Jugendarbeiter aus Raeren reisen mit einem Wohnwagen durch die Gemeinde

<p>Die Jugendarbeiter aus Raeren, Eynatten und Hauset sind in diesem Sommer mobil in der Gemeinde unterwegs.</p>
Die Jugendarbeiter aus Raeren, Eynatten und Hauset sind in diesem Sommer mobil in der Gemeinde unterwegs. | Foto: privat

„Es war Zeit für einen Tapetenwechsel“, sagt Tom Rosenstein. Der 36-jährige Jugendarbeiter kann in dem Wohnwagen kaum aufrecht stehen, dabei ist das „Schätzchen“ erstaunlich geräumig. Es ist keines dieser klapprigen Modelle, man kann schon von gehobenem Komfort sprechen: Es gibt eine Kochnische mit Waschbecken und Kühlschrank, eine Toilette und zwei Sitzecken, die Platz für insgesamt acht Personen bieten und sich bei Bedarf zu Schlafplätzen umfunktionieren lassen.

Der Wohnwagen dient in diesem Sommer als mobiler Jugendtreff.

Der Wohnwagen ist das gemeinsame Projekt der drei Raerener Jugendtreffs. Die Jugendarbeiter aus Eynatten, Hauset und Raeren haben ihn mit allem ausgestattet, was sich zum Zeitvertreib eignet und Spaß macht: Wlan, Musik, Gesellschaftsspiele, Wasserpistolen, Hängematten, eine Dartscheibe, und, und, und. „Wir haben erst mal eine Grundausstattung angeschafft, die lässt sich natürlich beliebig aufstocken, je nach Bedarf“, sagt Yelena Mertens, Jugendarbeiterin in Eynatten. Ein Grill könnte die nächste Anschaffung sein.

Der Wohnwagen soll in diesem Sommer als mobiler Jugendtreff dienen, der an verschiedenen Orten innerhalb der Gemeinden Halt macht. Das Prinzip ist das gleiche, wie in den bestehenden Jugendtreffs: Die Jugendlichen kommen und gehen, wie es ihnen gefällt. „Alles ist ganz zwanglos“, betont Tom Rosenstein. Seine Kollegin ergänzt: „Viele fahren nicht in Urlaub, die Jugendlichen wollen trotzdem etwas erleben.“ Der Wohnwagen sei genau das richtige, um Urlaubsfeeling zu schaffen. Raeren statt Riviera, sozusagen.

Bislang spielte sich die Jugendarbeit auf dem Gebiet der Gemeinde hauptsächlich in den drei offenen Treffs in Raeren (Area48), Eynatten (Jugendtreff Inside) und Hauset (Jugendheim) ab. Das Ziel: ein Angebot für Jugendliche schaffen, die nicht in Vereinsstrukturen eingebunden sind. In den Treffs lernen sie Verantwortung, Respekt und soziale Kompetenz.

Rund 900 Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 20 Jahren leben in der Gemeinde und zählen somit zur potentiellen „Kundschaft“ der Jugendarbeiter. Zumindest laut Definition, denn woran man bei dem Begriff Jugendarbeit als erstes denkt, sind Problemfälle. Jugendliche, die auf die schiefe Bahn geraten sind. Rosenstein zögert kurz: „Auch, aber nicht nur.“ Die Jugendarbeiter seien für alle Jugendlichen da, ganz gleich ob sie aus schwierigen Verhältnissen kommen oder wohlbehütet aufwachsen. Das Erwachsenwerden ist für alle schwer. An dem Gefühlschaos, das mit der Pubertät einhergeht, kommt keiner von ihnen vorbei. Neben Identitätsfindung sei Liebeskummer ein „Riesenthema“, sagt Tom Rosenstein: „Von der Trauerintensität her folgt Liebeskummer direkt nach dem Verlust eines geliebten Menschen.“

In jedem erdenklichen Lebensbereich können die Jugendarbeiter Ansprechpartner sein. Auch, und gerade Intimes, das man lieber nicht mit den Eltern, der großen Schwester, dem älteren Bruder oder sonstwem aus der Familie bespricht, können die Jugendlichen ihnen anvertrauen. Grundvoraussetzung ist eine solide Vertrauensbasis. Rosenstein und seine Kollegen, die mal Zuhörer, mal Ratgeber, mal Trostspender sind, investieren viel Zeit in Beziehungsarbeit. Eine Aufgabe, die Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen bedarf. „Das geht man schneller, mal braucht es viel Zeit“, sagt Rosenstein. „Manche Jugendlichen vertrauen sich uns nach kurzer Zeit an, anderen muss man aus der Nase ziehen, was sie beschäftigt.“

Die aufsuchende oder auch mobile Jugendarbeit sei wichtig, allerdings bislang eher stiefmütterlich behandelt worden. „Jugendliche anzusprechen, die irgendwo abhängen, ist eher schwierig“, weiß Rosenstein. „Man drängt sich ja quasi auf, dabei wollen die vielleicht einfach nur ihre Ruhe haben.“ Der Wohnwagen sei ein gutes Argument, anzuknüpfen und wecke möglicherweise die nötige Neugierde, sodass die Jugendlichen aus eigenen Stücken auf die Jugendarbeiter zugehen. „Im Freien ist es noch mal eine Spur ungezwungener, als in einen Jugendtreff zu kommen“, pflichtet Yelena Mertens bei.

Erste Station ist der Kirchplatz in Hauset.

Auf dem mobilen Ferienprogramm steht, worauf auch immer die Jugendlichen gerade Bock haben: gemeinsame Aktionen starten, in der Abenddämmerung auf Klappstühlen am Lagerfeuer sitzen, unter freiem Himmel schlafen, bei schlechtem Wetter im Wohnwagen Karten spielen oder einfach nur abhängen. „Die Möglichkeiten sind endlos“, sagt Rosenstein, der selbst noch nicht genau weiß, was ihn erwartet: „Mal sehen, was sich ergibt. Wir sind jedenfalls super flexibel.“ Auch ein spontaner Wochenendausflug ans Meer sei denkbar. Das ganze ist ein Pilotprojekt. „Wir lassen es einfach mal auf uns zukommen und werden sehen, wie es ankommt.“ Los geht es heute (14 bis 16 Uhr) auf dem Kirchplatz in Hauset. Über Facebook und Instagram können die Jugendlichen die weitere Route verfolgen. Die drei Jugendtreffs sind unabhängig von dem Wohnwagen-Projekt zu den gewohnten Zeiten geöffnet.

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