Hans-Günter Beckers Ehefrau steht in Hut und Mantel bereit, als das Telefon ihres Mannes schon wieder klingelt. Eigentlich wollen beide einen Einkauf erledigen, doch das muss warten. Denn Becker, den alle nur „Atze“ nennen, ist seit Wochen ein viel gefragter Mann.
In der Saison 1965/66 war er Kapitän von Tasmania Berlin, der schlechtesten Mannschaft in der Geschichte der Fußball-Bundesliga. 31 Spiele hintereinander blieben die „Tasmanen“ damals ohne Sieg, vermeintlich ein Rekord für die Ewigkeit, der nun doch mehr denn je auf der Kippe steht. Gewinnt Schalke 04 am kommenden Samstag auch das Spiel gegen die TSG Hoffenheim (15.30 Uhr/Sky) nicht, ist der historische Wert egalisiert. So oder so – Becker ist froh, wenn sich der Trubel am Wochenende endlich legt. „Letztendlich ist auch eine gewisse Belastung da“, sagte der 82-Jährige angesichts zahlreicher Telefonate und Interviews.
Erzählt hat Becker viel über diese ganz besondere Saison aus der Anfangszeit der Bundesliga. Das erste Heimspiel gegen den Karlsruher SC gewann Tasmania vor über 80.000 Zuschauern im Olympiastadion noch überraschend 2:0, dann folgte ein beispielloser Absturz des kaum bundesligatauglichen Kaders. „Es war ein Himmelfahrtskommando“, sagte Becker. Nur zwei Siege holte Tasmania am Ende, 108 Gegentore bedeuten einen weiteren Bundesliga-Negativrekord.
Schalke (39 Gegentore nach 14 Spielen) wird diesen sehr wahrscheinlich nicht brechen. Was die Sieglos-Serie betrifft, ist sich Becker nicht ganz sicher. „Es macht derzeit wenig Hoffnung“, sagte er, „aber die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Becker fühlt mit den Königsblauen, nicht nur, weil er den Rekord gerne behalten würde. Das drückende Gefühl des anhaltenden sportlichen Misserfolgs ist ihm bestens bekannt. „Ich weiß aus Erfahrung um diese Belastung, die auf den Spielern lastet“, sagte Becker: „Ich würde es den Schalkern wirklich von Herzen gönnen, dass sie sagen: 'Lassen wir Tasmania den Rekord.'“
Und wenn er doch fällt? Wichtig sei das nicht, sagte Becker. Tasmania habe schließlich noch andere unvergessene Negativmarken aufgestellt. Die meisten Gegentore etwa, „auch hatten wir in einem Spiel 800 Zuschauer, auch das ist Rekord. Das wird nie wieder erfolgen, außer bei Corona, das müssen wir ausklammern.“
Becker sorgt sich alles in allem mehr um Schalke als um Rekorde. „Das allerwichtigste ist, dass sie nicht absteigen“, sagte er: „Wenn sie das kommende Spiel auch noch verlieren, sind sie ganz dicke drin im Abstiegsstrudel.“ Tugenden seien deshalb wichtig, sagte Becker: „Einsatzwillen, Kampfgeist sowie mannschaftliche Geschlossenheit.“ Auf Schalke sagen sie Malochen. (sid)


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