Von Samstag bis Montag weilte der studierte Jurist in Belgien. Das GrenzEcho traf ihn in einem Hotel am Boulevard de Waterloo in Brüssel.
Mit einem Regierungsflieger bereisen Mathias Cormann und seine Delegation 26 der 38 Mitgliedsländer. Die Mehrheit um den australischen Premier Scott Morrison – und auch die Opposition – unterstützt die Bewerbung um die Nachfolge von Ángel Gurría. Insgesamt zehn Kandidaten bringen sich aktuell für die Spitzenposition in der OECD-Zentrale in Paris in Stellung. Am Sonntagmorgen führten wir mit dem zweifachen Familienvater, dessen Deutsch ein Vierteljahrhundert nach seiner Auswanderung inzwischen englisch gefärbt ist, folgendes Gespräch.
Sie befinden sich derzeit sozusagen auf einer Art Wahlkampftour durch die ganze Welt. Wie sind die ersten Vorstellungen gelaufen?
Am 6. Oktober habe ich den letzten Haushalt eingebracht und zwei Tage später meine Kandidatur angekündigt. Am 30. Oktober bin ich als Minister zurückgetreten und am 6. November als Senator. Zwei Tage später sind wir in Perth abgeflogen: zuerst in die Türkei, dann nach Dänemark, Deutschland, Schweiz, Slowenien, Luxemburg und jetzt Belgien. Spanien und Portugal stehen anschließend an. Nächstes Wochenende sind wir dann für ein paar Tage in Paris. Wir sind 32 Tage unterwegs. Daher ist ein Besuch aller 38 Länder praktisch nicht möglich. Zu den augenblicklich 37 Staaten gesellt sich am 1. Januar ja noch Costa Rica. Mit den Außen- und Finanzministern verschiedener Länder wie Norwegen, Finnland, Island oder Estland habe ich mich in den letzten Tagen virtuell über WebEx getroffen. Am 10. Dezember werde ich dann wieder in Australien zurückerwartet und mich in eine zweiwöchige Quarantäne begeben, die ich dann pünktlich zu Weihnachten beende.
Mit wem unterhalten Sie sich in erster Linie: Sind es Politiker oder eher hochrangige Beamte und Diplomaten?
Beides. In den Hauptstädten suche ich die nationalen Regierungsvertreter auf. Oft sind es die Außen- und Finanzminister, manchmal auch der Premierminister. Sie sind die Entscheidungsträger. Parallel dazu unterhalte ich mich aber auch virtuell mit vielen Botschaftern, die die Mitgliedsstaaten bei der OECD vertreten. Diese Gespräche sind generell mehr technisch fokussiert.
Geht es dabei um konkrete Themen oder ist es eher eine persönliche Präsentation?
Es ist beides. Zum einen möchte ich mich vorstellen und auf die Fragen eingehen, die die Mitgliedsstaaten zu meinen Ideen zur Zukunft der OECD haben. Es geht aber auch um einen Austausch zur Coronakrise und deren Bewältigung und um verschiedene andere Themenbereiche, die schon länger auf der Agenda der OECD im Bereich Wirtschaft oder in der Sozial- und Umweltpolitik stehen. Die Länder sind daran interessiert, meine Ansichten kennenzulernen.
Wen treffen Sie in Belgien?
Das ist zum einen Vizepremierminister Vincent Van Quickenborne sowie der europäische Handelskommissar Valdis Dombrovskis, der, wie ich vernommen habe, alle Kandidaten für die EU-Kommission anhört. Außerdem werde ich mit Sophie Wilmès telefonieren. Unser Premierminister hat vorab schon mit Alexander De Croo, Sophie Wilmès und Charles Michel gesprochen.
Ist Ihnen der Ausstieg aus der aktiven Politik schwergefallen?
Nein. Ich war insgesamt 24 Jahre in Australien in der Politik: zuerst im Hintergrund, dann im Senat und schließlich in der Regierung als Minister. Kein anderer Finanzminister in der Geschichte Australiens hat länger in dieser Position gedient als ich. Das ist doch was (lacht)! Ich musste aber jede Woche an das andere Ende des Landes fliegen. Canberra ist so weit von Perth entfernt wie Moskau von Brüssel. Nun möchte ich halt eine neue Herausforderung antreten, vielleicht mit einer kürzeren Distanz zwischen Wohnort und Büro.
Das wollen offenbar neun andere Kandidaten auch.
Ja, das stimmt. Es sind sieben Europäer: sechs aus der EU und ein Schweizer. Dazu gehören Präsidenten, Minister und ehemalige Europakommissare. Hinzu kommen ein Berater von Donald Trump und ein ehemaliger kanadischer Finanzminister. Es ist auf alle Fälle ein intensiver Wettbewerb. Die Aufgabe danach ist auch klar: Die Covid-Krise wird alles andere überschatten. Alle Länder werden sehr darauf fokussiert sein, das Wachstum anzukurbeln und Arbeitsplätze zu schaffen.
Wie läuft das Verfahren?
Am 1. November mussten die Bewerbungen vorliegen. Jeder geht nun seinen eigenen Weg. Unser Ziel ist es, mit jedem Mitgliedsstaat ein konstruktives Gespräch zu führen. Mein Vorstellungsgespräch bei der OECD findet am 3. Dezember statt. Mexiko, Kolumbien und Chile stehen anschließend noch an. Bis Ende Februar wird die OECD einen Konsens suchen. Der OECD-Botschafter Großbritanniens leitet das Auswahlverfahren. Nach der ersten Runde soll die Liste verkleinert werden. Die Kandidaten, die nicht genügend Unterstützung erfahren, werden dann wohl gebeten, sich zurückzuziehen. Dann geht der Prozess weiter… Eine Wahlkampagne ist erst am letzten Tag beendet. Am Ende braucht man Unterstützung oder wenigstens Akzeptanz von jedem Mitgliedsstaat, da es eine Entscheidung im Konsens ist. Daher sind die jetzigen Gespräche wichtig. Die Aufgabe wird zum 1. Juni 2021 für die Dauer von fünf Jahren vergeben.
