Pipi Langstrumpf ist bärenstark, hat einen Koffer voller Gold und macht, was ihr gefällt. Für sie wäre es sicher kein Problem, eine neue Schule in Lichtenbusch aus dem Boden zu stampfen. Die Mehrheit im Raerener Gemeinderat setzt aber eher auf Realpolitik und lässt kein gutes Haar an einem Vorstoß der Opposition. „Wir sind ja nicht auf dem Niveau von Pipi Langstrumpf“, wetterte Schöffe Ulrich Deller (Ecolo) in der Ratssitzung. Im Bergscheider Hof flogen die Fetzen. So manche verbale Attacke ging dabei tief unter die Gürtellinie. Deller ließ Beschimpfungen auf die Opposition herabprasseln. Die Mandatare der CSL seien „naiv“, „doof“ und hätten „einen an der Waffel“. Was ließ den sonst so distinguierten Fliegenträger dermaßen die Contenance verlieren?
Zankapfel war die Zukunft der Gemeindeschule Lichtenbusch. Die Opposition sah in dieser Sache kein Vorankommen und hatte sich daher erst kürzlich an die Presse gewandt (siehe Artikel in der GE-Ausgabe vom 19. Juni 2020). Man wolle nun endlich eine Entscheidung herbeiführen, wurde auf diesem Weg mitgeteilt. Alle Fakten, um diese zu treffen, lägen auf dem Tisch, so der Tenor der CSL. Außerdem hielt die Opposition mit der von ihr präferierten Lösung für das Lichtenbuscher Platzproblem nicht hinter dem Berg. Ein Neubau ist aus ihrer Sicht die ideale Lösung. Laut ihrer Kostenrechnung, die Zahlenmaterial der wallonischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft (SPI) als Grundlage nimmt, liegt der Unterschied zwischen einem Neubau und den Baukosten, die durch eine angedachte Fusion mit der Schule Eynatten entstünden, bei 300.000 Euro. In der Ratssitzung forderte die CSP nun eine „Grundsatzentscheidung über die Beibehaltung eines Kindergartens und einer Primarschule bis zum sechsten Schuljahr in Lichtenbusch“. Sie drängte damit auf eine klare Positionierung.
Genau das aber brachte die Mehrheit in Rage. Er sehe es mit „sehr, sehr großem Befremden“ dass die Opposition diesen Punkt auf die Tagesordnung bringe, so Bürgermeister Erwin Güsting (Mit Uns). In der fraktionsübergreifenden Arbeitsgruppe sei man schließlich so verblieben, dass es noch Klärungsbedarf gebe. Es seien Zusatzfragen an die SPI gesandt worden und wenn Antworten im Herbst vorliegen, sollte in der Arbeitsgruppe weitergearbeitet werden. Dass die Opposition diese Vereinbarung nun nicht einhalte und den Weg an die Öffentlichkeit wähle, sei ein „Fauxpas“. Der Bürgermeister fand deutliche Worte: „Sich auf diese Art und Weise in Szene zu setzen, ist falsch, link und hinterlistig. Mit Fakten aus der Arbeitsgruppe so ein Bohei zu machen, ist nicht korrekt. Der Schule Lichtenbusch erweisen sie dadurch einen Bärendienst.“ Er appellierte dafür, „den eingeschlagenen Weg der sachlichen Debatte in der Arbeitsgruppe nicht zu verlassen“. Außerdem fügte er an, das Rechenmodell sei falsch. Die SPI gehe nämlich von Zahlen aus, die für den Raum Brüssel zutreffen. Kalkuliere man mit den Vorgaben der Deutschsprachigen Gemeinschaft, sehe das Ergebnis ganz anders aus: 8,3 Millionen Euro würde dann ein Neubau kosten, so Erwin Güsting. In diesem Preis seien weder Schulhof noch Außenanlage einbezogen. Auch der Erwerb eines Grundstückes oder das Anlegen einer Zufahrtsstraße seien nicht dazu gerechnet. August Boffenrath (Mit Uns) warf in Bezug auf die Problematik des fehlenden Grundstückes eine Frage in den Raum: „Wäret ihr denn bereit, die Menschen zu enteignen, um in Lichtenbusch eine Schule zu bauen?“
Man könne einfach zum jetzigen Zeitpunkt, ohne Kenntnisnahme aller erforderlichen Informationen, keine definitive Entscheidung treffen, so die Schlussfolgerung der Mehrheit.
Das sah die Opposition anderes: „Die Menschen in Lichtenbusch haben eine Entscheidung verdient.“ Aus ihrer Warte stellte sich das gesamte Geschehen anders dar: Bei der Erstellung des Fragenkatalogs für die SPI habe man sie außen vor gelassen. Es sei der Eindruck entstanden, die Entscheidungsfindung sei bewusst nach hinten gerückt worden und insgesamt wächst bei der Opposition die Angst, irgendwann vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. In den Reihen der CSL fragt man sich ernsthaft, ob die Mehrheit überhaupt an der Schule in Lichtenbusch festhalten will. Den Vorwurf der politischen Inszenierung wiesen die Mandatare weit von sich.
Der Ball wurde noch einige Mal von einem Lager ins andere geworfen. Kleinere und größere Beleidigungen schleuderten sich die Ratsmitglieder dabei an den Kopf. Statt in ein Buch von Astrid Lindgren, fühlte man sich als Zuschauer oftmals eher in die Muppet Show versetzt, bis Erwin Güsting dann schließlich zur Abstimmung bat. Es dürfte keine Überraschung sein, dass nur auf der Oppositionsbank für die Grundsatzentscheidung gestimmt wurde. Was das für die Schule in Lichtenbusch heißt, bleibt abzuwarten.

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