Schwierigkeiten gehabt: „Die Kundenbindung war für uns entscheidend. Gerade dieser freundliche Kontakt hat uns immer wieder neue Kunden beschert, sodass wir trotz der wachsenden Konkurrenz nie zu klagen hatten.“
Kleine Gesten von Kunden, die bei der Geschäftsaufgabe Blumen oder Pralinen als Dankeschön für die vielen Jahre vorbeibringen, haben das Unternehmerehepaar sehr berührt. „Es ist einfach toll, dass viele Menschen mit uns fühlen und uns für die kleinen Hilfestellungen beim Einkauf oder für den kleinen Plausch am Rande auf diese Art und Weise danken“, so Marly Von der Lahr weiter.
Vor nunmehr zwei Jahren reifte der Entschluss, die Geschäftstätigkeit endgültig einzustellen. „Unsere beiden Töchter haben kein Interesse an der Fortführung unseres Geschäftes gezeigt, sodass dieser harte Schnitt nicht ausbleiben konnte. Unsere beiden Enkel sind hingegen noch viel zu jung. Wir werden halt auch nicht jünger und die immer größer werdende Bürokratie mit der einhergehenden Digitalisierung macht die Arbeit auch nicht leichter. Ich bin seit meinem 14. Lebensjahr hier im Geschäft und ich denke, dass ich mit nunmehr 68 Jahren in meinen wohl verdienten Ruhestand eintreten darf“, erklärt Kurt Von der Lahr. Zu einem der Erfolgsgeheimnisse auch auf geschäftlicher Ebene nennt das Ehepaar das „ständige Zusammensein“. „Ja, das stimmt. Meine Frau und ich haben immer alles gemeinsam unternommen. Neben der Arbeit haben wir sogar unsere Hobbys, die Jagd, das Angeln und die Bienenzucht, stets gemeinsam gelebt. Dadurch sind wir seit mittlerweile 44 Jahren ein eingespieltes Team, das es sich jetzt im Ruhestand mal gut ergehen lässt“.
Damit der Ruhestand auch so angenehm wie möglich verläuft, investiert die Familie Von der Lahr in ihr Eigenheim in Rödgen. „Wir wohnen inmitten der Natur, quasi wie im Paradies. Unser Haus haben wir komplett entkernt und alles neu eingerichtet. Hier werden wir unter anderem auch an unserem Fischweiher die Seele so richtig baumeln lassen.“
Die benachbarte Familie Schütz hat das Gebäude gekauft.
Neben dem Naturgenuss an der Our möchte Kurt Von der Lahr seine Gattin Marly auch weiterhin mit hausgemachter Kulinarik verwöhnen. „Ich besitze ein eigenes Räucherhäuschen und stelle eigene Wurst-, Speck- und Schinkenspezialitäten her. Mit meiner kleinen Spaltmaschine und meinen beiden Traktoren kümmere ich mich zudem um das notwendige Brennholz.“
Das Ehepaar möchte den Ruhestand auch noch dazu nutzen, die Welt zu bereisen. „Bislang konnten wir nur diverse Kurzreisen unternehmen, das wird jetzt anders. Vielleicht kann ich meine Frau ja auch noch zu einer mehrmonatigen Kreuzfahrt überreden?“
Die Unic-Immobilie wurde an die direkten Nachbarn, die Familie Schütz, verkauft. Es laufen derzeit intensive und ernstzunehmende Bestrebungen, ein neues Lebensmittelgeschäft im Zentrum St.Vith anzusiedeln. „Wir stehen mit einem Interessenten in direktem Kontakt und die Gespräche sind zuversichtlich und durchaus positiv. Mein und unser Ziel ist es, in der Mühlenbachstraße auch in Zukunft ein Lebensmittelgeschäft zu haben. Wo Geschäfte sind, herrscht auch Leben, so unsere Philosophie“, erklärte Jochen Schütz auf Nachfrage.




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