Welche Trümpfe führen Sie ins Feld?
Die OECD ist eine sehr wichtige internationale Organisation. In Wirtschaftsfragen und Demokratie haben die Mitglieder dieselben Werte. Es ist eine homogene Organisation, die mit einer starken Stimme in wirtschafts-, sozial-, und umweltpolitischen Fragen international mit Nachdruck auftreten kann. Eine Hälfte meines Lebens habe ich in Europa verbracht, die andere in Australien. Ich habe die langjährige Erfahrung als Finanzminister in einem G20-Land und viel Wissen in der asiatischen Region sammeln können. Im nächsten Jahrzehnt wird das größte Weltwirtschaftswachstum in Asien stattfinden. Im Interesse der OECD-Staaten wird es daher wichtig sein, sich stärker in Asien zu engagieren. Zwischen Europa und den nicht-europäischen Mitgliedsstaaten kann ich eine Brücke bilden, weil ich verschiedene Perspektiven zusammenbringe. Es gibt trotz vieler Gemeinsamkeiten noch Meinungsverschiedenheiten in verschiedenen Politikgebieten, für die ein Konsens benötigt wird. In Sachen Konsensbildung habe ich jede Menge Erfahrungen im australischen Senat sammeln können. Ich könnte hier viele Brücken schlagen. Die wirtschaftspolitische Erfahrung spielt natürlich auch eine große Rolle.
Wie wichtig sind für Sie die Stimmen aus Europa in diesem Auswahlverfahren?
Sehr wichtig. 26 der 38 Mitgliedsstaaten sind in Europa. Aber hier gibt es ja auch eine große Anzahl an Kandidaten und darunter einige sehr starke. Es wird interessant sein, zu beobachten, wie Europa sich positionieren wird.
Wen betrachten Sie als die ärgsten Konkurrenten?
Ich glaube nicht, dass ich diese Frage öffentlich kommentieren sollte. Alle zehn Kandidaten haben sehr gute Lebensläufe.
Wie waren die Reaktionen auf die ersten Gespräche?
Jeder ist sehr höflich in den Gesprächen (lacht). Das ist gut so. Die europäischen Regierungen sind aber auch sehr ehrlich. Sie sagen natürlich, dass sie im Prinzip immer zuerst einen europäischen Kandidaten unterstützen. Am Ende hoffe ich, dass der Prozess zum bestmöglichen Kandidaten führt.
Welche Rolle spielen die USA?
Man muss abwarten, wie sich die Position der USA unter ihrem künftigen Präsidenten entwickelt. Unser Premierminister hat mit Joe Biden bereits über meine OECD-Kandidatur gesprochen. Die Amerikaner haben einen Trump-Berater ins Rennen geschickt. Die Unterstützung der USA wäre natürlich für mich sehr wichtig.
Seit wann beschäftigen Sie sich mit dieser Kandidatur?
Es war nicht meine Idee, sondern die des australischen Premierministers. Ich hatte ihn von meinen Absichten informiert, Ende des Jahres zurücktreten zu wollen. Ich wollte nicht noch einmal bei den nächsten Wahlen kandidieren und daher für einen reibungslosen Übergang sorgen. Dann hat er mich gefragt, ob ich bereit wäre, für Australien für diese Stelle zu kandidieren.
Sie würden sich im Falle einer Wahl mit der gesamten Familie in Paris ansiedeln?
Das ist der Plan.
Wie sieht Plan B aus, wenn es nicht klappen sollte?
Wenn man in einem Wettbewerb wie diesem engagiert ist, hat man kaum Zeit, an einen Plan B zu denken. Wir sind total auf Plan A konzentriert. Als australischer Kandidat unterstützt mich das Auswärtige Amt. Ein Berater begleitet mich, wir haben ein Team, das für die Logistik zuständig ist, und in jedem Land helfen uns unsere Botschafter.
Verfolgen Sie noch die belgische Politik?
Ich habe sie nie aus den Augen verloren. Auch die ostbelgische Politik, die deutsche und französische Politik habe ich immer im Auge behalten. Oliver Paasch kenne ich ja noch aus dem Jurastudium. Er ist ein Jahr jünger und war daher in Namur ein Jahr unter mir. Zusammen waren wir in der Destuna. Das ist aber jetzt sehr viele Jahre her.
Sprachlich schlagen Sie sich nach wie vor in Deutsch, Französisch und Niederländisch gut.
Mit dem Schweizer Finanzminister habe ich mich nur auf Deutsch unterhalten und mit dem luxemburgischen bei einem Abendessen dreieinhalb Stunden auf Französisch. Ja, das klappt alles noch! Mit dem Niederländischen tue ich mich inzwischen schon was schwerer, obschon ich in dieser Sprache mehrere Jahre studiert habe. Hier hat es in den vergangenen Jahren einfach an Gelegenheiten gefehlt, es zu praktizieren. Facebook ist seit Jahren eine gute Möglichkeit, Kontakte zu pflegen. So hatte ja auch das GrenzEcho immer einen direkten Draht zum australischen Finanzminister (lacht).

Kommentare
Kommentar verfassen