Mathias Cormann: „Ich habe immer an meine Chance geglaubt“

<p>Mathias Cormann: „Ich habe immer an meine Chance geglaubt“</p>
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Ihr Erfolg wird in vielen Medien als „überraschend“ gewertet. Wie überraschend war das Ergebnis am vergangenen Freitag für Sie?


Ich habe immer daran geglaubt, dass wir ein attraktives Angebot für die OECD-Mitglieder haben und dass es einen Weg zum Erfolg gibt. Ich habe mich dabei auch nicht von den vielen Kommentaren ablenken lassen. Ich habe einfach weiter daran gearbeitet, unseren Plan umzusetzen. Und natürlich freue ich mich jetzt, dass wir am Ende die nötige Unterstützung erhalten haben.


Wie fielen die Reaktionen aus, die nach der Wahl bei Ihnen eingingen?


Wir haben eine Menge Glückwünsche und Angebote zur Zusammenarbeit aus aller Welt erhalten – auch von Regierungen, die andere Kandidatinnen und Kandidaten unterstützt haben. Das Auswahlverfahren ist ja jetzt zu Ende – und wir freuen uns darauf, gemeinsam die vielen wichtigen Aufgaben anzugehen, die vor uns liegen.


Das Auswahlverfahren hat sich über mehrere Monate hinweg gezogen. Waren Sie zu jedem Zeitpunkt von dem Erfolg Ihrer Bewerbung überzeugt?


Ich habe immer an meine Chance geglaubt, sie aber keineswegs als selbstverständlich erachtet. Am Ende hatte ich mehr als 200 Einzelgespräche mit Regierungschefs, Ministern, Botschaftern und hochrangigen Beamten aus der ganzen Welt. Wir haben bis zum Schluss des Auswahlprozesses mit vielen Regierungen in enger Verbindung gestanden.


Kurz vor der Zielgeraden übten Umweltaktivisten noch einmal starke Kritik an der australischen Klimapolitik. Fanden Sie die Kritik gerechtfertigt?


Nein, aber das Gute an dem Auswahlverfahren war ja, dass wenn ein bestimmtes Thema aufkam, die Möglichkeit bestand, beides – Australiens wie auch meine persönliche Position – zu erklären und zu erläutern, was meine Pläne sein würden, wenn ich denn zum nächsten OECD-Generalsekretär gewählt würde.


Was hat in Ihren Augen im Schlussspurt den Ausschlag zu Ihren Gunsten gegeben. Beobachter gehen davon aus, dass die Unterstützung der USA nicht unerheblich war.


Jedes Land hatte – unabhängig von seiner Größe – eine Stimme. Um erfolgreich zu sein, mussten wir uns die größtmögliche Unterstützung und Akzeptanz von allen Ländern sichern, die zunächst andere Kandidaten bevorzugt hatten.


Das deutsche Manager Magazin titelte wenige Stunden vor der Wahl: „Kaum eine Chance – aber er nutzt sie.“ Haben Sie dies auch so gesehen?


Wir hatten immer eine Chance, aber es ist natürlich richtig, dass es in einer Organisation, in der 26 von 37 Mitgliedsländern europäisch sind, es für einen von außerhalb Europas nominierten Kandidaten schwieriger ist, Fuß zu fassen. Ich war immer zuversichtlich, dass ich in allen wichtigen Fragen, einschließlich der Klimafrage, eine starke und glaubwürdige Position vertreten habe, die letztendlich der kritischen Überprüfung durch die OECD-Mitgliedsregierungen standhalten würde.


Worauf kam es für Sie in den letzten Tagen vor der Entscheidung vor allem an?


Es war wichtig, an der Unterstützung festzuhalten, die wir uns zuvor gesichert hatten. Dazu gehörten der regelmäßige Kontakt und vor allem die Flexibilität, bis zuletzt Last-Minute-Fragen zu beantworten.


Hat Ihre belgische Vergangenheit Ihnen im diplomatischen Tauziehen stark geholfen?


Meine belgisch-europäische Herkunft bildete für viele mit Sicherheit einen wichtigen Teil ihrer Erwägungen. Ich bin davon überzeugt, dass sowohl meine europäische Abstammung als auch meine asiatisch-pazifischen Erfahrungen und Netzwerke für die OECD von Nutzen sein werden, insbesondere in der Zeit, die nun vor uns liegt.


Wie bedeutend waren die persönlichen Gespräche zum Jahreswechsel in zahlreichen OECD-Ländern, um den Chefsessel im Schloss La Muette im Pariser Stadtteil Passy zu erobern?


Unglaublich wichtig. Man kann heutzutage sicher viel über Zoom oder WebEx besprechen, aber letzten Endes sind persönliche Gespräche unersetzlich, um solide und vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen.


Wie wichtig ist dieser diplomatische Erfolg für Australien?


In Australien haben sowohl die Bundesregierung als auch die Opposition meine Nominierung unterstützt. Die sozialdemokratische Landesregierung in meinem Heimatstaat hat mich auch international stark unterstützt. Australien bewirbt sich sehr selten für derartige Positionen. Von daher geht es hierbei keinesfalls alleine um mich, sondern um die Anerkennung von Australiens Leistung und Beitrag für den Rest der Welt. Und das wird in Australien sicherlich sehr geschätzt.


Am 1. Juni treten Sie in der französischen Hauptstadt Ihren Dienst an. Werden Ihre Frau und die beiden Töchter Sie bei der Rückkehr nach Europa begleiten?


Ja, aber ich werde schon vor meiner Familie nach Paris aufbrechen müssen. Meine Frau Hayley hat ein Rechtsanwaltsbüro in Perth mit vielen beruflichen Verantwortlichkeiten gegenüber ihren Klienten. Und dann ist da natürlich die Schulsituation unserer beiden Kinder. Wir erörtern derzeit die besten zeitlichen Optionen für die Familie, mir nach Paris zu folgen. Hoffentlich erfolgt dieser Schritt dann zum Ende des Jahres hin.

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