Auch für die anderen Bündnispartner hat er weitreichende Konsequenzen. Kann verhindert werden, dass der Tod von mehreren Tausend NATO-Soldaten nicht völlig umsonst war? Fragen und Antworten im Überblick:
Bis wann soll der Abzug erfolgen?
Biden hat einen Abzug aller US-Soldaten bis spätestens zum 11. September beschlossen. Beginnen soll er noch vor dem 1. Mai. Die anderen Partner dürften diesem Zeitplan folgen.
Warum trifft Biden diese Entscheidung?
Der US-Präsident hat versprochen, die „ewigen Kriege in Afghanistan und im Nahen Osten“ zu beenden. In keinen Krieg waren die USA länger verstrickt als in den Konflikt am Hindukusch. Die neue Regierung in Washington argumentiert, dass das Ziel des Einsatzes erreicht sei - Afghanistan könne nun nicht wieder ein Rückzugsort für Terroristen werden, die NATO-Länder angreifen können. „Gemeinsam haben wir die Ziele erreicht, die wir uns gesetzt haben“, erklärte Außenminister Antony Blinken. „Jetzt ist es an der Zeit, unsere Truppen nach Hause zu bringen.“
Warum wurde der 11. September als Termin gewählt?
Das ist ein hoch symbolisches Datum: Dann jähren sich die Terroranschläge von New York und Washington zum 20. Mal, die Auslöser des US-geführten Militäreinsatzes in Afghanistan waren. Der Krieg begann im Oktober 2001. Bald darauf stürzte das Taliban-Regime, das sich geweigert hatte, den Chef des Terrornetzwerks Al-Kaida, Osama bin Laden, auszuliefern. Bin Laden wurde im Mai 2011 von einem US-Spezialkommando in Pakistan getötet.
Welche Risiken birgt Bidens Entscheidung?
Als Horrorszenario gilt, dass die Taliban nach einem Abzug mit Waffengewalt wieder die Macht übernehmen könnten. Für die junge Demokratie bedeutete eine solche Entwicklung mit großer Sicherheit das Aus. Zudem dürfte es dann zu Rückschritten bei Frauenrechten, Meinungs- und Medienfreiheit kommen. Aus Washington heißt es dazu, die USA würden gemeinsam mit der internationalen Gemeinschaft alles unternehmen, um diese Errungenschaften zu schützen. „Aber unsere Ansicht ist, dass dies durch aggressive diplomatische, humanitäre und wirtschaftliche Maßnahmen geschehen muss, nicht durch die Fortsetzung des US-Kriegs in Afghanistan.“
Wieso stellt Biden keine Bedingungen?
Die US-Regierung argumentiert, dass ein Abzug, der an Bedingungen geknüpft ist, letztlich dazu führt, dass die Truppen doch im Land bleiben. Ein hoher Regierungsvertreter sagte dazu: „Der Präsident hat entschieden, dass ein auf Bedingungen basierender Ansatz, der der Ansatz der vergangenen zwei Jahrzehnte war, ein Rezept für einen ewigen Verbleib in Afghanistan ist.“
Hatte die neue US-Regierung nicht versprochen, dass sie sich eng mit den Partnern abstimmen will?
Ja. Aber das bedeutete offensichtlich nicht, dass sie den Alliierten ein Mitspracherecht einräumen wollte. Nach Angaben aus NATO-Kreisen hat die Biden-Regierung die Partner zumindest intensiv konsultiert. Das war unter der Regierung von Donald Trump nicht üblich.
Wie viele internationale Truppen sind noch in Afghanistan?
Zuletzt waren noch rund 10.000 Soldaten aus Nato-Ländern und Partnernationen in Afghanistan, um die demokratisch gewählte Regierung durch Ausbildung und Beratung von Sicherheitskräften zu unterstützen. Mehr als 2.300 US-Soldaten kamen in Afghanistan zu Tode, rund 1.900 davon gewaltsam.
Wo steht der afghanische Friedensprozess?
Seit September laufen Friedensgespräche zwischen Regierung und Taliban in Doha. Allerdings kamen die Verhandlungsteams über Verfahrensfragen bisher nicht hinaus. Die USA versuchen, den Prozess mit mehreren Initiativen zu beschleunigen. Eine davon ist eine Konferenz in Istanbul, die am 24. April beginnen sollte. Als Reaktion auf die neuen US-Pläne schlossen die Taliban am Dienstag ihre Teilnahme aber aus. Sie erklärten, erst nach einem vollständigen Abzug dazu bereit zu sein und bestehen auf dem ursprünglich vereinbarten Termin, dem 1. Mai.
Können die afghanischen Sicherheitskräfte ohne die internationalen Truppen bestehen?
Vor allem Spezialkräfte und Luftwaffe haben in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Allerdings gibt es weiterhin in vielen Bereichen Defizite. Afghanische Militärs und Sicherheitsbeamte sind insgesamt zuversichtlich, die jetzt kontrollierten Gebiete halten zu können - solange Armee, Polizei und Geheimdienst zumindest finanziell weiter vom Ausland unterstützt werden. Etwas anders sehen das die ausländischen Partner, die die Streitkräfte ausgebildet haben. Im kürzlich veröffentlichten Jahresbericht der US-Geheimdienste zur allgemeinen Bedrohungslage hieß es unter anderem, Kabul werde es ohne ausländische Truppen schwerfallen, „die Taliban in Schach zu halten“. Die Taliban würden wahrscheinlich militärische Siege erzielen. (dpa/sc)

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